Stell dir mal vor, was mir am Samstag passiert ist das klingt jetzt wirklich wie aus einem schlechten Film!
Also, ich wache auf keine Spur von gemütlichem Morgenkaffee. Stattdessen höre ich so ein komisches, unheilvolles Zischen aus dem Bad. Ich also noch im Bademantel ins Bad getapst, und was sehe ich? Mein sündhaft teurer, viel gepriesener italienischer Wasserhahn gibt eine eigene Wassershow. Eine dünne, dafür sture Wasserfontäne schießt in die falsche Richtung und hört natürlich auch nicht auf.
Panik! Lappen geschnappt, den Haupthahn abgedreht irgendwie improvisiert.
Dann saß ich auf dem Wannenrand, habe ein wenig in Selbstmitleid gebadet und mir eingestanden: Ich brauch ‘nen Klempner. Klar, ich bin nicht auf den Kopf gefallen Regal anbringen, Dübel setzen, das ist kein Problem. Aber bei Wasserrohren hört bei mir die Kompetenz auf, ehrlich gesagt.
Hab also mein Leid in die App MeinHandwerker getippt und direkt jemanden angefordert.
Und dann, am Telefon, kam mir die Stimme irgendwie bekannt vor. Aber mal ehrlich wenn du eine kleine Überschwemmung zu Hause hast, hörst du da auf Nuancen in der Stimme? Eben.
Eine Stunde später klingelts an der Tür.
Ich mache auf und friere instant ein wie ein Hase vor dem Mähdrescher. Da steht halte dich fest mein Ex-Mann, Thomas. Der Thomas, der vor sieben Jahren einfach so die Koffer gepackt und wortreich erklärt hat, ich wäre zu langweilig für ihn (ich war damals 45), und sich dann vergnügt zu dieser jungen und dynamischen Sabine aus der Buchhaltung verzogen hat.
Wir hatten seitdem keinen Kontakt. Kein Glückwunsch, keine Alimente, gar nichts unser Sohn ist ja eh längst erwachsen.
Und da steht er jetzt. In einer alten, abgewetzten Weste mit Werkzeugkoffer, sichtlich gealtert, eingefallene Wangen, schütteres Haar, Augenringe, und die Platte notdürftig mit ein paar Haarsträhnen kaschiert.
Ich stehe da in meiner neuen, nach Chanel duftenden Zwei-Zimmer-Altbauwohnung, und kann nur stumm glotzen.
Anna?, fragt er sichtlich irritiert.
Ja, Thomas. Dann komm halt rein.
Von außen gespielt gelassen, von innen war ich ein einziger Knoten. Aber cool geblieben.
Er zieht die Schuhe aus, die Sohlen waren ehrlich genauso ausgelatscht wie er selbst.
Zeig schon, wo es tropft, grummelt er, immer schön meinen Blick meidend.
Während er im Bad werkelte, blieb ich in der Tür stehen, Arme verschränkt. Seine Hände zitterten ein bisschen vielleicht vor Nervosität, vielleicht wars einfach das Alter. Aber er wusste, was er tat: Nach 15 Minuten war das Zischen weg, der Hahn lief wieder so, wie er soll.
Nicht schlecht renoviert hier, Anna. War sicher teuer.
Was bin ich dir schuldig?
Er kratzt sich verlegen am Kopf.
Ach, komm Unter Freunden, weißt du. Mach uns ‘nen Tee? Ich bin ja schließlich dein Ex-Mann.
Und an der Stelle wurde ich neugierig zu neugierig, um Nein zu sagen.
Wir sind also in die Wohnküche. Er wirkte ein bisschen überrollt 25 Quadratmeter, bodentiefe Fenster, Licht ohne Ende. Sieben Jahre zuvor hatten wir noch zu zweit in einer kleinen muffigen Wohnung mit Rauhfasertapete gelebt.
Er lässt die Hand über die Küchenplatte gleiten, künstlicher Stein, alles richtig schick.
Du wohnst ja richtig schnieke! Hast doch sonst immer gesagt, es reicht nur für Kartoffelsuppe.
Das war vielleicht bei dir so. Ich hab mich halt zusammengerissen und es gemacht.
Was ist denn so los bei dir? Noch mal geheiratet?
Nö. Genieße geradezu die Freiheit, arbeite viel, reise, mein Sohn ist übrigens im IT-Bereich gelandet. Und du? Und Sabine?
Sein Blick wird finster beim Thema Sabine.
Ach, Sabine Das war ein kurzes Vergnügen, knapp ein Jahr. Dauernd wollte sie Pelzmäntel, Wellness auf Sylt, teuren Urlaub. Bin ich Friedrich Merz, oder was? Am Ende hat sie mich rausgeschmissen. Seitdem pendel ich von Auftrag zu Auftrag und wohne wieder bei Muttern.
Er hat dann ewig weiter gejammert, seine Pleiten genüsslich ausgebreitet.
Irgendwann wurde er dann doch still, schaute sich nochmal um, schlenderte durchs Wohnzimmer zur gemütlichen Couch mit fettem Fernseher.
