Manchmal führt erst das Unglück zum wahren Glück – Wie das Schicksal unerwartet zum Guten wendet

Kein Unglück, das nicht auch sein Gutes hätte

Tief im süddeutschen Schwarzwald war die Dorfhochzeit in vollem Gange. Josef und seine Frau gaben ihre älteste Tochter zur Ehe. Der Hof war voller Musik, Lachen und Stimmen und doch saß in der Stube am Fenster die jüngste Tochter allein, traurig und abseits: Annemarie. Josef, schon ein wenig angeheitert, torkelte zu ihr, nahm sie in die Arme und drehte sie lachend herum.

Kopf hoch, Annemarie! Auch dich bringen wir noch unter die Haube. Schau dich an, unsere Mädchen sind doch bildhübsch. Auch für dich findet sich ein Bräutigam, du wirst schon noch glücklich.

Annemarie war zwölf, und seit ihrer Kindheit nannten sie alle Hinkebein. Als kleines Mädchen hatte sie sich am Fuß eine schwere Gusseisenbügel auf den Fuß fallen lassen. Der Dorfarzt flickte zwar, wie er konnte, doch das Bein wuchs schief zusammen. Im Dorf fand kaum einer das erwähnenswert. Annemarie hatte zwei ältere Schwestern, war die jüngste und wurde gern bemitleidet, besonders seit ihrem Unfall. Die Zehen leicht verdreht, der Fuß nach innen geneigt.

Im Sommer lief sie barfuß durch den Garten, aber in Schuhen war es schlimmer, besonders im Winter. Mit den Jahren schämte Annemarie sich immer mehr, doch was sollte sie machen? Ihre Behinderung wurde durch ihr hübsches Gesicht und ihre wunderschöne Singstimme fast vergessen. Im Dorf hörte man sie gerne, und manchmal schien es, als sei sie die Anmutigste von allen Töchtern.

Direkt neben ihnen wohnte die Familie Kramer. Die hatten zwei Söhne: den älteren Lukas und den jüngeren Sebastian. Lukas war sechs Jahre älter, musizierte oft auf dem Akkordeon. Sebastian, Annemaries Altersgenosse, tat meist nur so, als könne er spielen Musik lag ihm eben nicht.

Sebastian und Annemarie waren seit dem Sandkasten unzertrennlich. Oft saßen sie bei den Kramers auf der Treppe, sie sang, er klimperte erfolglos auf der Quetsche und sie lachten. Lukas kam vorbei und schimpfte:

Leg das Akkordeon wieder hin, du Knoten, doch Annemarie und Sebastian kicherten und rannten in ihren Garten.

Für Annemarie war Lukas das Idealbild eines Jungen: groß, kräftig, charmant. Heimlich schwärmte sie für ihn, ohne es selbst zu merken eines Tages verriet sie sich sogar Sebastian gegenüber, der sich daraufhin gekränkt zeigte.

Kurze Zeit später erledigte sich alles von selbst: Lukas wurde zur Bundeswehr eingezogen. Annemarie weinte heimlich, als er wegging. Doch bald kehrte der Alltag zurück. Sie und Sebastian wuchsen heran, und bei Annemarie erwachte die Hoffnung, vielleicht könne auch sie einmal mit Sebastian zusammen glücklich werden wenn da nur nicht ihr Fuß wäre…

Den oft beschwerlichen Weg zur Schule gingen die beiden gemeinsam, und im Winter half ihr Sebastian, trug die schwere Büchertasche oder führte sie am Arm.

Los, Annemarie, beeil dich, sonst frieren wir noch fest! Ihr kam es vor, als würde sie mithalten, aber der Fuß raffte Schnee und bremste.

Die Zeit verging, beide wurden fünfzehn. Lukas war längst in der Offiziersschule, wollte beim Militär Karriere machen, war seit Jahren nicht mehr im Dorf gewesen. Annemarie träumte manchmal vom Leben in der Stadt. Es war ein heißer Sommertag, Annemarie saß, nachdem die Mutter sie durch die Hausarbeit gescheucht hatte, auf der Stufe vor dem Haus. Die Sonne brannte, Vögel zwitscherten.

