Liselotte war im letzten Jahr an der Universität, als sie schwanger wurde. Sie erzählte ihrem Freund nicht sofort vom freudigen Ereignis, und er erfuhr erst in ihrem fünften Monat davon. Warum hast du das verschwiegen? Du weißt doch, dass ich überzeugt davon bin, dass wir erst nach dem Abschluss Kinder bekommen sollten, wenn wir finanziell auf eigenen Beinen stehen, sagte Jonas. Das ist schon gut, ich habe immer gesagt, dass das Studium eigentlich nicht so mein Ding ist. Ich wollte sowieso immer eine große Familie, antwortete Liselotte.
Jonas wurde so zornig, dass er das Buch, das er in der Hand hielt, quer durch das Zimmer warf. Wir schaffen das schon. Wir können doch in der alten Wohnung deiner Oma in München wohnen. Deine Oma kann auf den Kleinen aufpassen. Und dann bekommen wir noch ein Kind. Aber erst die Hochzeit möglichst bald!, fuhr die werdende Mutter fort.
Hörst du dich selbst reden? Die ganze Zeit hast du dich verstellt und getan, als wärst du so lieb, rief Jonas. Er zog seinen alten Koffer hervor und begann, seine Sachen hektisch zusammenzupacken. Wieso verlässt du mich? Du musst mich doch heiraten! Wenn du jetzt gehst, erzähle ich jedem an der Uni, wie du wirklich bist!
Ich werde nicht mit dir in dieser Wohnung bleiben. Leb du doch mal einen Monat alleine und schau, was dann passiert! Wenn das Kind da ist, machen wir einen Vaterschaftstest, ich zahle dann Unterhalt!
Zehn Jahre später saß Jonas in einem weitläufigen Berliner Büro. Die Abteilungsleiterin hatte von seinem Sohn erfahren. Jonas, hast du eigentlich Kontakt zu deinem Sohn?, fragte sie neugierig während der Mittagspause. Nein, eigentlich nicht. Ich kenne ihn gar nicht, gab Jonas zu.
Später entschloss sich Jonas, seinem studentischen Praktikanten von der Geschichte zu erzählen, wie ihn einmal eine Frau hintergangen hatte. Also hast du sie mit dem Kind zurückgelassen? Ich habe sie nicht einfach im Stich gelassen! Ich habe sie mit Geld unterstützt!, empörte sich Jonas. Laut ihr hast du denen nur Kleingeld gegeben. Tja, außerdem hätte ich den Jungen auch noch geschlagen!, warf die Chefin augenzwinkernd ein.
Jonas Ärger stieg, denn er war überzeugt, die junge Frau rechtzeitig gewarnt zu haben. Nun, unter Berücksichtigung seines offiziellen Gehalts, entschied er sich, den Unterhalt für das Kind ganz genau nach Vorschrift zu bezahlen. Es stellte sich heraus, dass die Summe in Euro bedeutend geringer war als das, was er sprichwörtlich vorher gezahlt hatte.
Liselotte war mittlerweile seit einem Jahr verheiratet. Jonas behauptete stets, das Kind wäre genauso unartig wie sie früher. Das alles war wie ein Spaziergang durch ein verregnetes, endloses München, in dem die Straßen manchmal in Märchenwald übergingen und niemand so recht wusste, wo sein Zuhause lag oder ob all das überhaupt jemals wirklich passiert war.