Toll hast dus, Anna. Richtig schön. Man merkt sofort: Hier wohnt eine Frau, die weiß, was sie will, sagt er dann und blinzelt komisch.
Und dann der Move! Plötzlich steht er da, hebt das Kinn, reibt mit der Hand das bisschen Bauch weg.
Weißt du, Anna, ich glaube das kann kein Zufall sein, dass wir heute wieder aufeinandertreffen. Schicksal halt.
Ich hebe eine Braue.
Irgendwie sind wir doch inzwischen beide allein, oder? Ich im alten Jugendzimmer, du hier solo. Ist doch Quatsch!
Er kommt näher. Vielleicht sollten wir alte Geschichten ruhen lassen. Wir waren ja damals einfach zu grün hinter den Ohren. Ich habe begriffen, dass Sabine ein Fehler war. Und du bist ja echt eine klasse Frau geworden. Mit Stil und allem.
Ich sage erstmal gar nichts, warte einfach ab, was jetzt wohl kommt.
Und dann bringt er tatsächlich diesen ausgefuchsten Satz: Weißt du was, Anna, lass uns doch gegenseitig verzeihen. Vielleicht sollte ich zu dir ziehen? Eine Frau braucht doch einen Mann im Haus. Ich nehme kaum Platz weg und ein ordentliches Gulasch mache ich dir auch.
Ich stehe langsam auf.
Du willst mich also auch noch gnädig verzeihen?, frage ich extra leise.
Na klar, sagt er grinsend. Du warst ja auch keine Heilige damals. Aber lassen wir das hinter uns.
Vor meinem inneren Auge liefen die letzten sieben Jahre im Schnelldurchlauf ab. Und da steht er jetzt, dieser Mann, will sich in mein gemachtes Nest setzen, auf MEINE Couch fläzen, an MEINEN Kühlschrank gehen und glaubt, er schmeißt mir noch einen Knochen hin mit seinem Großmut.
Thomas, sage ich mit einer Stimme, die es auch mir eiskalt den Rücken runterjagen lässt. Nimm bitte deinen Werkzeugkoffer.
Wie bitte? Er blickt ratlos.
Den Koffer. Nimm ihn und ab zur Tür.
Anna, jetzt mal ehrlich ich meine es ernst. Überlegs dir! Allein sein ist doch Mist. Wer hilft dir hier sonst? Wer schlägt Nägel ein?
Tschüss, Thomas. Ganz klar und langsam.
Siehste, genau deshalb bin ich damals gegangen, raunzt er. Jetzt hast du Geld und glaubst, du wärst was Besseres. Ich hab dir immerhin eine zweite Chance geben wollen.
Ich hab ihn regelrecht rausgeschoben, Türe abgeschlossen, beide Schlösser.
Herz pochte bis zum Hals, Hände gezittert. Nicht vor Angst, sondern aus Zorn. Weil es wirklich Typen gibt, die Frauen immer noch für eine Art praktische Servicekraft halten.
Ein Mann muss ins Haus! Der Herr und Meister!
Im Spiegel sehe ich eine starke Frau, die sich alles alleine aufgebaut hat, die hier die Chefin ist und auch bleibt.
Thomas, falls du das hier je hörst: Danke, dass du damals gegangen bist. Das war mein größtes Geschenk. Hausmeister gibts hier schon und zwar mich.
Sag mal ehrlich haben Ex-Männer so ein eingebautes Radar, dass sie immer dann anklopfen, wenn man gerade sein Leben auf die Reihe bekommen hat?
Lass uns verzeihen da braucht man ja fast eine Krone auf dem Kopf.
Was hättest du an meiner Stelle gemacht? War ich wirklich zu krass mit ihm? Würde gern mal eure Geschichten dazu hörenIch habe mich dann auf die Couch gesetzt, immer noch im Bademantel, und mir erst mal einen gut gemeinten, sündhaft starken Kaffee gemacht. Die Wohnung war wieder still friedlich. Kein Wasserplätschern, kein Thomas-Gemurmel, nur das Ticken der Standuhr und das Klirren meiner Kaffeetasse auf dem Tisch.
Ich lächelte in mein Spiegelbild bei der Küchentür mit diesem Lächeln, das man sich selbst schenkt, wenn der Abgrund freundlich zuwinkt und man trotzdem lieber tanzt, als sich reinzulegen.
Vielleicht hat das Universum Recht: Man begegnet alten Geschichten nicht, um sie wiederzubeleben, sondern um ihnen endgültig Tschüss zu sagen aufgeräumt, klar und ohne Drama. Und während ich meinen Kaffee nippe, blättere ich in einem neuen Reisekatalog.
Der Wasserhahn hält. Der Kopf ist frei. Und ich beschließe: Die nächste Katastrophe, die ich repariere, wird vielleicht ein tropfendes Zelt in Schweden oder mein Lampenschirm in Marrakesch.
Aber sicher nicht das Ego eines gescheiterten Ex.
In diesem Moment klatschen draußen irgendwo Kinderhände und ich klatsche in Gedanken einfach mit. Weil ich dieses Leben so, wie es jetzt ist, mindestens eine goldene Krone wert finde.





