An meiner Seite muss eine junge und schlanke Frau stehen, sagte mein Mann kurz vor dem Jubiläum.
Heute
Matthias probierte nun schon seit zwanzig Minuten seinen neuen Anzug an.
Er drehte sich seitlich, dann wieder nach vorne, zupfte am Revers, und betrachtete sich wieder von der Seite. Der Spiegel im Schlafzimmer war groß, stabil aus Nussbaumholz, italienisch, ein Erbstück aus der Zeit, als er noch auf Geschäftsreise ging und allerlei mitbrachte. Geduldig spiegelte er einen Sechzigjährigen mit Bauch wider, den kein Jackett verhüllen konnte.
Klara saß am Bettrand und schaute ihm zu.
Du solltest dir auch etwas Passendes raussuchen, sagte Matthias, ohne den Blick abzuwenden.
Ich habe noch das blaue Kleid.
Das Blaue, er sagte es, als spräche er von Milch oder von der Stromrechnung. Das Kleid haben schon alle hundertmal gesehen.
Klara schwieg.
Es werden viele Leute da sein, fuhr Matthias fort und zupfte am Revers. Geschäftspartner. Leute, auf die es ankommt. Alle werden hinschauen.
Klara nickte. Sie verstand. Das hatte sie in fünfunddreißig Ehejahren oft gehört. Erst nur Kollegen, dann Partner, später wichtige, dann sehr wichtige Kontakte. Die Karriereleiter ging immer weiter nach oben. Die Anzüge wechselten, die Sätze blieben.
Neben mir sollte eine junge und schlanke Frau stehen, sagte Matthias.
Pause.
Klara begriff nicht sofort, dass er sie meinte. Vielleicht ein Scherz? Manchmal scherzte Matthias selten, aber es kam vor.
Kauf dir wenigstens mal ein vernünftiges Kleid, fügte er an und drehte sich wieder zum Spiegel.
Klara sah sein Spiegelbild an.
Wie immer.
Gut, sagte sie leise und stand auf.
Matthias drehte sich nicht um.
Klara kaufte sich ein Kleid beige, mit Gürtel. Zwei Stunden verbrachte sie im Einkaufszentrum, probierte sieben an, stand vor der Kabine und sah ihr Spiegelbild an, wie man etwas Unvermeidbares betrachtet.
Zuhause hängte sie das Kleid an die Schranktür und stellte sich in die Küche, um Suppe zu kochen.
Am Samstag rief Gertrud an.
Wie gehts dir?
Klara schwieg eine Sekunde. Genau eine Sekunde. Dann sagte sie:
Geht schon. Habe ein Kleid gekauft.
Lass mich raten. Beige?
Ja, beige.
War klar, seufzte Gertrud in dem Ton, der in vierzig Jahren Freundschaft Worte überflüssig machte. Komm vorbei. Wir reden.
Klara kam am Nachmittag. Gertrud wohnte im Nachbarviertel, fünfzehn Minuten mit dem Bus, eine andere Welt, wenns ums Herz geht. Sie stellte Wasser auf, schnitt den Apfelkuchen, fragte dann einfach:
Wie? Hat er das wirklich so gesagt? Jung und schlank?
Genau so.
Und du?
Nichts.
Gertrud musterte Klara. Lange. Wie man jemanden anschaut, den man sehr gut kennt und plötzlich kaum wiedererkennt. Dann fragte sie:
Klara, wann hast du zuletzt etwas nur für dich gemacht?
Klara wollte antworten, öffnete den Mund. Doch sie wusste partout nichts. Erst nach einer Weile suchte sie in ihrer Erinnerung.
Also sie hat sich ein Kleid gekauft.
Für das Jubiläum ihres Mannes.
War das für sich?
Gertrud goss Tee ein, Klara dachte weiter, doch es ging schwer. Da waren Englischkurse, die sie nach drei Monaten abbrach die Kinder waren zu klein. Ein Schwimmbadabo, nie genutzt. Eine Studienfreundin, den Kontakt verloren keine Zeit damals, dann wurde es peinlich. So lange her, dass Klara nicht einmal traurig wurde, sie erinnerte sich kaum noch daran.
