Ich bin gekommen, um dich zu bitten, zu mir zurückzukehren. Annemarie, mein Leben hat sich nicht mehr gefügt, seit du mich verlassen hast. Ich finde einfach keine Frau, die zu mir passt. Es sind tatsächlich mehr als zwanzig Jahre vergangen, seit du gegangen bist, und doch habe ich niemanden gefunden. Immer wieder denke ich an dich und werde traurig.
Annemarie blickte aus dem Fenster, als sie das Geräusch eines Wagens hörte, der die Auffahrt hinauffuhr. Durch den Lattenzaun sah sie, wie Friedrich mit wichtiger Miene ausstieg.
Ach du meine Güte, was will er denn jetzt noch von mir? Die Sache ist doch längst entschieden. Bald müsste Johannes kommen. Hoffentlich laufen die sich hier nicht über den Weg. Wobei, wahrscheinlich wird Johannes ohnehin alles erfahren auf dem Land bleibt kein Geheimnis lange verborgen Nun ja, es kommt, wie es kommen muss, dachte Annemarie, während Friedrich gemächlich das Gartentor öffnete und sich im Hof umsah.
Schnell verließ Annemarie das Haus, in der Sorge, der unerwartete Gast könnte sonst einfach eintreten.
Friedrich war wie immer tadellos gekleidet, trotz allem noch ein ansehnlicher Mann. Dunkle Augen, die Schläfen leicht ergraut, etwas Bauch durch das Hemd sichtbar, teure Brille mit modischem Gestell. Natürlich, die Jahre sind vergangen er war inzwischen neunundvierzig. Nicht wirklich alt, doch schon reifer, mit einer ernsten Würde und seiner gewohnten Selbstsicherheit.
Guten Tag, Annemarie. Hast du wohl nicht erwartet, mich zu sehen? fragte Friedrich, freundlich.
Guten Tag. Um ehrlich zu sein, nein. Ich dachte, wir hätten alles geklärt. Nach all den Jahren was führt dich zu mir?
Ich möchte dich überreden, zurückzukommen. Annemarie, seit du nicht mehr bei mir bist, finde ich kein Glück im Leben, habe nie eine andere Frau gefunden, die mir gefiel. Es sind tatsächlich über zwanzig Jahre vergangen, seit du fort bist, und immer denke ich an dich.
Friedrich, verstehst du denn nicht? Ich habe einen Mann und eine Tochter mit ihm. Was willst du noch von mir? Glaubst du immer noch, die Welt drehe sich um dich? Hast du an Johannes gedacht glaubst du, er würde sich über deinen Besuch freuen? Ich bin mit Johannes seit all den Jahren glücklich, ich brauche kein anderes Glück.
Ich bin für dich gekommen, erwiderte Friedrich und überhörte ihre Worte. Ich weiß von deinem Mann und eurer Tochter. Ich weiß, dass sie studiert. All diese Jahre habe ich mich aus der Ferne doch um dein Leben gekümmert Doch nun konnte ich nicht mehr anders, wollte dir anbieten, ganz von vorn anzufangen. Ich bin nicht mehr derselbe, habe vieles überdacht, auch was dich betrifft. Warum bleibst du eigentlich in diesem schlichten Landhaus du hast einst wie eine Königin gelebt. Ich bitte dich, komm mit mir, gemeinsam könnten wir
Er brachte den Satz nicht zu Ende, denn hinter ihm waren Schritte zu hören; Annemaries Blick glitt beunruhigt über Friedrichs Schulter.
Johannes näherte sich, groß gewachsen, festen Schrittes und um etliches stattlicher als Friedrich.
Annemarie, was will der hier? fragte Johannes, mit Blick auf Friedrich.
Friedrich, bitte geh jetzt. Du hast hier nichts mehr zu suchen. Ich habe dir alles gesagt, wandte sie sich an den Besucher. Johannes, ich kann dir alles erklären, ich habe selbst nicht
Schon gut, du musst nichts erklären, meinte Johannes ruhig, ging ins Haus, warf hastig ein paar Sachen in eine Reisetasche und verließ es wieder. Ohne sich umzudrehen, schritt er mit der Tasche in Richtung Landstraße davon.
