Es war tief in der Nacht, als ich den schlafenden Mann an meiner Seite beobachtete. Mein Blick fiel auf sein Handy, das neben dem Bett lag. Ich wollte nur die Uhrzeit checken, doch dann erschien eine Benachrichtigung und mit einem Schlag brach meine Welt zusammen.
Nein, Frau Schmidt, das geht jetzt wirklich nicht! Ich kann mir keinen Urlaub nehmen, wir haben Quartalsabschluss und das Finanzamt steht vor der Tür!” Elke sortierte nervös die Papiere auf ihrem Schreibtisch, ohne ihrer Chefin in die Augen zu blicken. Bitte fragen Sie jemand anderen!”
Wen denn?” Die korpulente Frau im strengen Kostüm beugte sich über den Tisch. Gisela ist in Elternzeit, Monika krankgeschrieben mit ihrem Kind, und Karin versteht nichts von den Unterlagen! Nur Sie können die Filialprüfung übernehmen!”
Aber mein Sohn ist krank, meine Mutter kann nicht kommen, und mein Mann ist ständig auf Dienstreise”, presste Elke heraus, während sich ein Kloß in ihrer Kehle bildete. Ich kann nicht einfach für eine Woche nach Chemnitz fahren!”
Ihre persönlichen Probleme interessieren mich nicht!” schnitt Frau Schmidt ihr das Wort ab. Entweder Sie fahren, oder Sie reichen Ihre Kündigung ein. Entscheiden Sie sich!”
Mit einem Gefühl völliger Ohnmacht verließ Elke das Büro. Im Flur holte sie ihre Kollegin Sabine ein.
Hat sie dich wieder mal runtergemacht?” fragte Sabine mitleidig. Ich hab euren Streit gehört.”
Das ist noch untertrieben”, seufzte Elke. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Lukas ist gerade erst über die Lungenentzündung hinweg, und Thomas ist in Leipzig auf der Baustelle. Wie soll ich das alles schaffen?”
Und deine Schwiegermutter? Vielleicht könnte sie sich um den Jungen kümmern?”
Elke lächelte bitter:
Ach ja, träum weiter. Helga meint, der Enkel sei meine Aufgabe ihre ist es nur, mir zu sagen, was ich falsch mache. Nein danke.”
Zurück am Schreibtisch, starrte Elke auf die Dokumente, doch ihre Gedanken waren weit weg. Wie immer trieb das Leben sie in die Enge. Achtunddreißig Jahre alt, und immer noch zerrissen zwischen Job, Kind und Haushalt. Und Thomas war nie da, wenn sie ihn am meisten brauchte.
Abends, nachdem sie Lukas ins Bett gebracht hatte, sank Elke erschöpft auf das Sofa. Ihr Kopf pochte. Sie rief Thomas an, doch er meldete sich nicht wahrscheinlich wieder in einer Besprechung. In fünfzehn Jahren Ehe hatte sie sich an seine ständigen Dienstreisen gewöhnt, aber manchmal war es einfach zu viel, alles alleine zu stemmen.
Endlich klingelte sein Telefon.
Hallo, Schatz”, klang seine Stimme müde. Tut mir leid, ich war total im Stress.”
Thomas, ich muss auf Dienstreise”, sagte Elke ohne Vorrede. Eine Woche nach Chemnitz. Lukas ist noch nicht ganz fit, der Kindergarten fällt flach. Kannst du nach Hause kommen?”
Stille.
Elke, du weißt doch, das geht nicht. Wir haben hier Chaos, der Bau muss in zwei Wochen fertig sein. Ich würde ja, aber…”
Aber du kannst nicht”, beendete sie seinen Satz. Wie immer.”
Fang nicht schon wieder an”, fuhr er gereizt auf. Ich liege hier nicht faul in der Sonne! Ich verdiene das Geld, falls dir das entgangen ist!”
Ich verdiene auch Geld”, fauchte Elke. Aber ich kümmere mich nebenbei noch um unser Kind, den Haushalt, deine Hemden, das Essen…”
Hör zu, nicht jetzt”, unterbrach er sie. Ich bin völlig fertig, morgen gehts gleich weiter. Vielleicht kann deine Mutter einspringen? Oder frag doch Petra, die Nachbarin, ob sie nach der Schule auf Lukas aufpasst.”
Leichter gesagt als getan”, kämpfte Elke gegen die Tränen an. Schon gut, ich finde schon eine Lösung. Wie immer.”
Nach dem Gespräch saß sie noch lange stumm vor dem Fernseher. Eine Leere breitete sich in ihr aus. Wann war ihr Leben so geworden? Wann hatten sie aufgehört, ein Team zu sein, und waren nur noch zwei erschöpfte Menschen, die kaum Zeit füreinander fanden?
Die nächsten Tage vergingen wie im Nebel. Elke verschob die Dienstreise um eine Woche, überredete ihre Mutter, aus Potsdam anzureisen. Thomas sollte am Samstag zurückkommen rechtzeitig vor ihrer Abreise.