Annemarie, rief Sebastian aufgeregt, stürmte auf den Hof. Dein Vater… auf dem Feld… er ist umgefallen, liegt da…

Annemarie erschrak, hastete so schnell sie konnte hinterher. Doch sie kam zu spät. Ihr Vater lag auf der Wiese, umringt von Nachbarn, ihre Mutter weinte laut. Annemarie ging zu ihm, Tränen liefen.

Drei Tage später stand das halbe Dorf am Grab. Josef wurde sehr geachtet. Mutter und die drei Töchter standen verloren da und blickten, wie die Erde auf den Sarg fiel. Sie weinten.

Wie soll das nur weitergehen klagte die Mutter.

Die beiden Großen waren verheiratet, Annemarie flüsterte leise:

Ich bleib bei dir, Mama. Weine nicht.

Die Mutter wiederholte oft:

Weißt du, Annemarie, ich glaube, Gott hat dich extra mir so geschickt, damit du mich tröstest. Du wirst mich doch nie allein lassen?

Natürlich hatte Annemarie nach dem Schulabschluss auch fortgehen, lernen, Freude entdecken wollen vielleicht nach Freiburg oder Karlsruhe. Aber sie wusste, dass ihre Mutter sie brauchte. Sie fühlte sich wie ein Vogel im Käfig. Die Mutter bat immer häufiger, dass sie bleiben möge.

Die Jahre verflogen. Eines Tages sah Annemarie vom Fenster aus, wie Sebastian mit einem fremden Mädchen Arm in Arm am Haus vorbeilief. Später erfuhr sie: Lisa war aus der Stadt zu ihrer Oma aufs Dorf gekommen. Sebastian schenkte Annemarie keinen Blick, lachte fröhlich.

Es zog ihr das Herz zusammen. Sebastian mit einer anderen.

Und was ist mit mir? dachte sie verwirrt. Sie gehen sicher ins Jugendhaus, ich will auch hin, ihm zeigen, wie schön ich sein kann.

Sie zog ihr neues Kleid an, schminkte sich verstohlen mit Mutters Lippenstift, ließ die Haare offen. Wunderschön aber eben mit dem Fuß.

Sebastian lachte mit Lisa, erzählte etwas Lustiges, sie kicherte.

Hallo, Annemarie trat zu ihnen. Da bin ich auch. Was für ein schöner Abend…

Sie merkte, wie Sebastian unsicher wurde, das andere Mädchen schaute überrascht.

Lisa, das ist Annemarie, ich hab von ihr erzählt. Unsere Nachbarin, meinte er knapp. Geh doch schon mal hinein, wir kommen gleich, schob sie zur Bank.

Ich will aber nicht sitzen, ich will tanzen wie alle Lisa, kann ich mit Sebastian tanzen? Sie nickte zögerlich.

Ich hab doch gesagt, du sollst dich setzen. Das ist nix für dich, wie willst du denn tanzen?

Annemarie war getroffen, drehte sich abrupt um und strauchelte. Sebastian half ihr auf, führte sie rasch hinaus, Annemarie weinte und humpelte nach Hause. Auf der Treppe wartete ihre Mutter.

Wo warst du nur so lang? Und warum bist du so herausgeputzt? Die Mutter wurde still, als sie die Tränen bemerkte.

Weine nicht, tröstete sie, du hast gesehen, Sebastian ist jetzt mit einer anderen. Ach Annemarie, wozu brauchst du ihn? Wir beide bleiben zusammen, du hast es versprochen. Und Sebastian… das wird nichts mehr…

Beruhigt saß Annemarie am Fenster, sah später, wie Sebastian mit Lisa nach Hause kam. Die Tränen liefen wieder.

Sebastian hat mich verraten, dachte sie, auch wenn er ihr nie etwas versprochen hatte. Er war eben immer nur da gewesen.

Annemarie wollte nicht begreifen, wie unterschiedlich Liebe sein kann. Sie mochte Sebastian, aber er konnte eine andere lieben. Daran hatte sie nie gedacht. Für sie war es selbstverständlich, dass Sebastian immer an ihrer Seite bleiben würde.