Ich weiß es nicht, sagte sie.
Gertrud nickte, als habe sie genau das erwartet.
Sag mal, erinnerst du dich, wie du einmal an die Ostsee wolltest? Vor zehn Jahren. Sagtest, wenn die Kinder ausziehen, fahrt ihr mit Matthias an die Ostsee.
Klara erinnerte sich.
Und?
Tja, sagte Klara. Die Kinder sind aus dem Haus. An die Ostsee sind wir nie gefahren.
Warum?
Matthias war immer beschäftigt. Dann ich. Dann wars irgendwie vergessen.
Gertrud schwieg. Draußen fiel feiner Novemberregen nass und sinnlos. Klopfte gegen das Fenster, völlig ziellos.
Klara, meinte Gertrud leise. Er sieht dich nicht mehr.
Klara schwieg.
Ich sage nicht, geh oder bleib. Doch: Er sieht dich nicht mehr. Und du wartest nur, dass er es endlich tun könnte.
Ich warte nicht.
Genau.
Klara fuhr in der Dämmerung zurück. Der Bus war leer. Am Fenster sah sie den nassen Asphalt, die Lichter, die Menschen mit Schirmen. Alles vertraut und namenlos.
Matthias war in diesen Tagen sehr beschäftigt. Abends telefonierte er, lachte im Arbeitszimmer. Einmal kam Klara herein, er legte schnell das Handy zur Seite, dann entspannte er sich:
Ach, du bists. Berufliches.
Am nächsten Tag sagte Matthias beim Abendessen, so nebenbei:
Zum Fest kommt Barbara Winkler. Aus unserer Entwicklungsabteilung. Sehr interessante Frau, habe ich schon erzählt?
Nein.
Na siehst du. Klug, engagiert. Sie ist … siebenunddreißig. Kurze Pause. Oder achtunddreißig.
Klara legte die Gabel hin, nahm sie wieder auf, aß ein Stück Putenbrust. Schwieg.
Matthias aß sein Brot, trank Wasser, sah aus dem Fenster.
Sie macht übrigens Yoga. Sagt, das tut dem Rücken gut.
Klara räumte den Teller ab, spülte ihn und stellte ihn zum Trocknen.
Gute Nacht, sagte sie und ging ins Schlafzimmer.
Sie lag auf dem Rücken, starrte an die Decke. Yoga. Entwicklungsabteilung. Interessante Frau. Sie hörte, wie Matthias noch im Arbeitszimmer telefonierte.
Klara schloss die Augen.
Es tat nicht mehr weh.
Am nächsten Morgen stand Klara um sechs Uhr auf. Sie setzte Wasser auf, schnitt Brot und deckte wie gewohnt den Tisch. Matthias kam, nahm seine Tasse, blickte aufs Handy. Keinen Gruß.
Dann las Matthias noch etwas auf dem Handy, schmunzelte kurz, trank aus, stand auf.
Ich komme heute spät.
Ist gut, sagte Klara.
Die Tür fiel ins Schloss. Es wurde ruhig.
Klara trank ihren Tee aus, stellte die Tasse ab und sah das beige Kleid an, das an der Schranktür hing.
Sie müsste es noch bügeln. In fünf Tagen war das Jubiläum.
Sie stand auf, holte das Bügeleisen.
Und plötzlich begriff sie glasklar: Sie bügelt dieses Kleid heute zum ersten und zum letzten Mal.
Am Tag des Jubiläums stand Klara um sieben Uhr auf.
Schon um neun rief Gertrud an.
Und?
Weiß ich noch nicht, sagte Klara.
Doch, meinte Gertrud. Du weißt es längst.
Das stimmte.
Klara ging ins Schlafzimmer. Das beige Kleid hing ordentlich gebügelt, mit Gürtel, am Schrank. Sie betrachtete es drei Minuten. Dann nahm sie es ab, legte es zusammen und auf das Bett.
