Du hast bekommen, was du verdienst
Musst du wirklich fahren? Klara sah ihren Verlobten mit bittendem Blick an. Finden sie keinen anderen? Gibt es niemanden, der unbedingt im Februar nach Kassel möchte?
Martin schnippste ihr an die Nase und lachte, während er weiterhin Hemden in die Reisetasche stopfte.
Es ist nur eine Woche, Kleines. Du wirst dich gar nicht richtig nach mir sehnen können.
Ich fange jetzt schon an, dich zu vermissen, sagte Klara theatralisch und legte eine Hand auf ihr Herz. Siehst du, wie ich leide?
Ja, Martin deutete Richtung Küche. Und ich sehe, dass du ein ganzes Supportteam hier hast.
Franziska salutierte von der Küchentür aus mit ihrer Tasse Tee und zwinkerte Klara zu.
Keine Sorge, Martin, ich passe auf deine Braut auf, damit sie nicht vor Liebeskummer eingeht. Mein Plan: Serien, Pizza und jede Menge Klatschgeschichten über Kollegen.
Das klingt gefährlich für meine Figur, grinste Klara.
Martin schloss seinen Koffer, kam zum Sofa, beugte sich vor und küsste Klara auf den Scheitel.
Ich schreibe dir jeden Tag. Und ich rufe an. Und ich schicke dir Fotos von trostlosen Kasseler Winterlandschaften.
Ich kann es kaum erwarten, Klara zog ihn am Hemdkragen zu sich. Vor allem auf die Fotos bin ich gespannt. Ich will schließlich wissen, wofür ich hier sitzen gelassen werde.
Franziska kicherte und setzte sich neben Klara.
Wir machen dir die beste Woche deines Lebens. Da wirst du dich daran erinnern, wenn er zurückkommt und überall wieder seine Socken verteilt.
Klara brachte Martin zur Tür, hielt ihn ein paar Sekunden länger fest, als sie eigentlich vorhatte, und winkte, bis der Aufzug sich langsam schloss.
Die ersten zwei Tage verliefen tatsächlich so, wie Franziska es prophezeit hatte: Serien bis mitten in die Nacht, Pizza Hawaii, die Martin nie leiden konnte, und endlose Gespräche darüber, wie unausstehlich Franziskas neue Chefin ist. Martin schrieb morgens, mittags, abends; schickte Bilder vom Hotelzimmer, beklagte fade Besprechungen, fragte, was Klara zu Abend gegessen hatte.
Am dritten Tag ging etwas kaputt…
Klara schrieb ihm um zehn Uhr morgens. Eine knappe Antwort kam erst um die Mittagszeit, kühl und sachlich. Am Abend versuchte sie anzurufen; er drückte sie weg, schrieb, dass er später telefonieren würde das tat er nicht.
Vielleicht zu viel Stress auf der Arbeit? Franziska zuckte die Schultern und beobachtete, wie Klara schon zum fünften Mal ihr Handy checkte. Dienstreisen sind oft so, anfangs alles ruhig, dann plötzlich Ausnahmezustand.
Nicht einmal ein Smiley, Klara zeigte Franziska die Nachricht. Schau mal: Geht. Nur ein Wort. So schreibt er sonst nie!
Du spinnst dich da in etwas hinein, Franziska nahm ihr das Handy ab und legte es mit dem Bildschirm nach unten auf den Tisch. Männer sind manchmal eben einfach platt. Das heißt nicht, dass er plötzlich keine Gefühle mehr hat.
Klara wollte widersprechen, aber Franziska startete die neue Folge und das Gespräch verlief in der Stille eines rieselnden Traums.
Am fünften Tag kam von Martin nur noch ein wortkarges Bin müde, alles gut, meist viele Stunden verspätet. Klara hörte auf, zu fragen, was los sei, denn die Antwort war immer dieselbe:
Ist alles normal, nur müde.
Die Woche ging schließlich vorbei…
Klara verbrachte den ganzen Tag in der Küche. Sie kochte Pasta mit Garnelen nach dem Rezept von Martins Mutter. Sie öffnete den Riesling, den sie für besondere Gelegenheiten aufgehoben hatte…
Das Geräusch des Schlüssels im Schloss ließ ihr Herz schneller schlagen. Klara trocknete die Hände am Schürzenzipfel und stellte sich in den Flur.
Martin sah erschöpft aus, die Schatten unter seinen Augen wirkten wie Adern aus Rauch.
Hallo, Klara machte einen Schritt auf ihn zu, stellte sich auf die Zehenspitzen, wollte ihn küssen.
Martin wandte den Kopf ab…
Klara verharrte mit ausgestrecktem Hals, fühlte sich albern. Ihre Arme hingen schlaff herab, das Lächeln gefror wie eine Karnevalsmaske auf ihrem Gesicht.
Martin?
Der Verlobte ging wortlos an ihr vorbei ins Wohnzimmer, zog nicht einmal seine Jacke aus.
