Du, ich muss dir was erzählen Mir und meinem Mann ist förmlich der Atem weggeblieben! sagte Birgit, die gerade fünfzig geworden ist. Was der Kerl gemacht hat, ehrlich, das kannst du dir nicht ausdenken… Er hat die ganze Schwangerschaft über nur Ärger gemacht, wirklich, es fehlen einem die Worte! Er hat sie zum Abtreiben gedrängt und aus dem Mietwohnung, in der sie gemeinsam wohnten, einfach rausgeschmissen. Überall hat er rumposaunt, das Kind sei gar nicht von ihm angeblich sei sie einfach schwanger geworden. Der hat mir echt die Nerven ruiniert!
Ja, ich weiß… Und dann, so drei Wochen vor der Geburt, wurde er anscheinend ruhiger. Ich hab gehört, er hat Friederike also meine Tochter angerufen und normal gesprochen, ohne Stress, hat sich interessiert, wies ihr geht, wies dem Baby geht, ob sie wissen, obs ein Junge oder Mädchen wird. Aber weißt du kein einziges Mal hat er uns zuhause besucht, kein einziges Mützchen hat er dem Kind gekauft, nicht mal einen Apfel! Am Donnerstag wurde ich Oma! Morgen wird Friederike aus der Klinik entlassen, und meine Tochter und mein Mann haben gesagt, dass Jens ihr Mann sie abholt. Wir waren völlig baff, nach all dem…
Vielleicht ist er jetzt wirklich dabei, sich zu ändern? Sollte man ihm eine Chance geben? Ich weiß nicht, wohin das führen soll, aber mein Vater und ich sind strikt dagegen, sag ich dir. Er hat während der ganzen Schwangerschaft keinerlei Unterstützung gezeigt. Wo will er sie und das Baby denn hinbringen? Friederike sagt, er hat eine Einzimmerwohnung in irgendeinem Ort gemietet mit einem Säugling! In einem schäbigen Gästehaus, nicht mal in Berlin, sondern irgendwo im nirgendwo! Friederikes Vater meinte wenn dieser Typ zum Vorsorgetermin auftaucht, dann drehen wir um und ziehen wieder zurück; und Friederike kann dann machen, was sie will…
Du musst wissen, Friederike, Birgits Tochter, ist sechsundzwanzig. Ein hübsches Mädel, wirklich ein Schatz, das einzige Kind der Familie. Vor eineinhalb Jahren hat sie angefangen, sich mit Jens einzulassen, den ihre Eltern nie wirklich mochten.
Er hat keinen Abschluss, war zwar in der Schule, aber hat, wie er sagt, schlicht aus Blödheit die Prüfungen zur zehnten Klasse nicht gemacht. Birgit vermutet, dass er vielleicht sogar die Neuner Abschlussprüfungen nicht bestanden hat, verschweigt das aber, damit er nicht ganz blass dasteht.
Jens arbeitet als Möbelpacker, hofft auf gutes Geld. Für jemanden ohne Ausbildung läuft das gar nicht schlecht. Das offizielle Gehalt ist lachhaft, aber er verdient alles mit Nebenjobs und Trinkgeld. Wenn etwa jemand neue Möbel bekommt, bringt Jens die vorbei, nimmt alte Möbel auseinander, trägt sie raus manchmal sind die alten Möbel noch richtig brauchbar, Jens kann sie auch verkaufen; die Besitzer sind froh, dass sie weg sind.
Also, irgendwie wurschtelt er sich durch und kommt über die Runden.
Friederike hat einen Uniabschluss, Spezialistin im Marketing, hat vor der Schwangerschaft in einer Werbeagentur gearbeitet, Business-Kostüm und High-Heels, hat sich mit Akademikern getroffen. Und dann plötzlich taucht Jens auf, vermutlich, als er Möbel ins Büro brachte. So haben sie sich kennengelernt.
Und jetzt leben sie zusammen, gegen alle Widerstände! Birgit erzählt mir und muss lachen. Alle ihre Freunde waren geschockt, keiner hat das begriffen.
Und dann, auf einmal, wurde Friederike schwanger. Jens wollte auf keinen Fall heiraten und hat fast neun Monate lang allen den letzten Nerv geraubt. Friederike ist zu ihren Eltern gezogen, sie haben alles fürs Baby vorbereitet das Kinderzimmer renoviert, Sachen gekauft, Geburt in einer guten Klinik bezahlt.
Und jetzt taucht Jens auf, schwingt den Zeigefinger alles, was wir gemacht haben, zählt plötzlich gar nicht! Birgit ist den Tränen nah. Friederike ist bereit, uns zu verlassen und mit ihm und dem Kind in eine unbekannte Wohnung zu ziehen. Was sollen Eltern in so einer Situation tun? Sie gehen lassen und ihr Glück wünschen? Warten, bis sie irgendwann wieder vor der Tür steht, heulend, mit kaputten Hausschuhen? Das passiert bestimmt irgendwann…
Was meinst du ist es okay, der Tochter ein Ultimatum zu stellen: Wenn er kommt, gehen wir? Soll man das Kind unterstützen, egal was es entscheidet? Sie will ihrem Mann vergeben, ihm nochmal eine Chance geben ist das dann eben so?
Oder kann man die Eltern verstehen?