Am Freitag arbeitete Elke bis spät in die Nacht. Ihre Mutter und Lukas schliefen schon, als das Telefon klingelte.
Elke, ich bins”, sagte Thomas mit schuldbewusster Stimme. Es tut mir leid, aber ich muss noch zwei Tage länger bleiben. Unvorhergesehene Probleme.”
Was?” Ihr war, als bräche etwas in ihr zusammen. Thomas, ich fahre am Sonntag weg! Wir hatten uns doch geeinigt!”
Ich weiß, ich weiß! Aber ich kann nichts ändern. Entweder ich bleibe, oder wir bekommen alle keine Prämie. Das sind tausende Euro, Elke!”
Und dass ich Lukas nicht mitnehmen kann, interessiert dich nicht?” Sie sprach leise, um niemanden zu wecken.
Deine Mutter ist doch da? Sie kann ihn noch ein paar Tage behalten. Ich komme spätestens Dienstag, versprochen.”
Mutter ist einundsiebzig, Thomas! Sie kann kaum laufen mit ihren kaputten Gelenken! Und sie hat am Montag einen Arzttermin, auf den sie seit Monaten wartet!”
Dann frag Petra oder nimm eine Tagesmutter für zwei Tage”, wurde er ungeduldig. Ich weiß auch nicht, Elke, mach irgendwas! Ich kann mich nicht zerteilen!”
Aber ich soll das können, ja?” Sie presste die Worte hervor. Immer muss ich funktionieren, Lösungen finden, alles alleine regeln! Wann hast du dich das letzte Mal um Lukas gekümmert? Oder um mich?”
Ich schufte mich ab, damit ihr alles habt!” explodierte er. Damit Lukas es gut hat! Was willst du noch?”
Dass du da bist”, flüsterte Elke, während ihr die Tränen kamen. Einfach da, wenn man dich braucht. Aber das ist wohl zu viel verlangt.”
Sie beendete das Gespräch und vergrub ihr Gesicht in den Händen. Was tun? Die Chefin anrufen und die Reise absagen und riskieren, den Job zu verlieren? Lukas bei ihrer gebrechlichen Mutter lassen? Eine fremde Betreuung organisieren?
Erschöpft von den Sorgen und dem Schlafmangel, nickte sie am Tisch ein. Als sie aufwachte, war es halb drei. Sie rappelte sich hoch ihr Nacken war steif, der Rücken schmerzte. Eigentlich wollte sie nur noch schlafen, doch ihr Handy lag im Wohnzimmer. Da bemerkte sie Thomas’ Telefon auf dem Nachttisch er hatte es in der Eile vergessen.
Ich schau nur kurz auf die Uhr”, dachte sie und nahm das Smartphone. Der Bildschirm zeigte 2:37 Uhr und eine neue Nachricht:
*Mein Schatz, danke für den wundervollen Abend. Morgen wartest du wie immer bei mir. Gute Nacht, deine M.”*
Elke erstarrte. Ihre Finger wurden eiskalt, als wäre ihr Herz plötzlich zu Eis erstarrt. Das konnte nicht wahr sein. Nicht ihr Thomas. Nicht der Mann, mit dem sie fünfzehn Jahre verbracht, einen Sohn großgezogen, ein Leben aufgebaut hatte.
Mit zitternden Händen entsperrte sie das Telefon der Code war Lukas’ Geburtsdatum. Neben den üblichen Chats mit Kollegen und ihr selbst gab es einen Dialog mit M.”. Die Nachrichten ließen keinen Zweifel: Thomas traf sich seit einem halben Jahr regelmäßig mit dieser Frau. Seine Dienstreisen” waren oft nur Vorwand.
Elke sank aufs Bett. Fünfzehn Jahre Ehe eine Lüge. Sie erinnerte sich, wie sie Thomas kennengelernt hatte den jungen Architekten mit großer Zukunft. Wie glücklich sie war, als er ihr einen Antrag machte. Ihre bescheidene Hochzeit, die Flitterwochen an der Ostsee, Lukas’ Geburt. All die Hürden, die sie gemeinsam gemeistert hatten oder zumindest dachte sie, sie hätte sie gemeinsam gemeistert.
In den Nachrichten waren auch Fotos. Eine junge Frau, Ende zwanzig, mit langem roten Haar und makellosem Make-up. Hübsch. Viel hübscher als sie selbst abgekämpft, mit grauen Strähnen und Falten, die sie regelmäßig überschminkte.
Vor dem Spiegel fragte sie sich: Wann war sie zu dieser müden Frau mit den leeren Augen geworden? Wann hatte sie aufgehört, auf sich zu achten?
Das Telefon vibrierte erneut. Eine weitere Nachricht von M.”: *Antwortest du nicht? Schläfst du schon? Träum süß, mein Lieber.”*
Plötzlich überkam sie eine Welle kalter Wut. Wie konnte er? Ihr erster Impuls war, ihn sofort anzurufen, ihm alles ins Gesicht zu schreien. Doch sie beherrschte sich. Nein, das würde kein Telefonat werden. Sie wollte ihm in die Augen sehen, wenn er seine Lügen erklärte.
