Wieder jung
Es war damals ein heißer, drückender August. Der Hochsommer lag schon hinter uns, doch die Hitze wollte einfach nicht weichen. Der Staub auf der Dorfstraße war so dick, dass jedes Mal, wenn jemand darauftrat, eine kleine Wolke aufstieg. Die Stille im Dorf war träge, fast schläfrig. Nur ab und an summten Fliegen und irgendwo plärrte aus der Ferne ein Fernseher.
Plötzlich Lärm, Stimmen, eine Staubwolke! Ein kleiner, städtischer Wagen bog in unsere Dorfstraße ein und stoppte direkt vor dem alten Schuppen am Ortsrand. Er war komplett von der Fahrt verstaubt. Heraus stieg ein blasser, schlaksiger junger Mann mager, eine Brille auf der Nase, das T-Shirt bunt bedruckt, ganz wie aus einer anderen Welt.
Ich schaute aus dem Fenster meines Kontors Himmel, das war doch Paul! Der Enkel von unserem alten Matthias, Gott hab ihn selig. Paul hatte immer in der Stadt gelebt und besuchte den Opa nur im Sommer, als er noch klein war. Und jetzt tauchte er einfach so auf.
Doch nicht nur, dass er da war nein, er begann, Kisten aus dem Kofferraum zu schleppen. Schwer schienen sie zu sein, denn er japste und lief rot an. Dann holte er ein riesiges weißes Bettlaken hervor, so weiß, als hätte er es eben vom Himmel gezupft. Das bespannte er akribisch auf der Schuppenwand, schlug kleine Nägel ein und spannte es fest mit Kordeln.
Die Neugier in unserem Dorf ist bekanntlich groß. Hinter Zäunen reckten sich Köpfe, es wurde getuschelt.
Will der etwa eine Disco machen? murrte Frau Annegret, meine Nachbarin. Eine Frau mit Prinzipien, für jedes Wort hatte sie einen Taler auf dem Herzen manchmal traf es wie ein Schlag.
Sag ich doch, Annegret, brummelte Herr Gustav, auf seinen Stock gestützt. Die Jugend hat doch heut keinen Respekt mehr. Gleich lärmt die Musik, dann ists vorbei mit der Ruh.
Paul aber werkelte unbeirrt weiter. Glättete das Bettlaken, als spannte er ein großes Segel, und tatsächlich, im Wind wölbte es sich, als wollte unser alter Schuppen in See stechen. Dann stellte er eine schwarze Kiste auf einen Hocker und zog Kabel.
Ich trat auf die kleine Veranda, wischte die Hände am Schürzenzipfel ab. Mir wurde irgendwie ganz schwer ums Herz. Das alles sah nicht nach Schabernack aus. Pauls Blick war ernst, konzentriert, feierlich fast als hänge er nicht bloß ein Laken auf, sondern entrolle ein Banner zur Ehre.
Zum Abend, als die Hitze verflog, sammelte sich fast das ganze Dorf beim Schuppen. Manche waren neugierig, andere kamen direkt, um zu schimpfen das Dorf sollte sich ja nicht an schlechte Sitten gewöhnen. Von der Jugend blieb nur wenig, meist waren wir Älteren da und ein paar Städter von den Wochenendhäusern.
Frau Annegret war die Erste, stemmte die Arme in die Hüften, die Brauen streng zusammengezogen.
Na, Paul, sprach sie laut, so dass selbst die Krähen aus der Birke aufflatterten, was hast du vor? Wenn du wieder diese … ‘Bum-Bum-Musik’ einschaltest, klemme ich dir den Strom ab! Wir brauchen Ruhe, Junge, keine Tanzerei!
Paul drehte sich um, rückte die Brille zurecht. Der Blick ehrlich und gut, ein bisschen verunsichert.
Guten Abend, Frau Annegret. Guten Abend, Valerie. Setzen Sie sich doch. Ich hab Bänke bereitgestellt. Es wird keine laute Musik geben, versprochen.
Und was dann? Wirds ein Film werden? Gustav blinzelte argwöhnisch. Fernsehen hab ich zu Hause. Da läuft der Liebeskrimi spannender als das hier!
Etwas Besseres, Großvater Gustav, antwortete Paul und die Hände zitterten ganz aufgeregt war der Junge. Wartet ab, nur noch ein bisschen, es muss dunkel sein.
