— Mein Mann hat mir verboten, weiterhin mit dir Kontakt zu haben, — erklärte meine Schwester

Mein Mann hat mir verboten, weiter mit dir zu sprechen, sagte meine Schwester.

Jeden Sonntag ruft Claudia ihre Schwester Annika an. Nach den Eltern, nach der Scheidung, nach allen Umzügen, Krankheiten und neuen Wohnungen. Ein Anruf und irgendwie ist die Welt dann ein bisschen sortierter. Es wird ruhiger, das Leben läuft weiter.

Hallo, Annikas Stimme klingt seltsam. Wie ein Glas, das gespült wurde, aber noch feucht ist.

Hallo! Claudia merkt sofort, dass irgendwas nicht stimmt. Aber sie lächelt trotzdem. Ist halt so ein Reflex.

Es ist eine kleine, kaum hörbare Pause. Aber Claudia fällt sie sofort auf.

Äh, fängt Annika an, nimm es mir nicht übel, ja?

Nimms mir nicht übel bei der Formulierung weiß man sofort, dass jetzt nichts Gutes kommt. Schlimmer als Wir müssen reden. Schlimmer sogar als Lass dich nicht aufregen.

Mein Thomas möchte nicht mehr, dass ich Kontakt zu dir habe.

Wie bitte?

Na ja, er findet, dass du keinen guten Einfluss hast. Auf uns, auf die Familie.

Claudia will irgendwas Schlaues sagen. Oder wenigstens irgendwas Verständliches. In ihrem Kopf geistert nur ein einziges, kurzes, dafür aber sehr passendes Wort herum. Aber das kann sie unmöglich laut sagen.

Willst du mich veräppeln, Annika?

Nein, Claudi. Das ist wirklich sein Ernst.

Draußen vor dem Fenster schüttelt die große Linde ihre Äste. Weiß sie Bescheid, oder ist sie genauso ratlos?

Claudia sieht Annika als kleines Mädchen vor sich, wie sie sich damals vor der Dunkelheit fürchtete und sich heimlich zu ihr ins Bett verkroch. Wie sie sie nach der Scheidung mit Kartoffelsuppe aufgepäppelt hat und gesagt hat: Wir schaffen das.

Und jetzt soll sie angeblich ein schlechter Einfluss sein.

Und wie genau beeinflusse ich euch denn so negativ? fragt Claudia. Ihre Stimme bleibt ruhig, kostet sie aber Mühe.

Na ja, Thomas meint, du würdest mich gegen ihn aufbringen. Das halt.

Wirklich sehr informativ.

Annika. Ich mag deinen Thomas doch sogar. Ein bisschen zumindest.

Claudi, lass gut sein.

Was denn lassen?

Na das alles halt.

Claudia schaut aufs Handy.

Okay, sagt sie leise. Verstehe.

Versteht aber eigentlich gar nichts.

In der nächsten Woche ruft Annika nicht einmal an. Allein das ist schon ungewöhnlich.

Claudia hält bis Mittwoch durch, dann ruft sie selbst an.

Es tutet lange. Dann ist Stille.

Donnerstag nochmal. Das gleiche Spiel. Freitag schreibt sie eine Nachricht: Annika, alles gut bei dir? Die Haken werden sofort blau. Aha, gelesen.

Aber keine Antwort.

Claudia starrt lange auf diese blauen Häkchen. Wie auf eine Diagnose.

Sie sitzt in der Küche, trinkt Tee und denkt: Okay, nehmen wir mal an, Thomas hats verboten. Das ist doch völliger Quatsch, oder? Sie ist eine erwachsene Frau, fünfzig Jahre alt, zwei Kinder und jetzt verbietet er ihr, jemanden zu treffen? Was ist das überhaupt für ein Wort? Als wäre sie ein Teenager, die nicht nach neun raus darf.

Claudia trinkt den Tee aus, stellt die Tasse ab, schaut zum Fenster hinaus.

Na gut, sagt sie leise zu sich selbst. Ist eben so.

Sie ruft Annikas Nachbarin Rita Schneider an, mit der sie früher oft zusammen auf dem Kinderfest war.

Rita, hast du Annika in letzter Zeit mal gesehen?

Ja, Rita schweigt kurz. Gestern, im Supermarkt. Mit Thomas zusammen.

Und, wie gings ihr?

Weiß nicht. Sie hält immer Abstand, wenn er dabei ist.

Claudia legt auf.

Zum Geburtstag von Claudia im September ist Annika zum ersten Mal nicht gekommen. Hat nur eine SMS geschrieben: Alles Liebe zum Geburtstag, diesmal gehts leider nicht. Und das wars. Keine Erklärung, kein Anruf.

Claudia sitzt mit zwei Freundinnen am Tisch, tut so, als wäre alles prima. Die eine fragt:

Wo ist eigentlich deine Schwester?

Viel zu tun, sagt Claudia.

Ihre Freundin Steffi beugt sich vor und flüstert:

Meinst du, Thomas hat es ihr verboten?

Ich weiß es nicht, Steff.