Stattdessen rief sie ihre Freundin an. Es war ihr egal, dass es mitten in der Nacht war.
Petra? Entschuldige die Uhrzeit. Könntest du morgen auf Lukas aufpassen? Ich muss dringend weg.”
Elke? Was ist passiert?” Petras Stimme klang verschlafen, aber besorgt.
Später. Es ist… familiär.”
Sie begann, ihre Sachen zu packen. Seltsam klar war ihr Kopf. Die Adresse hatte sie in den Nachrichten gefunden eine Wohnung in Berlin-Mitte, die Thomas angeblich für Geschäftstermine nutzte. Nun wusste sie, für welche Art von Terminen”.
Am nächsten Morgen übergab sie Lukas ihrer Mutter und bestellte ein Taxi. Der Fahrer warf ihr einen besorgten Blick zu, fragte aber nichts.
Die Wohnung lag in einem modernen Apartmenthaus mit Concierge. Sie nannte sich als Thomas’ Frau und wurde ohne weitere Fragen durchgewinkt. Im Fahrstuhl spürte sie plötzlich, wie ihr die Knie weich wurden. Was würde sie sagen? Was würde sie tun, wenn die Wahrheit auf dem Tisch lag?
Die Tür öffnete sie M.” persönlich, im Seidenmorgenmantel, das rote Haar offen. Hübsch, frisch, strahlend.
Sie sind…?” Die Frau runzelte die Stirn.
Elke. Thomas’ Frau.” Sie trat ein, ohne eingeladen zu werden. Ich nehme an, Sie sind Miriam?”
Die Frau Miriam wich zurück. Thomas ist nicht hier.”
Ich weiß.” Elkes Blick wanderte durch die luxuriöse Wohnung. Zwei Weingläser standen auf dem Tisch, eine halb leere Flasche daneben. Auf der Couch lag ein Herrenhemd sie erkannte es, sie hatte es Thomas zum Geburtstag geschenkt.
Wie lange geht das schon?” fragte Elke ruhig.
Seit acht Monaten”, antwortete Miriam leise. Er sagte, bei euch sei alles vorbei. Dass ihr nur noch wegen Lukas zusammenlebt.”
Elke lachte bitter. Die klassische Lüge. Und Sie haben ihm geglaubt?”
Ich… ich habe mich in ihn verliebt”, gestand Miriam. Er ist so aufmerksam, fürsorglich. Nimmt sich extra Zeit für mich, sogar von der Arbeit.”
Diese Worte trafen Elke wie ein Schlag. Für sie hatte Thomas nie Zeit. Für seine Geliebte schien er jede freie Minute zu opfern.
Die Tür ging auf. Thomas stand im Eingang, einen Blumenstrauß in der Hand. Als er Elke sah, erstarrte er.
Elke? Was machst du hier?”
Ich besuche deine zweite Familie”, entgegnete sie eisig. Dein Handy lag zu Hause. Deine Nachrichten waren sehr… aufschlussreich.”
Thomas stellte die Blumen ab. Ich kann das erklären.”
Erspar es dir.” Sie hob die Hand. Ich weiß genug.”
Er sah erschöpft aus, als er sagte: Wir sind schon lange kein Paar mehr, Elke. Wir leben wie Fremde. Du bist nur noch für Lukas und den Job da, ich für meine Baustellen. Das ist kein Leben.”
Und statt etwas zu ändern, bist du zu ihr gelaufen?” Ihre Stimme brach. Du hast es nicht einmal versucht!”
Doch!” Er wurde lauter. Erinnerst du dich an unseren letzten Urlaubsvorschlag? Oder unser Jubiläum? Jedes Mal hattest du eine Ausrede!”
Elke schwieg. Hatte er recht? Hatte sie ihn unbewusst weggestoßen?
Miriam stand auf. Ich lasse euch allein.”
Nein, ich gehe.” Elke wandte sich zur Tür.
Thomas packte ihren Arm. Elke, warte. Denk an Lukas.”
An Lukas?” Sie riss sich los. Jetzt fällt er dir ein? Er braucht einen Vater keinen Gelegenheitsbesucher mit Geschenken!”
Ohne einen Blick zurück verließ sie die Wohnung. Im Fahrstuhl ließ sie endlich die Tränen fließen. Fünfzehn Jahre zerstört durch eine einzige Nachricht.
Draußen atmete sie tief die kalte Luft ein. Was nun? Sollte sie gehen oder bleiben?
Sie holte ihr Handy heraus und rief ihre Chefin an.
Frau Schmidt? Guten Morgen. Wegen der Dienstreise ich fahre. Heute noch, wenn nötig.”
Manchmal ist es einfacher, nach vorn zu laufen, als zurückzublicken. Besonders wenn das, was einmal dein Glück war, nur noch in Trümmern liegt.