Annemarie, verwirrt und mit Tränen in den Augen, sah Johannes nach, während Friedrich wie erstarrt im Hof stehen blieb.
Warum musst du immer alles zerstören? Tauchst in meinem Leben auf und bringst alles durcheinander. Ich habe seit Jahren keine Gefühle mehr für dich. Geh, und komm nie wieder.
Annemarie, ich wollte nur das Beste, versuchte er sich zu entschuldigen.
Aber Annemarie eilte ins Haus, warf die Tür zu. Nach einer Weile kam sie wieder heraus und rannte, so schnell sie konnte, dem Mann hinterher.
Friedrich saß im Wagen, Annemarie huschte an ihm vorbei. Tja, hier wartet wohl nichts auf mich. Warum nur hatte ich gehofft nach all den Jahren.
Annemarie war immer noch die agile, zarte Schöne von einst, vielleicht noch weiblicher, noch anmutiger. Das stand ihr nur gut.
Friedrich nahm es sich seit Langem übel, zu spät zu erkennen, dass er niemals eine bessere Frau als Annemarie finden würde. Zu viele hatte er verglichen doch keine war wie sie.
Damals hatte er sie nie richtig wertgeschätzt. Er war jung, leichtsinnig, nahm sein Glück als selbstverständlich hin, während Annemarie oft die Augen zu drückte doch alles hat irgendwann ein Ende.
Vor seinem inneren Auge tauchte das Bild auf, als er Annemarie zum ersten Mal sah eine fröhliche junge Studentin, wie sie lachend mit anderen aus der Vorlesung kam. Ihr Lächeln fesselte ihn, als er gerade in seinen BMW stieg. Damals war er ein angesehener Jungunternehmer, entschloss sich gleich, sie anzusprechen.
Sie kamen zusammen, lebten fortan im prachtvollen Haus vor der Stadt ein zweistöckiges Anwesen, das sein Vater, ein hoher Beamter aus München, ihm großzügig gekauft hatte.
Friedrichs eindrucksvolles Leben war das Werk seines Vaters, den es heute nicht mehr gibt.
Annemarie schien damals das große Los gezogen zu haben. Noch vor dem Studienabschluss heiratete sie Friedrich, vergaß dabei völlig Johannes, ihren Freund aus Kindertagen.
Johannes liebte sie von Herzen, war sicher, dass Annemarie einmal seine Frau werden würde. Doch er fürchtete, sie würde in der Stadt einen anderen finden und seine Ängste waren nicht unbegründet.
Als er von ihrer Heirat hörte, zog er sich zurück, sprach lange mit niemandem, mied die Gesellschaft der Mädchen.
Annemarie glaubte an ihr neues Glück, schließlich war sie Herrin eines großen Hauses, hatte eine Haushälterin und einen Gärtner.
Doch mit der Zeit veränderte sich alles. Annemarie verbrachte die Tage allein, Friedrich unterwegs, oft abends nur fröhlich zurückkehrend. Selbst zu ihren Eltern fuhr sie allein, nach Johannes zu fragen traute sie sich kaum. Friedrich wollte kein Kind: Wir leben erst mal für uns.
Ständig unter Beobachtung, schaffte sie gerade so noch das Examen; zum Abschlussball durfte sie nicht. Schließlich wurde er schroff: Ich habe dich aus deinem Dorf geholt, aus dir überhaupt erst jemanden gemacht!
Als sie eines Tages widersprach, gab es großen Streit. Lange ertrug sie es noch, doch nach sieben Jahren hatte sie den Mut sie ging.
Friedrich wartete. Er glaubte, Annemarie würde einsehen und zurückkehren. Er nahm sich vor, nie wieder so zu ihr zu sein, irgendwann verstand er das Wesen des Familienlebens doch sie kam nicht zurück.