Und also saßen wir. Manche auf Bänken, andere auf Holzstämmen, die beim Schuppen lagerten. Mücken schwirrten, manche fächelten sie ab. Die Luft war gespannt, fast greifbar dieses Misstrauen viele dachten vermutlich, er will uns was verticken, uns agitieren oder belehren.
Ich starrte auf das weiße Laken, das in der Dämmerung bläulich schimmerte, und mir wurde plötzlich so wehmütig ums Herz, dass es fast schmerzte. Ich erinnerte mich, wie früher sonntags Filme im Dorfsaal gezeigt wurden da platzte der Saal aus allen Nähten, es roch nach geschnittenem Gras und frisch gebackenem Brot. Heute ist der alte Saal verrammelt, die Fenster zugenagelt. Nur noch die Erinnerung an damals bleibt, vergilbt wie ein altes Leinenhemd.
Wie lange dauert es denn noch? rief Annegret ungeduldig. Die Glieder tun mir auf dem Brett schon weh!
Gleich, gleich…, flüsterte Paul.
Er klickte an seinem Apparat. Es brummte leise fast wie der Summton eines großen Schmetterlings. Ein Lichtstrahl schoss aus der schwarzen Kiste, durchschnitt die Dunkelheit, traf das Laken. Der Staub im Strahl begann zu tanzen, als sei er lebendig.
Zuerst flackerten Zahlen und bunte Streifen, dann alle hielten den Atem an war auf dem Screen unser Dorf zu sehen. Aber nicht das heutige mit schiefen Zäunen und Brennnesseln, sondern ein anderes: Hell, lebendig, voller Sonne!
Es war Heuerntezeit. Unsere große, kollektive Heuernte.
Die Kamera wackelte, wohl von einem Traktor aus gefilmt, doch man konnte alles ganz genau sehen. Ein Feld, überall Gänseblümchen zwischen dem Gras. Menschen auf dem Feld jung, stark, wunderschön!
Schaut! Schaut nur! kreischte plötzlich Frau Veronika, legt die Hände ans Herz. Das sind doch wir!
Da schwebte, riesengroß, das Gesicht eines jungen Mannes mit einer Strähne unter der Mütze ins Bild. Lachte weit und winkte direkt in die Kamera. Das Hemd offen, Schweißperlen am Hals.
Viktor…, hauchte neben mir Annegret. So viel lag in diesem Hauch, dass mir fast der Atem stockte.
Ihr Viktor. Der, mit dem sie ein halbes Jahrhundert verbunden war…, der nun seit bald zehn Jahren fehlt. Und da lebendig, herzlich, echt! Das Hemd offen, lachende Augen, die Gabel in der Hand, aufgeladen mit einem Haufen Heu, als wär´s eine Feder.
Da, die Annegret, kugelhart wie immer, wurde ganz weich, die Schultern sanken. Sie zupfte sich mit zitternder Hand das Kopftuch zurecht, als ob er sie gleich sehen könnte, ihr Viktor. Und eine fast heilige Stille lag über dem Platz, nur die Grillen zirpten und der Projektor surrte wie eine Biene im Hochsommer.
Da, dort! Schaut doch! flüsterte Gustav mit zittriger Stimme, zeigte mit dem Stock auf die Leinwand. Das bin ja ich! Mein Gott, war ich mal so?
Auf der Leinwand ein magerer, drahtiger Bursche mit schräger Mütze, der einen alten Moped zu starten versuchte. Der knatterte, paffte Rauch, springt aber nicht an. Männer standen drumherum, gaben kluge Ratschläge, klopften auf die Schulter, alle lachten. Und Ihr Lachen lautlos, aber so mitreißend, dass wir auf unseren Stämmen grinsen mussten.
Ich schaute zu Gustav im Jetzt gebeugt, mit Stock, Haare wie Watte und auf der Leinwand: ein Adler! Die Augen immer noch dieselben, funkelnd, nur tief hinter die Runzeln gerutscht.
Dann wechselte das Bild. Zu sehen war eine lange Tafel, direkt auf dem Feld, aus Brettern gezimmert.
