Ab jetzt wirst du bei deiner Mutter Mittag essen. Sie kocht doch einfach hervorragend, sagte Annemarie zu ihrem Mann nach der Hochzeit.
Die Hochzeit von Annemarie und Martin war schön. Ohne großes Tamtam. Ungefähr dreißig Gäste, ein Berg Kartoffelsalat, Tante Gertrud am Akkordeon, ein Toast auf “Glück und Liebe”. Alles so, wie es sich gehört.
Am nächsten Tag rief Frau Edeltraud an.
Martinchen, hast du gegessen? fragte sie mit der Stimme einer Mutter, die die Antwort schon weiß und mit ihr nicht zufrieden ist.
Habe ich, Mama.
Was hast du gegessen?
Ein Spiegelei.
Eine Pause. Lang. Bedeutend. Wie vor der Urteilsverkündung.
Ein Spiegelei, wiederholte Edeltraud leise, als wäre das nicht die Antwort, sondern eine niederschmetternde Diagnose.
Annemarie stand mit einer Tasse Kaffee am Fenster und hörte zu.
Am nächsten Tag derselbe Anruf. Und am übernächsten. Und drei Tage später wieder. Das Skript war immer gleich: Hast du gegessen?, Was hast du gegessen?, gefolgt von einer kurzen Stille, in der alles lag: Was ist das bloß für eine Frau, die ihren Mann nicht ordentlich verköstigen kann.
Einmal kam Edeltraud persönlich vorbei. Sie rief von unten an: Ich war ohnehin gerade in der Nähe. In der Nähe bedeutete: mit drei Töpfen und einer Tasche, aus der Dill herausschaute.
Ich habe Rinderbrühe mitgebracht. Und Frikadellen. Martinchen liebt doch Frikadellen.
Annemarie öffnete die Tür. Lächelte. Setzte Wasser für Tee auf.
Edeltraud begab sich in die Küche, sah sich mit einem kritischen Blick um, fast wie eine Gesundheitsinspekteurin, und sagte ganz leise, fast flüsternd:
Annemarie, das Gemüse solltest du vor dem Kochen abwaschen. Viele machen das nicht, ich sags nur.
Natürlich, sagte Annemarie.
Und die Zwiebeln am besten extra anschwitzen. Sonst werden sie bitter.
Alles klar.
Und das Fleisch, Annemarie, das muss man…
Frau Edeltraud, unterbrach Annemarie, möchten Sie vielleicht einen Tee?
Edeltraud wollte. Und erklärte weitere eineinhalb Stunden sehr ausführlich, wie man Zucchini richtig schmort.
Abends kam Martin von der Arbeit, schaute in die Töpfe und sagte: War Mama da? mit einer Freude, als wäre Annemarie überflüssig, wie ein Kamin, der nur für Gäste befeuert wird.
Sie sah ihn an. Dann die Töpfe.
Martin, sagte sie ruhig, ab jetzt isst du bei deiner Mutter zu Mittag. Sie kocht doch so toll.
Martin lachte. Dachte, es sei ein Scherz.
Annemarie lachte nicht.
Meinst du das ernst? fragte er.
So ernst wie nie zuvor, sagte Annemarie und drückte den Knopf am Wasserkocher.
Am Samstag, um halb zwei, tauchte Martin bei seiner Mutter auf.
Das ergab sich einfach so. Annemarie war morgens zur Arbeit gefahren, hatte einen Zettel dagelassen: Im Kühlschrank sind Eier und Quark. Martin stand drei Minuten vor dem offenen Kühlschrank, betrachtete die Eier, betrachtete den Quark. Schloss die Tür. Rief seine Mutter an.
Martinchen?
Mama, bist du zuhause?
Wo sollte ich sonst sein? Kommst du vorbei?
Wenns dir recht ist.
Edeltraud war nichts lieber als das.
Als er ankam, stand das Mittagessen schon auf dem Tisch: Rinderbrühe, Frikadellen, Gurkensalat, das Brot schon aufgeschnitten, die Butter extra auf einem Unterteller. Der Tee war bereits aufgebrüht. Und in einer kleinen Schale lagen Croûtons mit Knoblauch, die Martin seit seiner Kindheit mochte.
Setz dich, setz dich, Edeltraud wuselte um ihn herum. Die Suppe ist heiß, iss gleich. Die Frikadellen sind ganz frisch. Du hast abgenommen, finde ich.
Mama, ich habe nicht abgenommen.