Sie öffnete den Schrank, holte ihre dunkelblauen Jeans hervor. Fast nie getragen, vor zwei Jahren gekauft, weil sie gefielen. Dazu eine weiße Bluse. Sie zog sich an und betrachtete sich im Spiegel mit Nussbaumrahmen.
Nichts Besonderes. Einfach eine Frau. Achtundfünfzig. Keine Taille.
Dann setzte sich Klara an den Tisch und schrieb einen Brief.
Sie schrieb lange, vierzig Minuten vielleicht. Strich durch, begann neu. In der ersten Version erinnerte sie sich an die kleine Wohnung mit Schimmel im Bad, an all die Nächte, in denen sie seine Berichte schrieb, wenn er nicht nachkam, an Mamas Ohrringe, die sie verkaufte, um eine offene Rechnung 1998 zu begleichen, an die Kindergartenfeste, zu denen sie immer alleine ging, weil Matthias in Meetings war, immer in Meetings, und noch an so vieles. Sie las es durch und strich alles.
Unnötig.
Am Ende war der Brief kurz. Fast nichts.
Aber genau das.
Sie faltete das Blatt, steckte es in einen Umschlag und adressierte es.
Packte ihre Tasche und ging.
Gegen vierzehn Uhr füllte sich das Restaurant Rubin, das Matthias persönlich drei Monate ausgewählt, mehrmals angerufen, Livemusik und Parkplätze geklärt hatte, schon mit Leuten. Geschäftspartner. Die Kinder Felix kam extra aus Hamburg, Anna brachte ihren Mann mit. Kollegen mit höflichem Lächeln, das man in der Freizeit nicht recht einordnen kann. Manche brachten Blumen, andere Umschläge.
Matthias stand am Eingang im neuen Anzug. Reichte die Hand, lächelte, begrüßte: Schön, dass Sie da sind. Alles lief nach Plan. Livemusik, weiße Lilien auf den Tischen, Kellner schwebten anmutig herum.
Neben ihm stand niemand.
Er dachte zunächst, Klara verspätet sich. Kam vor. Dann wartete er, sah immer wieder zur Tür, zwischen den Begrüßungen sicher kommt sie gleich. Die Tür ging auf, neue Gäste kamen. Aber keine Klara.
Um halb drei fragte Anna:
Papa, wo ist Mama?
Die kommt gleich, meinte Matthias.
Anna sah ihren Vater prüfend an. Fragte nicht weiter, ging zurück.
Um drei brachte der Kellner einen Umschlag.
Für Sie abgegeben, sagte er höflich und verschwand.
Matthias nahm den Umschlag, stand damit einen Moment da. Er ging zum Fenster, abseits von Gästen und Musik.
Öffnete.
Nur zwei Zeilen:
Ich stand fünfunddreißig Jahre an deiner Seite ohne Geld, ohne Sicherheit, mit nichts außer mir. Wenn du jetzt eine junge, schlanke Frau willst dann such sie. Ohne mich.
Das war alles.
Matthias las den Brief einmal. Noch einmal. Klara hatte immer ordentlich geschrieben, wie eine Buchhalterin, ohne Fehler.
Er steckte den Brief in die Jackentasche, neben das Handy.
Ging zu den Gästen zurück, hob das Glas. Sprach von sechzig Jahren, vom Weg, von den Menschen, ohne die es nicht gegangen wäre. Gute Rede. Applaus. Livemusik spielte einen flotten Swing.
Einmal ging Matthias doch hinaus, zum Telefonieren, angeblich. Stand vorm Restaurant in novemberkalter Luft, Jackett offen. Wählte Klaras Nummer. Langer Freiton. Dann Stille.
Er steckte das Handy ein. Blieb noch stehen. Schaute auf die nasse Straße, Laternen, parkende Wagen. Irgendwo müsste ihr Wagen stehen, der silbergraue VW, den Klara allein gekauft hatte, vor sieben Jahren, ohne ein Wort zu ihm. Sie kam einfach eines Tages mit neuem Auto an.