Ach, wie mir da das Herz weh tat…
Auf dem Tisch einfache Speisen: grob gebrochenes Brot, Gewürzgurken, Pellkartoffeln, eine Milchkanne. Und die Gesichter dazu vertraut, geliebt. Die, die heute noch neben uns sitzen, und die, die schon gehen mussten.
Da war Frau Margarete, unsere Lehrerin, schenkte Tee aus einer riesigen Kanne ein, streng und jung in der weißen Bluse. Heute verlässt sie kaum noch das Haus. Da war der Schmied Stephan, brach das Brot entzwei, lachte, erzählte irgendetwas.
Und dann ich… Huschte kurz durch das Bild, die Ledertasche über die Schulter, die Haare zum Zopf geflochten, sonnenverbrannt. Griff zum Kameramann, winkte: Nicht filmen, ich habe keine Zeit!
Waltraud… flüsterte mir Frau Veronika zu, Schau, wie jung du warst…
Ich biss mir auf die Lippen, um nicht loszuweinen. Den Tag erinnere ich noch ganz genau! Glühende Hitze, Bremsen stachen, wir waren furchtbar erschöpft. Auf der Leinwand aber Glück. Ganz einfaches, klares Glück, gemeinsam zu arbeiten, gemeinsam zu leben.
Das Erstaunliche: Auf dem Film gab es keinen Ton. Kein Lachen, keine Traktoren, keine Gespräche und doch, ich schwöre euch, ich hörte alles! Das Singen der Sense, das Rascheln des trocknenden Grases, das Plätschern des Wassers im Eimer. Erinnerungen sind lauter als jeder Lautsprecher.
Paul, Enkel von Matthias, stand hinter seinem Apparat, wie erstarrt. Sicher hatte er Angst, wir würden ihn schelten, würden nichts verstehen. Aber da wir saßen alle, ganz ruhig, hypnotisiert. Uns war, als halte jemand einen magischen Spiegel vor darin sahen wir nicht unsere Falten, nicht unser Gebrechen, sondern unsere jungen, unverwundbaren Seelen.
Plötzlich wurde das Leinwandbild dunkel. Offensichtlich zog eine Gewitterwolke auf. Die Menschen liefen geschäftig übers Feld, rafften das Heu zusammen, türmten es auf, flitzten eilig. Der Wind zerrte an Hemden, riss Frauen das Kopftuch ab.
So viel Gewusel, so viel Leben! Einer fiel ins Heu, einer half dem anderen auf einen Wagen und alles im gleichen Takt, im gleichen Atemzug.
Wisst ihr noch? rief jemand von hinten, es war Herr Siebert, unser früherer Agraringenieur. Wisst ihr noch, wie uns der Sturm erwischte und wir uns unter den Anhängern versteckten?
Das weiß ich!, antwortete Annegret, wischte die Augen trocken. Viktor hat mich damals mit seiner Jacke zugedeckt, selber aber war er bis auf die Haut nass!
Und ich hab meine Sandale im Matsch verloren!, lachte plötzlich eine junge Frau, Tochter der Briefträgerin, die auch gekommen war. Ich war fünf, Mama hat mich mitgenommen wir haben ewig danach gesucht!
Da brach der Damm. Wie eine Melodie wogten Gespräche auf. Niemand schimpfte, niemand belehrte alle lachten, erzählten, weinten sogar.
Und das Akkordeon! Wo ist das Akkordeon? wollte Gustav wissen. Da war doch Alex, der Ziehharmonika spielte!
Hab Geduld, die gibt es noch!, rief jemand.
Und richtig, am Ende des Films, nachdem der Regen verzogen und die Sonne wieder kam, zeigte die Kamera Alex. Er saß auf einem Baumstumpf, spielte, und um ihn herum tanzten die Mädchen. Die Pfützen glänzten, und obwohl alles schwarz-weiß war, sah man trotzdem die Regenbogenfarben!
Plötzlich flimmerte die Leinwand der Film war zu Ende. Nur noch weiße Streifen, dann wurde das Laken wieder einfach nur ein weißes Bettlaken am Schuppen. Der Lichtstrahl erlosch.
Eine tiefe, samtige Sommernacht brach herein. Doch die Dunkelheit war nicht mehr bedrückend. Wir saßen da und es war still. Nur ein leises Schnauben und tiefe Seufzer waren zu hören.
