Als ich an jenem Abend früher von der Arbeit nach Hause kam, lag auf unserem Küchentisch eine fremde Lederbrieftasche, und meine Frau stand angespannt am Fenster, als würde sie auf etwas Ungewöhnliches warten.

Weißt du, neulich bin ich etwas früher von der Arbeit nach Hause gekommen. Ich wollte mich einfach aufs Sofa fallen lassen, als mir auf dem Küchentisch ein fremder, schwarzer Leder-Geldbeutel ins Auge fiel. Und meine Frau, Annette, stand am Fenster, ganz angespannt, als würde sie auf ein Donnerwetter warten.

Erst dachte ich, der Geldbeutel gehört vielleicht einem ihrer Kollegen. Manchmal lädt sie jemanden aus dem Büro auf einen Kaffee ein, wenn ich länger arbeiten muss. Aber dieses seltsame Ausweichen in ihrem Blick da ist mir sofort ein komisches Gefühl den Rücken runtergelaufen.

Wem gehört das Portemonnaie? habe ich ruhig gefragt.

Sie hat erst gar nichts gesagt, hat nur die Schultern gezuckt und gemeint, wohl einer habe es heute Mittag vergessen. Ihre Stimme klang so beiläufig, als hätte sie den Satz auswendig gelernt.

Ich hab das Portemonnaie dann in die Hand genommen war deutlich schwer. Drin lagen Ausweise, ein paar EC-Karten und ein gefalteter Zettel. Eigentlich wollte ich da gar nicht reinschauen, aber dann hab ich den Namen auf der Karte gesehen, und mir ist direkt schlecht geworden.

Es war jemand, den ich kenne.

Wir hatten vor zwei Jahren mal zusammen bei einer Firma in München gearbeitet. Dann war er urplötzlich verschwunden, und seitdem hatte ich den Kontakt verloren. Und jetzt fiel mir auch auf, dass Annette vor ein paar Wochen im Vorbeigehen mal seinen Namen erwähnt hatte. Ganz beiläufig.

Warum ist SEIN Portemonnaie bei uns in der Küche? wollte ich wissen.

Endlich sah sie mich an. In ihren Augen lag etwas, was ich noch nie gesehen hatte eine Mischung aus Angst und Trotz.

Es ist nicht, wonach es aussieht.

Diesen Satz kennst du. Den sagt man nur, wenn es längst schon zu spät ist, oder? Da weiß der andere sowieso Bescheid.

Ich hab mich an den Küchentisch gesetzt, das Portemonnaie zwischen uns gelegt. Es war total still, nur die Kuckucksuhr tickte.

Was ist es dann?

Sie fuhr sich durch die Haare, seufzte schwer.

Wir haben uns vor ein paar Wochen zufällig getroffen.

Zufällig. Das Wort klang so passend, dass ich fast hätte lachen müssen.

Und dann fing sie an zu erzählen erst hätten sie nur getextet, dann mal einen Kaffee zusammen getrunken. Und danach immer wieder. Je länger sie redete, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass da in mir drin Stück für Stück etwas kaputtgeht.

Er war heute hier, sagte sie am Ende leise.

Das ahnte ich eh. Das Portemonnaie war ja Beweis genug.

Wieso ist er ohne das Ding gegangen?

Keine Antwort.

In dem Moment klopfte es an der Tür.

Wir schauten beide gleichzeitig hin.

Das Klopfen war ganz leise, zögerlich. Also als sei der Mensch draußen nicht sicher, ob er rein darf.

Annette wurde kreidebleich.

Ich bin zur Tür gegangen und hab aufgemacht.

Und da stand er der Typ, dessen Name im Portemonnaie stand. Sah ziemlich nervös aus. In der Hand einen Schlüsselbund.

Ähm, sorry ich glaub, ich hab mein Portemonnaie hier vergessen.

Er stockte, als er mich sah.

Der Schock stand ihm ins Gesicht geschrieben.

Unsere Blicke trafen sich, und in dem Moment hab ich kapiert: Der weiß auch nicht, was wirklich läuft.

Liegt auf dem Tisch, hab ich gesagt und ihn in die Wohnung gelassen.

Als er Annette sah, veränderte sich sein Gesichtsausdruck.

Du hast gesagt, dein Mann kommt heute spät.

Dieser Satz hat wie ein Ziegelstein zwischen uns gehauen.

Annette schwieg. Ich blickte zwischen ihr und ihm hin und her.

Interessant, sagte ich ganz ruhig. Das ist auch für mich eine neue Info.

Der Typ sah völlig verwirrt aus.

Moment mal du meintest, ihr seid gar kein Paar mehr!

Annette schloss für einen Moment die Augen. Und da dämmerte mir endgültig: Sie hatte nicht nur mich belogen. Ihn wohl auch.

Er schaute erst das Portemonnaie, dann sie an.

Das heißt, die ganze Zeit über?

Sie flüsterte etwas, aber ich habs nicht mal verstanden.

Jetzt wars eh egal.

Ich habe ihm das Portemonnaie hingeschoben.

Ich glaube, wir beide haben heute Abend was gelernt.

Er packte sein Portemonnaie, drehte sich wortlos um und ist einfach zur Tür raus.

Als er weg war, lag diese seltsame Stille in unserer Wohnung.

Annette saß da, wie erstarrt, als würde sie gleich ein Urteil erwarten.

Ich hab nur meine Jacke genommen.

Wohin gehst du?, fragte sie ganz leise.

Ich hab an der Tür gestanden, kurz durchgeatmet.

Irgendwohin, wo man nicht lügen muss, um bleiben zu dürfen.

Und ich bin gegangen.

Weißt du, was ich mich jetzt frage? Wenn einer zwei Menschen gleichzeitig anlügt wer von uns war am Ende eigentlich wirklich der Dumme?

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Homy
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