Ihre Nachbarin sagt, er kontrolliert ihr Handy. Jeden Abend sitzt er da und checkt alles: Fotos, Chats, Anrufe, alles durch.

Claudia sagt nichts.

Und sogar beim Einkaufen geht er mit selber! Ein gestandener Kerl, 52 Jahre alt geht immer mit. Sagt, sie kann die Taschen nicht tragen. Voll fürsorglich, oder?

Vielleicht sorgt er sich ja wirklich.

Claudi, Steffi sieht sie ernst an, Fürsorge und Kontrolle sind zwei verschiedene Paar Schuhe.

Claudia antwortet nicht. Sie stellt die Torte auf den Tisch. Pustet die eine Kerze aus, schließlich zündet niemand siebenundfünfzig Kerzen an. Wünscht sich still was. So einen Wunsch, den man nicht laut aussprechen darf.

Der Oktober zieht still vorbei. Der November auch. Claudia schreibt noch zweimal: Annika, ich warte auf dich. Wenn was ist, melde dich. Häkchen werden blau. Aber keine Antwort.

Im Dezember ruft eine andere Nachbarin an, Elisabeth.

Claudia, sorry, dass ich so störe. Aber ich hab gestern was gehört. Die Wände sind dünn, weißt du. Er hat sie angeschrien. Lange. Worte hab ich nicht verstanden, aber der Tonfall.

Claudia sagt nichts.

Sie hat nichts erwidert, ergänzt Elisabeth leise. Gar nichts. Weißt du, das ist schlimmer, als wenn sie zurückgeschrien hätte.

Claudia steht mitten in der Küche mit dem Hörer und sieht aus dem Fenster.

An einem Samstag fährt Claudia dann einfach hin. Ohne Ankündigung. Sie kauft Mandarinen ist ja Dezember, warum nicht. Steht vor dem Mehrfamilienhaus und drückt auf den Klingelknopf.

Ja? Thomas am anderen Ende.

Thomas, hier ist Claudia. Annikas Schwester.

Pause. Eine lange, förmliche Pause, als würde drüben gerade eine Staatsaffäre entschieden.

Annika ist nicht zu Hause.

Okay. Ich warte.

Du kannst lang warten. Sie kommt erst heute Abend wieder.

Thomas, gib ihr bitte die Mandarinen sie isst die doch gern.

Mach ich. Lass sie an der Tür. Ich hol sie gleich.

Klack, aufgelegt.

Claudia bleibt noch einen Moment stehen. Legt die Tüte auf die Stufe. Überlegt. Nimmt sie dann doch wieder mit.

Weil sie weiß: Er wird sie nie übergeben.

Nicht aus Bosheit. Er macht es einfach nicht. Annika würde gar nichts davon erfahren, dass ihre Schwester mit Mandarinen vor der Tür gewartet hat wie die letzte Dumme.

Claudia fährt nach Hause. Legt die Mandarinen auf den Tisch in der Küche. Setzt sich und starrt sie an.

Orange, leuchtend. Annika mochte die schon als Kind. Sie meinte immer, Mandarinen riechen wie Weihnachten.

Claudia schält eine, isst sie.

Sie riecht nach Weihnachten.

Sie isst die Mandarine auf, sammelt die Schale auf einem Haufen. Draußen ist es längst dunkel Dezember, sechs Uhr und Nacht wie im Januar.

Um halb elf klingelt das Handy.

Claudia ist noch wach, sitzt mit einem Buch am Küchentisch.

Unbekannte Nummer.

Hallo?

Stille. Dann ein leises, zittriges Atmen.

Claudi.

Die Stimme ganz leise, als wolle sie vermeiden, dass jemand im Nebenzimmer etwas hört.

Annika?

Mach bitte auf. Ich bin unten vor der Tür.

Claudia springt schon auf. Das Buch fällt auf den Boden. Egal.

Ich komme.

Annika steht vor der Tür, mit einer kleinen Reisetasche offensichtlich in Eile gepackt. Mantel offen, Dezember eben. Die Augen ganz rot und verweint.

Claudia macht auf, so weit es geht.

Komm rein.

Mehr sagt sie nicht. Nimmt ihr still die Tasche ab und stellt sie in den Flur.

Annika geht in die Küche, bleibt in der Mitte stehen. Claudia setzt schon den Wasserkocher auf.

Setz dich.

Annika gehorcht. Legt die Hände auf den Tisch.

Er hat rausgefunden, dass ich dich angerufen habe.

Wann?

Vor drei Wochen. Hatte auf der Arbeit das Diensthandy einer Kollegin genommen. Dachte, das merkt er nicht.

Claudia schweigt. Der Wasserkocher rauscht langsam.

Er hat die Telefonrechnung geprüft. Die Nummer gefunden. Sie selbst angerufen, Svenja hats ihm erklärt. Wusste von nix.

Und dann?

Annika seufzt.

Dann hat er drei Stunden lang gesprochen. Wieso ich ihn verrate. Wieso du mich gegen ihn aufbringst. Wieso überhaupt alles, was ich selber mache, falsch ist.

