Liebes Tagebuch,
heute habe ich wieder lange über meine Schwester Sonja nachgedacht. Sonja hat sich damals entschieden, ihre vier Kinder allein großzuziehen, nachdem ihr Mann sie mit einer Kollegin betrogen hatte. Seitdem hat sie keine neue Beziehung gehabt; vielleicht konnte sie einfach keinen Vertrauensvorschuss mehr geben. Sonja ist eine gebildete Frau sie hat drei Abschlüsse, einer davon als Köchin. Ich erinnere mich, wie sie in verschiedenen Cafés und Restaurants in München und Stuttgart gearbeitet hat.
Sie hat ihren Kindern immer alles gekauft, was sie brauchten. Sie waren zwar dankbar, aber sie hatten immer größere Wünsche. Jetzt sind sie erwachsen, haben ihre eigenen Familien gegründet, und Sonja unterstützt sie noch immer mit Geld. Sie ist schon lange in Rente gegangen, aber arbeitet weiterhin, weil sie sagt, es mache ihr Freude, ihren Kindern zu helfen. Sie glaubt, das sei der Sinn ihres Lebens.
Vor kurzem erkrankte Sonja an einer Grippe, die schnell zu einer schweren Lungenentzündung wurde. Sie musste eine längere Auszeit nehmen, hatte kaum genug Geld zum Leben. Ihre Freundinnen haben ihr geholfen mit Lebensmitteln und ein wenig Geld. Aber von ihren Kindern hörte sie nur dann, als sie aufhörte, monatlich Geld zu schicken. Erst dann meldeten sie sich, erkundigten sich nach ihrem Gesundheitszustand und wünschten ihr gute Besserung. Keine Nachfrage nach ihrer finanziellen Lage. Sonja bat sie, sie zu besuchen, aber alle vier lehnten ab. Sie hätten keine Zeit wegen ihrer Arbeit und ihrer eigenen Familien.
Sonja fühlte sich tief gekränkt. Ihr Leben lang hatte sie ihren Kindern geholfen, und nun, in ihrer schwächsten Zeit, wollten sie nicht einmal bei ihr vorbeischauen. Einen Monat musste sie im Krankenhaus bleiben; die Krankenschwester regelte alles Nötige mit den Kassen. Sonja erholte sich langsam, kehrte wieder an ihre Arbeit zurück niemand von den Kindern fragte in dieser Zeit nach ihr. Vermutlich hatten sich die Verwandten untereinander gesagt, dass es Sonja besser geht.
Erst als Sonja aus dem Krankenhaus entlassen wurde, erinnerte sich ihre Kinder wieder an sie. Anfangs erkundigten sie sich nach ihrem Befinden, doch sehr schnell kamen sie auf den Grund ihres Anrufes: Sie baten um Geld, nannten genaue Beträge und Fristen, bis wann die Überweisungen in Euro eingegangen sein sollten. Alle vier machten es genauso, ohne darüber nachzudenken, woher Sonja das Geld nehmen sollte. Es zählte nur ihr eigener Bedarf.
Sonja war enttäuscht. Sie hätte nie gedacht, so von ihren eigenen Kindern behandelt zu werden. Vielleicht war es ihre eigene Schuld, aber sie konnte nicht anders, als Mitleid mit sich selbst zu empfinden. Wenn man sein eigenes Leben für andere zurückstellt, hofft man wenigstens auf Dankbarkeit, auf eine Gegenleistung. Vielleicht hätte sie ihre Kinder nicht immer an die erste Stelle setzen sollen, sondern öfter an sich selbst denken. An ihre Zukunft, an eine nicht einsame, sondern erfüllte alte Zeit. Aber jetzt lässt sich daran nichts mehr ändern.
Manchmal denke ich, dass solche Erfahrungen typisch für unsere Kultur sind; man erwartet, dass Familie immer zusammenhält, doch die Realität sieht anders aus. Mir bleibt nur, Sonja zu bewundern und ihr anzubieten, mit ihr Kaffee trinken zu gehen und zuzuhören.