Gekauft, sagte sie damals.
Allein? fragte er.
Allein.
Was er damals erwiderte, wusste er nicht mehr. Wahrscheinlich, sie hätte ihn fragen sollen. Oder er hätte eine andere Marke genommen.
Kein Wagen vor dem Restaurant.
Matthias ging zurück. Hob sein Glas. Jemand hielt eine weitere Rede.
In der Pause kam Felix:
Kommt Mama nicht?
Nein, sagte Matthias.
Was ist los?
Nichts. Iss und trink.
Felix wollte mehr fragen, ließ es aber. Er kannte diesen Ton. So hatte der Vater immer Unangenehmes abgetan Rechnungen, Fragen, Menschen. Ende der Diskussion. Felix ging zu Anna, sagte ihr etwas leise. Anna sah ihren Vater an.
Am Nebentisch lachte Barbara Winkler aus der Entwicklungsabteilung laut und herzlich, warf den Kopf zurück. Matthias blickte einen Moment auf sie, senkte dann den Blick.
Den Brief in der Tasche spürte er deutlich.
Während im Rubin die Gläser klirrten und jemand einen Trinkspruch auf die Weisheit des Alters ausbrachte, saß Klara bei Gertrud in der Küche.
Sie trank Tee. Der Mohnkuchen war schon gestern gegessen. Gertrud hatte Buchweizen gekocht, Butter und Brot hingestellt.
Iss, sagte Gertrud.
Das Handy vibrierte. Display nach unten, doch Klara wusste, wer anrief. Matthias.
Sie nahm es in die Hand. Legte es zurück.
Nimmst du nicht ab? fragte Gertrud.
Nicht jetzt.
Das Handy verstummte, summte kurz darauf noch einmal Nachricht. Klara schaute nicht hin.
Sie trank ihren Tee aus, stellte die Tasse hin.
Zum ersten Mal seit langer Zeit musste sie nirgendwo hin. Sie musste nichts kochen, nichts bügeln, nichts auswählen. Musste nicht neben jemandem stehen und auf Anerkennung hoffen.
Sie saß einfach da.
Matthias kam zwei Wochen später.
Er rief vorher an Klara ging dran. Fragte: Darf ich kommen?
Sie öffnete die Tür. Er stand ohne Krawatte auf der Türschwelle, fast nie verlässt Matthias das Haus ohne Krawatte.
Komm rein, sagte Klara.
Er setzte sich an den Küchentisch. Matthias schwieg lange, sah auf die Tischplatte. Dann sagte er:
Ich hatte Angst. Vor dem Altwerden. Vor mir. Habe das Dümmste gesagt, was ich je sagte.
Klara schwieg.
Ich dachte nicht, dass du gehst, sagte er weiter.
Ich weiß, antwortete Klara.
Kommst du zurück?
Klara setzte sich ihm gegenüber. Schaute ihn an, die Stirnfalte, die vor zehn Jahren kam und nie mehr ging.
Ich weiß es nicht. Noch nicht.
Matthias nickte. Überredete nicht, das war neu.
Ich habe dich schon lange nicht mehr gesehen.
Ich weiß. Entschuldige, sagte er leise.
Matthias trank aus, stand auf, zog die Jacke an.
Ich rufe an, sagte er.
Tu das, antwortete Klara.
Er ging. Sie begleitete ihn nicht zur Tür. Sie blieb am Fenster. Sah, wie er im Hof erschien, zum Auto ging, einstieg.
Der Wagen stand noch einen Moment, fuhr dann davon.
Klara blieb am Fenster stehen, schaute auf den Schnee. Und sie hatte es nicht mehr eilig.
Denn manchmal braucht das Herz einen klaren Schnitt, um sich selbst wiederzusehen. Wer sich selbst vergisst, kann für niemanden wirklich sichtbar sein.