Doch, hier, sie tippte ihm auf die Wange.
Martin aß. Die Brühe war kräftig, mit schönem Stück Fleisch, die Frikadellen saftig. Alles wie immer wie zuhause, wie damals im Studium, wie schon hundert Male zuvor.
Edeltraud saß daneben, stützte das Kinn in die Hand und sah ihm zu, glücklich und still. So, wie man ins Aquarium schaut: ruhig, friedlich, ohne große Gedanken.
Na, wie läuft es bei euch? fragte sie.
Passt schon, Mama.
Annemarie arbeitet?
Ja.
Gut. Pause. Was hat sie gestern gekocht?
Nudeln mit Käse.
Edeltraud nickte langsam, wie eine Ärztin, der ein erwartetes Symptom bestätigt wird.
Aha, sagte sie. Und fragte nichts weiter zu Annemarie. Sprach lieber über die Nachbarin Frau Lauterbach, die sich das Knie verrenkt hatte, und über den Neffen Sebastian, der ein Auto in der falschen Farbe gekauft hatte und eigentlich hätte fragen sollen.
Martin aß Frikadellen und nickte.
Es war einfach schön. Warm, satt, vertraut. Es roch nach Essen, altem Parkett und einem Hauch Handcreme. So vertraut, dass es fast ein bisschen langweilig war.
Am nächsten Tag kam er wieder.
Und am Tag darauf auch.
Edeltraud blühte auf. Sie rief ihre Freundin Hannelore an und sagte leise, aber zufrieden: Du, Hanni, der Martin kommt jetzt jeden Tag. Zu Hause ist doch einfach besser als der ganze neumodische Kram. Und Hannelore stimmte wacker zu.
Am vierten Mittag deckte Edeltraud den Tisch sogar für die Nachbarin Frau Lauterbach mit. Frau Lauterbach kam im blauen Hausmantel und Pantoffeln, brachte Kohl-Piroggen und erzählte lange über ihren Schwiegersohn, der isst nie richtig, nur Brote, und guck mal, was aus ihm geworden ist.
Martin saß zwischen den alten Damen, aß den Kohl-Piroggen und wunderte sich, wie seltsam das Leben doch ist.
Martin, möchtest du noch Nachschlag? fragte die Mutter.
Nein, danke.
Nur ein klein wenig?
Mama.
Wenigstens das Stück hier, ist ganz klein.
Das Stück war exakt eine kleine Frikadelle.
Währenddessen wechselte Frau Lauterbach geschmeidig vom Schwiegersohn zum Rententhema, dann zu den Preisen für Buchweizen, dann wieder zum Schwiegersohn auf ihre ganz eigene Logik.
Martin schaute auf die Uhr.
Zuhause saß Annemarie vorm Laptop. Fragte: Hast du gegessen? Er nickte nur. Sie sah ihn kurz an und blickte dann zurück auf den Bildschirm. Alles war ruhig, vielleicht zu ruhig Martin merkte es, dachte aber nur kurz darüber nach. Mit einer Frikadelle im Bauch braucht man nicht viel nachzudenken.
Am fünften Tag rief Edeltraud schon um elf Uhr morgens an.
Martinchen, kommst du heute?
Bestimmt, Mama.
Ich mache Kohlrouladen. Du magst doch Kohlrouladen?
Sehr sogar.
Um zwei passt?
Ich bemühe mich.
Rufe an, falls du später kommst. Die Kohlrouladen müssen heiß sein, sonst schmecken sie nicht.
Mach ich, Mama.
Er legte das Handy weg. Schweigend saß er da.
Martin zog sich an und machte sich auf den Weg zu den Kohlrouladen seiner Mutter.
So verging eine Woche. Und noch eine.
Mittlerweile wiederholten sich die Gespräche am Essenstisch. Die erste Woche hatte Edeltraud viele Neuigkeiten, wer was gesagt, wo gewesen oder was gekauft hatte. Martin hörte zu, nickte und antwortete einsilbig. Dann waren die Neuigkeiten aufgebraucht und sie fing an, alte Geschichten aufzuklären. Vom kleinen Sebastian, der als Kind die Vase zerbrochen hatte. Vom Nachbarn aus dem fünften Stock, dessen Renovierung den Schlaf raubte. Von den Preisen im Jahr 1998, als alles unverhältnismäßig teuer war.
Martin kannte die Geschichten in- und auswendig.
Jede einzelne.