Paul rollte die Kabel auf. Seine Hände zitterten, die Brille beschlagen. Er nahm sie ab, wischte sie mit dem T-Shirt, fragte kleinlaut:
Und? Wie wars?
Da stand plötzlich Annegret, unser Dorfunwetter, auf, kam mit schwerem Schritt zu Paul, legte die Hand auf seine Schulter. Ich dachte schon, jetzt gibts eine Standpauke wegen der ganzen Aufregung…
Aber sie schaute Paul an, wie einst ihren Viktor, und sagte:
Danke, mein Junge. Du hast uns Alte geehrt. Ich dachte schon, ich hätte vergessen, wie er lachte. Aber du… hast ihn mir zurückgebracht. Wenigstens für ein halbes Stündchen.
Und ohne sich zurückzuhalten, drückte sie seinen Wuschelkopf an sich. Paul war so überrascht, dass er kurz stockte, dann erwiderte er aber die Umarmung.
Die Filmrollen, Junge, die schmeiß nicht weg, röhrte Gustav, stand dabei schwer auf. Das ist unsere Geschichte. Ein Zeugnis!
Ich hab alles digitalisiert, Opa, lächelte Paul. Auf den Computer gezogen. Da geht nichts verloren. Und ich hab noch mehr gefunden Hochzeiten, Abschiede, Feste, alles mögliche!
Hochzeiten?, riefen die Leute dazwischen. Welche Hochzeit? Claudia vielleicht? Oder gar den Meiers?!
Alle rückten näher, wollten Näheres wissen, einige luden Paul noch zum Tee ein, andere versprachen Kuchen. Die Fremdheit, die Skepsis des Nachmittags war fort Paul war einer von uns geworden. Ein Hüter der Zeit.
Ich stand ein bisschen abseits und betrachtete die anderen. Annegret, zwanzig Jahre jünger geworden. Gustav, mit stolz erhobenem Rücken. Nachbarn, die noch am Morgen wegen eines Weidezauns kein Wort gewechselt hatten, erinnerten sich plötzlich daran, zusammen geeilt zu sein, als der Regen sie überraschte.
Merkwürdig, wie das ist… Wir leben nebeneinander und doch getrennt durch hohe Zäune. Jeder in seinem Leben, in seinen kleinen Verletzungen. Und dabei braucht es manchmal nur einen Lichtstrahl im Dunkeln. Jemand, der uns uns selbst zeigt wie wir wirklich sind. Um uns daran zu erinnern, dass wir zusammengehören. Dass unsere Wurzeln tief in dieser Erde verankert sind.
Frau Valerie!, rief Paul mir nach. Hat es Ihnen gefallen?
Ich ging zu ihm, lächelte durch die Tränen, die jetzt doch liefen.
Es war wunderschön, Paul. Du hast uns ein Geschenk gemacht, das man kaum in Worte fassen kann. Du hast uns an die Hand genommen und zurück in die Jugend geführt, sogar die, die wir verloren haben, für einen Moment zurückgeholt. Weißt du, das Herz das wird nie alt, und du hast es heute glücklich gemacht.
Wir lösten uns erst weit nach Mitternacht auf. Noch lange klangen Stimmen, Lachen und quietschende Gartentore im Dorf. Die Menschen gingen nicht einzeln, sondern in Gruppen nach Hause, voller Gespräche über das Gesehene.
Ich kochte mir noch einen Tee, setzte mich ans Fenster. Die Vollmondnacht war klar, und ich fühlte mich so leicht und ruhig wie lange nicht mehr. Als wäre eine Last von den Schultern gefallen.
Seitdem ist es Brauch geworden: An den Wochenenden treffen wir uns am Schuppen, und Paul zeigt uns seine digitalisierten Filme. Wieder sind wir eine große Familie geworden. Die Zäune wirken jetzt niedriger, die Türen gehen leichter auf.
Man fragt sich dann: Was ist stärker die Zeit, die alles verwischt, oder die Erinnerung, die alles bewahrt? Was meint ihr, meine Lieben? Gibt es bei euch Erinnerungen, die euer Herz zum Leuchten bringen?
Vielleicht ist wirklich das Wichtigste im Leben, dass wir füreinander Hüter der gemeinsamen Erinnerungen bleiben denn aus ihnen wächst das, was uns verbindet.





