Es geschah während einer merkwürdigen Zeit, als sowohl ich als auch mein Ehemann in unserer kleinen Wohnung in Freiburg unter Quarantäne standen. Unsere Euros waren fast aufgebraucht, und zum nächsten Gehaltstag fehlte noch eine endlos scheinende Woche. Das Portemonnaie war so leer, dass selbst das Kleingeld müde darin klapperte.
Natürlich machte ich mir keine Sorgen im Kühlschrank lagerten noch ein paar verschlafene Kartoffeln und ein Rest Sauerkraut. Wir würden zurechtkommen (sage ich jetzt, als ob es nichts wäre).
Wie aus nebligem Traumschaum tauchte plötzlich die Erinnerung an einen unserer Schuldner auf. Er schuldete uns zwar keinen großen Betrag, aber jetzt hätte selbst ein einzelner Euro eine seltsame Größe angenommen und würde uns für einen Moment Luft verschaffen.
Während ich im Dämmerlicht der Küche Tee kochte, suchte mein Mann Heinrich schon nach der Nummer des Schuldners. Er wählte, und nach einer unendlich scheinenden Läutepause wurde abgehoben. Zuerst sprach Heinrich mit strenger Stimme, forderte das Geld zurück wie ein zerstreuter Professor, doch plötzlich veränderte sich sein Klang wurde leiser, voller Mitleid und entschuldigender Töne.
Er legte auf und sah mich an, als käme er aus einem anderen Zeitalter zurück. Elisabeth, die Mutter von unserem Schuldner ist gestorben, sagte er. Wir waren betroffen, der Anstand verlangte selbstverständlich, dass wir uns geduldeten.
Wochen vergingen wie in einem halb vergessenen Märchen. Eines Tages beschlossen wir, etwas zu kochen, das nach Zuhause schmeckt. Wir schlenderten zum Gemüsegeschäft um die Ecke, kauften Möhren, Lauch und Pastinaken. Schon an der Tür, bereit zum Gehen, blieb ich abrupt stehen. Da stand sie, fit und lebendig, die verstorbene Mutter unseres Schuldners, mit einer Einkaufstasche voll Äpfel. Mir entfuhr ein unwillkürliches Zucken im Gesicht, als hätte ich einen Geist gesehen.
Ich kannte Heinrich nicht so wütend er wirkte wie ein gereizter Bär, der aus dem Winterschlaf gerissen wurde. Wir stiegen wortlos in unseren alten VW Golf und fuhren durch die engen Straßen hinaus zu dem Haus des trauernden Sohnes. Er lag nicht etwa in tiefer Trauer, sondern lallte in einer Wolke aus Bierdunst dem Zustand volltrunkener Melancholie entgegen und verweigerte stur jede Rückzahlung.
Zwischen Traum und Wirklichkeit sah ich Heinrich schon kurz davor, die Geduld zu verlieren. Doch dann, als hätte der Schuldner die unerwartete Wahrheit selbst geträumt, brach er plötzlich zusammen und gestand, es sei die erste Ausrede gewesen, die ihm eingefallen sei. Er trottete in sein Zimmer und kehrte, wie eine surreale Erscheinung, mit dem Geld zurück.
Danach haben wir ihn nie wieder gesehen wie aus dem eigenen Traum gefallen, verlor er seine Gestalt in unseren Erinnerungen.
Sagt mir, wie soll man nach so einem Traum noch Vertrauen in die Menschen haben?