Beim Suppeessen bemerkte er manchmal, dass er jede Geschichte selbst hätte erzählen können, mit denselben Pausen, denselben Betonungen, dem selben Abschluss: So ist das Leben. Ein seltsamer, ein wenig beunruhigender Moment zu erkennen, dass man den fremden Monolog schon verinnerlicht hat.
Aber die Frikadellen waren gut. Das war die Hauptsache.
Nach etwa zehn Tagen bekam Edeltraud Rückenschmerzen. Nicht schlimm, aber unangenehm: ein Ziehen zwischen den Schulterblättern und darunter. Steht man ein, zwei Stunden am Herd, wird es unangenehm. Sie sagte aber nichts. Kochen musste sein der Sohn kam ja.
Hannelore rief sie an und fragte, wie es ginge.
Ach, ein bisschen müde, gab Edeltraud zu. Jeden Tag am Kochen, weil er kommt. Was soll ich machen.
Sei doch froh, sagte Hannelore.
Ich freu mich ja, entgegnete Edeltraud.
Sie schwiegen.
Nur, weißt du, er kommt, isst und geht gleich wieder, fügte Edeltraud leise hinzu. Früher haben wir wenigstens manchmal ferngeguckt zusammen. Jetzt isst er, dann ist er weg. Annemarie sitzt dann allein, sagt sie.
Hannelore schwieg verständnisvoll. Das war das Schweigen, das mehr sagt als jedes Wort.
In dieser Zeit hatte Annemarie den Laptop aufgeklappt und sich endlich zum Englischkurs angemeldet. Sie wollte das schon lange tun. Früher war nie Zeit gewesen: immer musste Mittag- oder Abendessen gekocht werden, immer standen Töpfe mit Dill auf dem Herd. Jetzt war Zeit.
Weitere zwei Wochen gingen ins Land.
Martin verpasste den Mittwoch. Dann auch den Donnerstag. Am Mittwoch hatte er viel Arbeit, blieb spät im Büro, dann hatten sie mit Annemarie Tiefkühl-Maultaschen gekauft, saßen bis spät am Küchentisch und schauten sich irgendwas am Laptop an. Ganz entspannt. Schneeflocken fielen draußen die ersten im November, ganz fein. Annemarie hatte die Beine angewinkelt und sich in eine Decke gewickelt. Martin aß Maultaschen. Es war einfach gut so.
Am Mittwoch rief Edeltraud wie gewohnt um halb drei an.
Kommst du nicht?
Mama, wir haben heute daheim gegessen.
Pause.
Aha, sagte sie. Dieser Tonfall. Es hieß nicht wirklich Aha, sondern hatte noch viele andere Bedeutungen.
Donnerstag rief sie nicht an. Freitag auch nicht.
Am Samstag fuhr Martin von sich aus hin. Er klingelte unten, stieg hoch. Edeltraud öffnete im Hausmantel, mit einem Handtuch über der Schulter offenbar frisch aus der Dusche.
Oh, sagte sie. Da bist du ja.
Bin ich, sagte Martin. Wie gehts dir?
Passt schon. Der Rücken halt. Komm rein.
In der Küche stand nur noch ein Topf auf dem Herd. Martin setzte sich, Edeltraud goss ihm eine Suppe ein und stellte Brot dazu. Ohne Frikadellen. Ohne Salat. Ohne Knoblauch-Croûtons.
Du wirkst so schmal, Mama.
Ach nein. Der Rücken tut eben weh, ich schaffe nicht mehr alles.
Schweigen.
Und Annemarie? fragte Edeltraud.
Gut. Sie macht jetzt einen Englischkurs.
Englisch? Sie war etwas erstaunt. Warum das?
Wollte sie schon lange.
Edeltraud nickte. Rührte in ihrem Tee.
Kocht sie?
Martin blickte sie an. Dann auf den Teller. Dann wieder zu ihr.
Sie kocht, Mama.
Das ist gut, sagte Edeltraud. Und dieses Mal klang es ganz ohne Ironie. Es klang, als meine sie genau das.
Martin war verwundert, doch er sagte nichts.
Er trank seinen Tee, saß noch eine Weile. Edeltraud erzählte von Frau Lauterbachs Knie es gehe besser, sie brauche keinen Stock mehr. Und von Sebastians Auto es sei doch ganz in Ordnung, nur die Farbe so ungewöhnlich. Martin nickte.
Dann stand er auf.
Mama, ich muss los. Annemarie wartet.
Geh ruhig, mein Junge, sagte Edeltraud.
