Schon immer war ich überzeugt, dass er das arrogante Goldkind war. Carl hatte alles, wovon man träumen konnte: eine eigene Wohnung im Zentrum von München, ein neues Auto, teure Markenkleidung.
Ich selbst war immer das graue Mäuschen. Ich versteckte, dass meine Eltern tranken und dass ich seit meinem vierzehnten Lebensjahr arbeitete. In dieser Zeit lernte ich zu nähen zuerst für mich, dann auch für Freunde.
Gleich zu Beginn des Semesters beschlossen unsere Kommilitonen, eine große Feier zu veranstalten. Am meisten überraschte mich, dass auch ich eingeladen wurde. Ich war so begierig darauf, den anderen zu zeigen, dass ich etwas wert bin.
Für ein elegantes Kleid fehlte mir das Geld; also nähte ich mir selbst eines. Unsere Nachbarin, Frau Schuster, frisierte mir liebevoll die Haare. Als ich auf der Party erschien, erkannten mich meine Freunde kaum wieder. Carl bemerkte mich sofort und behielt mich den ganzen Abend im Auge. Ich wollte mich heimlich davonstehlen, doch er holte mich ein und bot mir an, mich nach Hause zu fahren.
Ich nannte ihm die Adresse unseres Nachbarhauses, aus Scham wollte ich nicht zeigen, wie ich tatsächlich lebte. Noch in dieser Nacht begannen wir, uns zu treffen und nach und nach verliebten wir uns ineinander. Ich fand ihn gar nicht mehr eingebildet, denn er behandelte mich immer so, als wären wir auf gleicher Stufe.
Alles war gut, bis meine Mitstudenten herausfanden, wo ich arbeitete. Von da an lachten sie mich aus. Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken. Ich sah keinen Ausweg und floh ins Büro des Dekans, wo ich einen Antrag auf Beurlaubung einreichte.
Ich dachte, in einem Jahr hätten sie mich vergessen und vielleicht würde ich sogar an eine andere Universität wechseln können. Heute weiß ich, wie töricht das war, doch damals erschien es mir als einziger Ausweg. Ich änderte meine Telefonnummer, was das Ende meiner Beziehung zu Carl bedeutete, und nur zwei Monate später erfuhr ich, dass ich schwanger war.
Keiner, mit dem ich die Nachricht hätte teilen können. Tagsüber arbeitete ich, nachts weinte ich in mein Kissen. Meine Eltern waren apathisch und verlangten ständig Geld, um ihren Durst zu stillen. Meine Patentante sah, wie es um mich stand, und holte mich zu sich.
Als ich ihr alles erzählte, ging es mir ein wenig besser. Sie war es auch, die mit mir in die Klinik ging und als Erste die Nachricht bekam, dass mein Sohn geboren wurde. Mein Sohn blond, mit strahlend blauen Augen, und so rein wie ein Engel. Ich konnte nicht genug bekommen, ihn zu betrachten.
Dann, völlig unerwartet, kam eine Nachricht von Carl: Er schrieb, er liebe uns beide über alles und wolle bei uns sein. Am nächsten Tag wurde ich entlassen und hatte große Angst, ihm in die Augen zu sehen. Noch heute erinnere ich mich an den Moment an der Tür, wie ich meinen Sohn umklammerte und mich kaum traute, Carl anzuschauen.
Wie töricht ich damals doch war, denn ich habe fast ein Jahr meines Glücks vergeudet. Wie konnte ich nur glauben, ihn für immer aufgeben zu müssen? Heute weiß ich, was ich beinahe verloren hätte, wenn ich sehe, mit wie viel Liebe und Zärtlichkeit Carl unseren Sohn anschaut und in seine Arme nimmt.