Martin, was ist los? Sie ging hinterher, blieb an der Tür stehen.
Er sagte nichts. Stattdessen öffnete er den Schrank, holte den großen Koffer heraus und warf ihn aufs Bett. Mit einem ekeligen Reißverschlussgeräusch begann er seine Sachen zusammenzuraffen.
Was passiert hier? Klara versuchte, seinen Blick aufzufangen. Ich warte eine Woche auf dich, koch extra für dich, und du packst wortlos deinen Koffer?
Martins Bewegungen waren abgehackt, wie die mechanischen Gesten aus einem Marionettenspiel.
Martin!
Der blieb stehen, richtete sich auf, sah aber irgendwo an Klara vorbei, gegen die Wand hinter ihr.
Den Ring kannst du behalten, murmelte er dumpf. Die Hochzeit fällt aus. Wir trennen uns.
Klara blinzelte, ein-, zweimal, um diese Worte irgendwo zu verankern.
Was? Warum? Ich verstehe gar nicht was hab ich gemacht?
Martin schloss den Koffer, zog ihn zur Tür. Klara fasste ihn am Ärmel und zog ihn zu sich herum.
Sprich doch mit mir! Was ist denn in dieser Woche passiert?
Er sah sie an, und in seinen Augen lag etwas Unwirkliches, nicht Wut, nicht Trauer; etwas wie Abscheu.
Ich will das nicht besprechen, sagte Martin und befreite seinen Arm. Tschüss, Klara.
Die Tür fiel ins Schloss, und Klara stand da, mitten im verwüsteten Schlafzimmer, mit blöder Blumenschürze und gedecktem Tisch in der Küche…
Franziska kam wie der Wind zerzaust, mit hastig übergeworfener Jacke.
Gott, Klara, sie nahm die Freundin in den Arm und setzte sie aufs Sofa. Los, erzähl, was hat er denn gesagt?
Nichts, Klara sprach langsam, wie im Traum. Einfach nichts. Er hat nur alles gepackt und ist weg. Hochzeit abgesagt.
Ohne Begründung?
Ich habe gefragt. Aber er hat nicht geantwortet.
Franziska holte Wasser, wickelte Klara in eine Decke, strich ihr die Haare glatt, während Klara ins Nichts starrte.
Vielleicht hab ich irgendwas falsch gemacht? schniefte Klara und klammerte sich an Franziska. Oder hab ich nicht oft genug angerufen?
Klara, hör auf, Franziska schüttelte den Kopf. Du kannst da gar nichts machen. Manchmal gehen Männer einfach … ohne Grund.
Klara nickte, aber in ihrem Kopf drehte sich alles um eine Frage: Was hab ich falsch gemacht? Wo lag mein Fehler? Wie kann ein Mensch, der mich letzte Woche noch auf die Stirn geküsst hat, jetzt so fremd aussehen?
Franziska blieb über Nacht. Und auch in der nächsten. Sie kochte Brühe, zwang Klara zu essen, schaute mit ihr alberne Komödien und stellte keine Fragen, wenn sie mitten in der Nacht im Kissen zu weinen begann.
Die Zeit verstrich. Der stechende Schmerz verwandelte sich in einen dumpfen, hohlen Klang unter den Rippen. Klara lernte wieder aufzustehen, zur Arbeit zu gehen, Kolleg:innen anzulächeln. Nach einem Monat legte sie den Ring ab, steckte ihn in die hinterste Schublade der Kommode, zu alten Briefen und vergessenen Postkarten.
Vier Jahre vergingen…
…Klara öffnete die Augen und starrte einige Sekunden träumend an die Decke, versuchte, Traum und Wirklichkeit zu trennen. Schon wieder dieser Abend. Schon wieder der Koffer auf dem Bett, sein Rücken im Türrahmen.
Neben ihr bewegte sich Benedikt, drehte sich verschlafen um, zog Klara an sich.
Warum bist du so früh wach? murmelte er.
Es ist schon Morgen, lächelte Klara und küsste seine Schulter.
Hinter der Wand lärmte es, Georg, ihr Sohn, veranstaltete ein Konzert mit sämtlichen Spielzeugen.
Ich stehe auf, Benedikt streckte sich und warf die Decke zurück. Ruh du dich noch aus.
Klara sah zu, wie Benedikt das Schlafzimmer verließ. Dann hörte sie Georgs fröhlichen Ruf. Das Leben war anders geworden, nicht wie geplant. Nicht mit Martin. Aber gut.
Der Tag plätscherte dahin: Frühstück, Spaziergang mit dem Sohn, aufräumen, Mittagessen. Plötzlich rief Franziska an.
Klara, die Stimme der Freundin war seltsam brüchig. Kannst du bitte kommen? Ganz dringend.
Franziska, was ist los?
Bitte. Komm einfach.
Klara brachte Georg zu Benedikt und stand eine halbe Stunde später an Franziskas Wohnungstür.
Anton ist weg, stotterte Franziska und brach auf der Schwelle in Tränen aus.