Nachts, als die Mutter eingeschlafen war, schlich sich Annemarie leise aus dem Haus. Sie lief zum Bach im Tal, stolpernd, schluchzend. Als sie am Wasser stand, wollte sie alles zurücklassen. Sie stieg hinein.

All mein Leid bleibt in diesem Fluss, dachte sie, die Kälte spürte sie kaum noch.

Ach Papa, flüsterte sie, du hast versprochen, dass du einen Bräutigam für mich findest… und ich bin doch so alleine

Sie sah in den Sternenhimmel, dann sprang sie vorwärts in die Fluten.

Plötzlich tauchte jemand neben ihr auf, packte fest zu und zog sie ins seichte Wasser.

Spinnst du? hörte sie eine aufgebrachte Stimme. Willst du denn wirklich sterben? schrie Lukas. Annemarie, was tust du da?

Lukas? Woher? Dich hat nie einer gehänselt, du bist schön, alles läuft bei dir, was weißt du von mir? Annemarie schüttelte sich, klitschnass und zitternd.

Sie wusste ja nicht, dass Lukas nach dem Abschluss ein Jahr als Leutnant gedient hatte und heute Nachmittag auf Heimaturlaub gekommen war. Er hatte sie heimlich zum Fluss gehen sehen und war ihr nachgegangen.

Eine Pause entstand. Lukas wartete, bis sie sich beruhigte.

Seit Papa tot ist, ist Mama kaum wiederzuerkennen. Sie hält mich fest, lässt mich nicht weiter. Wozu soll ich so leben?

Lukas schlang seinen Mantel um sie, hielt sie fest im Arm und sagte leise:

Dein Leben ist wichtig. Für dich selbst und auch für mich. Dein Leben fängt doch gerade erst an. Nicht zu früh aufgeben Glück kommt, ohne dass man es erwartet.

Er küsste sie vorsichtig.

Lukas, du tust das doch nicht nur aus Mitleid? fragte Annemarie leise, errötend.

Nein. Ich hab immer an dich gedacht. Ich will dich mitnehmen, in die Stadt, einen Arzt suchen, wir lassen dein Bein operieren, dann vergisst du den Schmerz. Ich hab noch nie geheiratet ich musste immer an dich denken, Annemarie. Willst du mich heiraten? Ich weiß noch, wie du mich als Kind immer angehimmelt hast, lächelte Lukas.

Wenn du das wirklich meinst, Lukas, dann ja!

Anfangs war die Mutter gekränkt, doch je näher die Hochzeit rückte, desto emsiger half sie mit. Lukass Urlaub war bald zu Ende, sie wollten noch schnell zum Standesamt.

Schon drei Tage nach der Trauung zog Lukas mit Annemarie in die Stadt. Dort fand er einen erfahrenen Chirurgen. Der schaute kritisch:

Schwer, aber nicht aussichtslos. Wäre im Kindesalter besser gewesen. Aber es geht. Es braucht viel Geduld.

Ich will alles aushalten, antwortete Annemarie mit Tränen in den Augen, Hauptsache, die Hinkerei ist vorbei.

Die Jahre verflogen. Die Operation war geglückt, und ein Jahr später humpelte sie nicht mehr. Glücklich verkündete Annemarie ihrem Mann:

Lukas, wir bekommen ein Kind!

Er umarmte sie, Tränen in den Augen.

Ich hoffe, es wird eine Tochter eine, die dir ähnelt.

Mal sehen, lachte Annemarie, voller Glück.

Als das kleine Mädchen geboren war, strahlte Lukas über seine Familie. Und Annemarie, wenn sie manchmal in den Spiegel blickte, dachte nur:

Wie glücklich ich jetzt bin! Und dabei wollte ich damals fast… Danke, dass du mich gerettet hast, lieber Lukas.

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Homy
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Manchmal führt erst das Unglück zum wahren Glück – Wie das Schicksal unerwartet zum Guten wendet
Im sintflutartigen Regen hielt ich an, um einer verzweifelten deutschen Schäferhündin zu helfen, doch als ich ihr verwundetes Welpen hob, erstarrte ich auf der Straße.