Als er sich im Flur die Schuhe band, rief sie leise aus der Küche:
Martin.
Ja?
Sie zauderte einen Moment.
Nichts. Grüß Annemarie von mir.
Martin verharrte kurz. Drei Sekunden stand er einfach so da. Dann sagte er:
Mach ich.
Und ging.
Im Aufzug dachte er zum ersten Mal seit zwei Monaten: Mama hatte zum ersten Mal gebeten, Annemarie zu grüßen. Sie hatte nicht gefragt Kocht sie auch Suppe? oder Putzt sie wenigstens die Wohnung?.
Draußen lag eine dünne, noch ganz saubere Schneedecke. Martin blieb kurz stehen, schlug sich den Kragen hoch.
Dann holte er sein Handy hervor und schrieb Annemarie: Bin auf dem Heimweg. Mama lässt dich grüßen.
Annemarie antwortete eine Minute später: Schön und schickte einen Kaffeetassen-Emoji.
Martin steckte das Handy ein und ging zum Auto.
Zuhause saß Annemarie mit Lehrbuch und Heft am Tisch. In der Küche köchelte etwas kein Eintopf, keine Frikadellen, etwas ganz Einfaches mit Kartoffeln und Möhren. Aber es roch gut.
Hallo, sagte Annemarie, ohne aufzusehen. Wie gehts deiner Mutter?
Rückenweh. Sagt, es geht so.
Ruht sie sich aus?
Scheint so. Annemarie…? Warum hast du das damals eigentlich gesagt? Dass ich bei Mama essen soll?
Annemarie legte den Stift aus der Hand.
Weil sie einfach besser kocht, sagte sie.
Martin schwieg. Dann stand er auf, ging zum Herd, schaute in den Topf. Suppe. Mit Kartoffeln, Zwiebeln, Möhren.
Sie aßen schweigend. Die Suppe war in Ordnung. Anders als bei Mama schlichter. Aber heiß und selbstgemacht.
Draußen wurde es dunkel. Der Schnee fiel langsam, ruhig.
Mama hat dich zum ersten Mal grüßen lassen, sagte Martin.
Annemarie sah auf.
Gruß zurück, erwiderte sie.
Aber das war alles später.
Vorher, am selben Abend, als Martin noch im Auto saß, rief Edeltraud ihre Freundin Hannelore an.
Hanni, sagte sie. Martin war heute da.
Und?
Ganz gut. Er sagt, Annemarie macht jetzt Englischkurs.
Englisch? Hannelore schien verwundert.
Ja, das wollte sie schon lange, meint er. Edeltraud schwieg einen Moment. Ich hätte nicht gedacht, dass sie wirklich was macht, solange er bei mir ist. Ich dachte immer, sie gammelt nur herum. Aber nein Englisch.
Stille.
Die Jugend von heute, sagte Hannelore etwas unbestimmt.
Am Sonntagmorgen rief Edeltraud bei Annemarie an.
Annemarie, sagte sie. Ich bins.
Annemarie überlegte, was sie sagen sollte. Es war, wenn sie sich richtig erinnerte, das zweite Mal, dass Edeltraud auf ihrer Nummer anrief. Das erste Mal war auf der Hochzeit, weil sie die Toilette nicht fand.
Ich habe Apfelkuchen gebacken, sagte die Schwiegermutter. Es ist zu viel geworden. Kommt ihr vorbei?
Wir kommen, sagte Annemarie. Wann passt es?
Wenn ihr Zeit habt.
Gegen drei?
Drei ist gut.
Sie kamen tatsächlich. Edeltraud öffnete fein frisiert, im schönen Kleid, nicht im Hausmantel.
Kommt rein, kommt rein, sie war ein wenig aufgeregt, rückte die Tassen zurecht, polierte ein ohnehin sauberes Tellerchen. Tee ist gleich fertig.
Sie setzten sich, gossen Tee ein. Es war still.
Annemarie, sagte Edeltraud, ich war am Anfang wohl manchmal ungerecht zu dir.
Annemarie nahm ein Stück Kuchen.
Das kommt vor, meinte sie.
Edeltraud nickte. Schwieg.
Schmeckt er dir? fragte sie.
Sehr, sagte Annemarie.
Das Rezept ist ganz simpel. Ich kann es dir aufschreiben.
Machen Sie das.
Annemarie nahm einen Schluck Tee.
Und der Apfelkuchen war wirklich gut.