Klara half ihr in die Wohnung, setzte sie aufs Sofa, holte Wasser. Die Geschichte war banal und darum umso bitterer: Er hatte eine andere gefunden, seine Sachen gepackt und sie mit der kleinen Tamara und dem Hausdarlehen zurückgelassen.
Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll, sagte Franziska mit nassen Wangen. Wie soll ich das allein schaffen?
Klara hielt sie, flüsterte die richtigen Sätze, aber in ihrem Kopf surrte ein absurder Gedanke: Kein Wunder, dass ich davon geträumt habe. Kein Wunder…
Es gingen ein paar Wochen ins Land. Alltag kehrte ein…
…An einem Samstag begegnete Klara Lennart im Einkaufszentrum. Sie studierten damals zusammen Jura, hatten sich Ewigkeiten nicht gesehen. Lennart lud sie zum Kaffee ein, sie plauderten über alte Zeiten.
Na, wie gehts dir? Lennart schlürfte seinen Latte Macchiato. Was macht dein Leben?
Klara erzählte von Benedikt, Georg, von der Arbeit. Erwähnte Franziska, ihre Scheidung, wie schwer es für die Freundin jetzt sei.
Lennart runzelte die Stirn.
Franziska … Tja. Das ist wohl Schicksal.
Klara hob überrascht die Augenbraue.
Wie meinst du das?
Weißt du das nicht? Lennart sah sie erstaunt an. Ich dachte, du weißt es längst.
Was denn?
Lennart wurde unsicher und blickte beiseite.
Weißt du noch dieses Mitarbeiterfest vor drei Jahren? Kurz nachdem du und Martin euch getrennt habt?
Klara nickte, ein unangenehmes Vorahnen breitete sich in ihr aus.
Franziska hat damals zu viel getrunken, Lennart sprach langsam und vorsichtig. Sie hat sich damit gebrüstet, dass sie euch auseinandergebracht hat. Sie hat Martin erzählt, du hättest ihn betrogen. Während er weg war, wärst du durch Bars gezogen und hättest mit jedem geflirtet.
Klara vergaß fast zu atmen.
Warum hast du mir das nicht gesagt?
Ich wollte mich nicht in eure Beziehung einmischen, Lennart hob entschuldigend die Hände. Ich dachte, das klärt sich von selbst, oder du kommst selbst dahinter.
Sie verabschiedeten sich hastig. Klara stand lange vor dem Einkaufszentrum und schaute in den städtischen Strömung der Autos…
Das Handy vibrierte. Nachricht von Franziska:
Klara, kommst du vorbei?
Klara schrieb zurück:
Bin in einer Stunde da.
Franziska öffnete ihr mit einem erschöpften Lächeln.
Danke, dass du kommst. Ich schaffe es einfach nicht mehr allein.
Klara ging hinein, setzte sich auf das Sofa. Tamara spielte im Nebenzimmer, ihre Stimme klang wie ferner Wind aus Kindermund.
Franziska, Klara sah ihre Freundin an. Ich habe neulich Lennart getroffen. Erinnerst du dich?
Franziska versteifte sich.
Nur vage. Und?
Er hat eine interessante Geschichte erzählt, Klara sprach ruhig, obwohl es in ihr tobte wie ein Föhnsturm. Vom Mitarbeitersommerfest. Von deiner Heldentat.
Franziskas Gesicht wurde kalkweiß. Klara wusste Bescheid.
Ist das wahr? Klara beugte sich vor. Du hast Martin erzählt, ich hätte ihn betrogen?
Klara, ich … das ist lange her … Ich habe nicht gedacht, dass er so reagieren würde …
Ist es die Wahrheit?
Franziska krümmte sich zusammen.
Ja, hauchte sie. Es stimmt.
Warum?
Franziskas Tränen liefen still.
Ich war neidisch! platzte sie heraus. Du warst so glücklich mit deinem Martin, Hochzeit, Kleid, Ring! Und ich hatte nichts! Ich wollte nicht, dass du vor mir heiratest! Oder als Erste ein Kind bekommst! Ich wollte die Erste sein, verstehst du? Die Erste!
Klara sah Franziska an fünfzehn Jahre stellte sie sich an ihrer Seite eine Freundin vor; diese Frau, die sie nach Martin getröstet hatte.
Du hast mein Leben zerstört weil du neidisch warst. Und dann hast du zugesehen, wie ich gelitten habe.
Klara, vergib mir, Franziska streckte flehend die Hände aus. Ich wollte es dir so oft sagen…
Klara stand auf, ging zur Tür, hielt inne, sah sich noch einmal um.
Weißt du, Franziska, sagte sie, während sie auf die verheulte Freundin blickte. Du hast bekommen, was du verdienst. Das war dein Karma.
Klara verließ leise die Wohnung und schloss hinter sich die Tür. Sie hatte eine glückliche Ehe, wenn auch nicht mit Martin. Sie hatte einen Sohn. Aber keine Freundin mehr.