Claudia hört einfach nur zu. Ohne Einwurf, ohne wie kann das sein?. Sie weiß: In dem Moment zählt nur das Zuhören.

Weißt du, was mir richtig komisch vorkommt? Annika sieht Claudia an. Eigentlich macht er ja nichts Schlimmes, weißt du. Er schlägt nicht, trinkt nicht, arbeitet, bringt Geld nach Hause. Brüllt nicht. Klar, er schaut immer aufs Handy, weiß besser als ich, was ich anziehen soll oder wohin gehen. Aber das ist doch… normal, oder? Das ist doch einfach so sein Typ?

Sie sieht Claudia an, als wolle sie unbedingt, dass sie antwortet: Ja, ist normal. Geh ruhig wieder nach Hause.

Claudia bleibt still.

Echt jetzt? fragt Annika ganz leise.

Nein, sagt Claudia. Ist nicht normal.

Annika starrt in ihre Teetasse.

Wann hast du das letzte Mal selber was entschieden?

Keine Ahnung.

Wann hast du das letzte Mal das gemacht, was du wolltest und musstest dich hinterher nicht rechtfertigen?

Draußen schneit es. Der erste Schnee, dicke Flocken, langsam und leise.

Ich weiß es nicht mehr, sagt Annika.

Die Stimme ruhig, fast zu ruhig. Schlimmer als Weinen.

Heute Abend stand ich im Flur, habe meine Stiefel angezogen. Er fragt: Wohin? Ich: Zu Claudia. Er: Ich verbiete es. Sie zögert. Dann habe ich trotzdem den zweiten Stiefel angezogen, meine Tasche gepackt. Und bin gegangen.

Claudia sieht sie lange an.

Hatte er nicht erwartet, sagt Annika und lächelt schief. Ich übrigens auch nicht.

War genau richtig.

Ich weiß nicht. Sie schüttelt den Kopf. Weiß noch nicht, ob es richtig war. Im Moment… sucht nach dem Wort …kann ich einfach atmen. Einfach so. Das ist ungewohnt.

Claudia steht auf, holt eine alte karierte Wolldecke, die noch von der Mutter ist. Legt sie Annika über die Schultern.

Annika zieht an der Decke, langsam.

Darf ich hier übernachten?

Na klar.

Er wird anrufen.

Soll er.

Er wird dauernd anrufen.

Dann soll er eben.

Annika nickt. Plötzlich:

Claudi, weißt du noch, wie wir früher unter dem Esstisch versteckt haben, wenn die Eltern gestritten haben?

Klar.

Ich hab immer gedacht: Wenn man leise bleibt, geht es vorbei. Dann hören sie auf. Bloß nicht rauskommen.

Claudia sagt nichts.

Bei Thomas ist es genauso. Ich bleibe leise und hoffe, es geht vorbei. Nach sieben Jahren… sie lacht traurig …warte ich immer noch.

Claudia bleibt stumm. Schenkt Tee nach, schiebt ihr die Blechdose mit Haferkeksen hin, die Annika so gerne mag.

Weißt du, was er über dich sagt? fragt Annika.

Dass ich ein schlechter Einfluss bin?

Das laut. Aber auch, dass du neidisch bist, allein. Dass du bei anderen immer alles besser weißt. Dass deine Meinung Gift für unsere Familie ist.

Claudia zieht die Augenbrauen hoch.

Gift?

Gift. Sein Wort.

Annika bleibt drei Tage.

Sie trinken morgens zusammen Tee, schauen abends irgendeinen kitschigen Film mit Happy End. Thomas ruft an. Erst oft, dann seltener. Beim letzten Mal geht Annika mit dem Handy raus auf den Flur. Claudia hört nur ihre ruhige Stimme, keine Tränen, kein Ärger.

Annika kommt zurück, setzt sich.

Ich fahre heute wieder.

Okay, sagt Claudia.

Willst du nicht wissen, warum?

Nein.

Annika zögert.

Weil es mein Zuhause ist. Mein Leben. Sie fährt mit dem Finger über die Tasse.

Claudia nickt, steht auf, packt ihr Kekse und Mandarinen ein. Annika schaut zu und sagt nichts.

Im Flur, als sie die Stiefel anzieht, sagt Annika:

Ich sag ihm alles. Dass er weiterhin mein Mann sein kann, aber nicht darüber bestimmen darf, mit wem ich reden oder befreundet sein möchte.

Claudia bleibt still, sieht zu, wie Annika ihren Mantel schließt.

Vor der Tür nehmen sie sich lange in den Arm.

Claudi, sagt Annika an ihrer Schulter, es tut mir leid, dass ich so lange still war.

Ist schon gut.

Nein. Ist es eigentlich nicht.

Claudia antwortet nicht. Sie hält die Schwester einfach fest, wie früher, als Annika im Dunkeln zu ihr unter die Decke gekrochen ist.

Dann geht Annika.

Claudia steht am Fenster und schaut ihr nach. Die Tüte mit Mandarinen in der Hand.

Claudia setzt den Wasserkocher auf.

Und dieses Mal schaut sie nicht mehr unruhig aufs Handy.

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Homy
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