Lena schreckte plötzlich aus dem Schlaf als hätte sie jemand unsanft geweckt. Sie griff verschlafen nach ihrem Wecker: ein Uhr nachts.
Was ist los, Lena? Warum kannst du nicht schlafen? murmelte sie zu sich selbst. Alles ist doch in Ordnung. In der Wohnung herrscht Ruhe, auch die Nachbarn schlafen. Was hat mich nur aufgeweckt? Ach ja, das Kätzchen!
Wie verhext, dachte sie und erinnerte sich an den Abend. Nach dem Wocheneinkauf kam sie am Park vorbei. Auf einer nassen Bank saß ein winziges Kätzchen. Hätte es nicht so kläglich miaut, hätte sie es vielleicht gar nicht bemerkt. Es war ein gewöhnliches, aber niedliches, orangefarbenes Kätzchen. Jemand musste es dort abgesetzt haben, alleine wäre es nie so hoch geklettert. Lena ging einfach vorbei.
Irgendwer nimmt es schon mit, es gibt doch noch mitfühlende Menschen auf dieser Welt, redete sie sich ein. Sie wollte nicht mehr weinen, nicht mehr leiden. Zu schmerzhaft war der letzte Abschied gewesen. Vor drei Monaten hatte sie ihren Kater Moritz verloren. Fünfzehn Jahre lang war er an ihrer Seite gewesen seit sie ihn noch als Schülerin in der neunten Klasse als Findelkind auf der Straße aufgelesen hatte. All die Jahre waren sie unzertrennlich gewesen. Der Schmerz über seinen Tod begann gerade zu verblassen. Deshalb verschloss sie ihr Herz und ging vorbei.
Und nun lag sie wach in der Nacht, gequält von der Frage: Hat das Kätzchen jemand mitgenommen? Ihr war mulmig zumute. Lena schloss die Augen, versuchte zu schlafen vergeblich.
Ich gehe nur kurz nachsehen, dann kann ich beruhigt schlafen, sagte sie zu sich, zog sich Trainingshose und Jacke über. Bestimmt ist das Kätzchen schon nicht mehr da.
Draußen war der Oktober nass und kühl, ein feiner Regen fiel vom Himmel, unter ihren Füßen glitschten die Blätter. Auf der Bank saß niemand.
Typisch, wer nachts zu viel grübelt, gönnt den Beinen keinen Frieden, seufzte Lena und rief zum Spaß: Miez-miez!
Da hörte sie leises Bellen und Knurren. Wuff! Rrr… Wuff!
Lena leuchtete mit ihrem Handy in die Richtung: Aus einem Haufen nasser Blätter lugte eine zottelige, ängstliche Hündin hervor, zu ihr gekauert wie ein Fellbündel. Unter ihr kroch das orange Kätzchen hervor.
Jetzt ist es passiert, Lena! murmelte sie und hob das Kätzchen behutsam auf. Es roch nach feuchtem Laub.
Na du, tapfere Zottelschnauze, gehörst du auch niemandem? fragte Lena und sah die Hündin an, die zögerlich den Schwanz wedelte. Also, ihr armen Zwei, jetzt gehts nach Hause. Nicht trödeln, Hundchen!
Die Hündin trottete Lena brav hinterher. Der Regen wurde stärker, jetzt schüttete es richtig.
Gerade, als sie an der Straßenecke vorbeiging, hielt ein Wagen neben ihnen. Der Fahrer kurbelte das Fenster herunter, öffnete galant die Tür:
Steigen Sie ein, Fräulein. Sie sind ja völlig durchnässt, so erkälten Sie sich noch.
Sind Sie Arzt? Dürfen Hund und Katze mit?
Klar, kommen Sie rein! Wo gehts denn hin?
Lena nannte ihre Adresse, das Auto rollte an.
Mit Arzt lagen Sie fast richtig. Ich bin Tierarzt, nach einer Not-OP auf dem Heimweg. Aber erzählen Sie: Was machen Sie um diese Zeit bei Regen auf der Straße?
Sie schilderte ihm alles; da lächelte der Mann warmherzig.
Ich wohne übrigens ums Eck. Ich bin Michael. Morgen habe ich frei ich komme gern vorbei, helfe Ihnen beim Waschen der beiden und bringe Futter mit.
Ich heiße Lena. Über fachkundige Hilfe freue ich mich. Aber wie sollen wir sie nennen? Ich weiß ja gar nicht, ob es Männlein oder Weiblein sind.
Tief in der Nacht schliefen das Kätzchen und der Hund, eng aneinander gekuschelt, in Moritz alter Decke neben der warmen Heizung. Aus einer Schüssel hatten sie zusammen Milchsuppe geschlürft. Der kleine Hund zuckte im Schlaf, als würde er träumen.
Lena schlief endlich auch ein, doch im Halbschlaf dachte sie an Michels Besuch morgen. Was sollte sie bloß backen Apfelkuchen oder lieber Krautkuchen? Letzte Woche hatte sie bei ihrer Mutter auf dem Schrebergarten Äpfel geerntet, ein ganzer Eimer voller duftender, roter Früchte füllte nun die Küche mit süßem Aroma.
Apfelkuchen soll es sein, entschied sie, lächelte und schlief ein.
So lernten sich meine Eltern kennen. Als ich auf die Welt kam, war unsere Hündin Alma bereits vier Jahre alt. Sie und der Kater Felix verbrachten noch viele glückliche Jahre mit uns für Haustiere ein langes, erfülltes Leben. Ich bin mir sicher, sie spielen auch jetzt zusammen, irgendwo auf einer weichen, himmlischen Wolke.
Jeden Herbst wenn die Äpfel im Garten reif werden backt Mama Apfelkuchen. Immer mit Äpfeln, nie anders. Papa sagt, seit 26 Jahren ist er ihm nie überdrüssig geworden, im Gegenteil er schmeckt jedes Jahr noch besser Und noch heute, wenn der Duft von frischem Apfelkuchen durchs Haus zieht, lasse ich die Fenster weit offen. Manchmal glaube ich, draußen ein leises Miauen oder ein zaghaftes Bellen zu hören. Dann lächle ich und stelle zwei Krümel Apfelkuchen auf den Fenstersims für die tapfeste Katze und die sanfte Hündin, die alles verändert haben. In jenen goldenen Oktobern, wenn Regen auf die Blätter klopft, weiß ich, dass ein Stück von ihnen immer bei uns bleibt.