Zurück im Elternhaus, ließ Annemarie sich wenig später scheiden und versöhnte sich mit Johannes. Sie heirateten, lebten in guter Gemeinschaft. Johannes war ein liebevoller Mann, sanft und verständnisvoll.
Er hatte ihr verziehen, dachte sich, junge Frauen meinen oft, Glück läge im Geld doch wahres Glück ist nicht käuflich. Das hatte auch Annemarie begriffen.
Bald bekamen sie eine Tochter und ihr Leben wurde noch fröhlicher.
Als Johannes seinen alten Rivalen Friedrich im Hof sah, hielt er es nicht aus. Gerade ihn hatte er hier am wenigsten erwartet. Zudem schien Annemarie freundlich mit Friedrich zu reden, am Tor stand ein luxuriöser Geländewagen Ärger stieg in ihm auf.
Er ging ins Haus, packte die ersten Sachen, die er griff, und stürmte hinaus. Sein Wagen war in der Werkstatt, also machte er sich zu Fuß auf zur Fernstraße.
Er hielt den Daumen raus, winkte, wollte ein Auto zum Anhalten bringen doch niemand hielt an, es war ihm gleich, wohin es ging.
Wenig später sah er Annemarie eilig die Landstraße entlanglaufen, sie winkte ihm zu, rief seinen Namen. Als sie ihn erreichte, umarmte sie ihn, während Johannes ihr auswich. Tränen in der Stimme sagte sie:
Johannes, bitte! Du weißt, dass ich niemanden will außer dir. Ich liebe meinen Ex-Mann nicht. Geh nicht, lass mich nicht allein! Bitte, bleib bei mir…
Doch Johannes hörte nicht hin, wartete weiter auf ein Auto, wurde ungeduldig und marschierte weiter am Straßenrand entlang, ließ Annemarie weinend zurück. Sie setzte sich ans Straßenbankett und weinte bitterlich.
Da fuhr Friedrich vor, hob sie wortlos auf und sagte:
Siehst du, er hat dich verlassen. Komm mit mir, ich lasse dich nie sitzen, glaub mir doch.
Geh, ich will dich nie wiedersehen! Verschwinde und komm nie zurück.
Sie wandte sich ab und ging, langsam und erschöpft, den Weg zurück ins Dorf. Friedrich stieg beleidigt ein und fuhr in dieselbe Richtung davon, in der auch Johannes gegangen war. Johannes sah das Auto vorbeirauschen und blieb überrascht stehen.
Annemarie drehte sich am Dorfrand noch einmal um und blieb wie angewurzelt. Da kam Johannes auf sie zu, schnell, der vertraute Schatten.
Ungläubig lief sie ihm entgegen, die Arme ausgebreitet Johannes rannte auf sie zu.
In diesem Moment schlossen sie sich fest in die Arme. Johannes dachte: Was war bloß mit mir los, beinahe hätte ich sie wieder verloren. Ich darf meine Anna nie mehr in Frage stellen. Sie ist nicht schuld.
Wie hätte ich nur ohne meinen Johannes sein sollen? Gott sei Dank hast du ihn mir zurückgegeben! Ich brauche nichts, solange mein Johannes an meiner Seite ist
Sie standen Arm in Arm, während Autos vorbei fuhren, manche Fahrer winkten, andere hupten doch sie nahmen nichts davon wahr.
Wie lange sie so standen, wussten sie nicht mehr, als plötzlich Frau Holle, die alte Nachbarin, herüberkam, ihre Enkelin vom Bus abholte und rief:
Annemarie, Johannes, was drückt ihr euch denn so fest und lächelt mit Tränen in den Augen? Habt ihr etwa das Glück eingefangen? Haltet es gut fest so ein Glück kommt nur einmal im Leben vorbei.
Wir lassen es nicht mehr los, meinte Annemarie glücklich und Johannes nickte. Er konnte nicht sprechen, so gerührt war er.
So gingen sie ihren Weg zurück ins Dorf, zwischen Wiesen und Wäldern, für immer zusammen.




