Ich bin 75 Jahre alt und habe mein ganzes Leben in Freiburg im Breisgau verbracht. Ich hatte nie vor, zur Retterin zu werden, aber das Schicksal hat es so gewollt: Es begann mit einem verletzten Meisenküken am Bach, dann kamen zugelaufene Katzen, und nach dem Tod meines Mannes traten Hunde in mein Leben. Keine süßen Welpen, nach denen sich alle sehnen, sondern jene verlassenen, ängstlichen und behinderten Tiere, die sonst niemand wollte.
So sind Greta und Fritz zu mir gekommen. Beide klein, unter neun Kilogramm, beide können ihre Hinterläufe nicht mehr benutzen. Greta wurde von einem Auto angefahren, Fritz kam bereits mit einem Defekt zur Welt. Die Tierrettung spendierte Rollwagen für beide ab da begann ihr neues Leben. Sie laufen nicht mehr, sie rollen durch die Gegend. Ihre Räder klackern leise auf dem Gehweg und ihre Freude ist ansteckend, wenn sie unterwegs sind: Die Schwänzchen wedeln vor Glück.
Bei unseren täglichen Spaziergängen im Viertel zaubern sie den Menschen ein Lächeln ins Gesicht. Kinder fragen neugierig nach, viele Erwachsene gehen in die Hocke, um sie zu streicheln. Man sieht ihnen ihr durchgestandenes Leid an und trotzdem begegnen sie jedem voller Vertrauen und Lebenswillen.
Eines Tages, als wir wie immer unterwegs waren Greta schnupperte neugierig an jedem Briefkasten, Fritz rollte dicht an meinem Knöchel trat plötzlich meine Nachbarin Hildegard aus dem Haus. Sie wohnt drei Häuser weiter, ist ungefähr 55 Jahre alt, stets sorgfältig gekleidet und dafür bekannt, alles und jeden aus dem Fenster zu beobachten. Sie blickte Greta verächtlich auf die Rollräder und rief laut: Diese Hunde sind ja widerlich!
Wie angewurzelt blieb ich stehen. Meine Hände verkrampften sich um die Leinen. Greta schaute hoffnungsvoll zu mir, Fritz hielt inne und drehte langsam sein Rädchen. Hildegard ging einen Schritt auf uns zu und sagte scharf: Das ist hier kein Tierheim. Niemand will so etwas sehen. Schaffen Sie die weg! Für einen Moment verschlug es mir die Sprache. Dann erinnerte ich mich an den Spruch meiner Mutter: Segne sie. Also antwortete ich ruhig: Gott segne Sie. Diese Hunde haben mich gerettet, nicht umgekehrt.
Ihr Gesicht verzog sich, drohend entgegnete sie: Entweder Sie schaffen sie fort oder ich sorge dafür, dass Sie dazu gezwungen werden. Dann schlug sie wütend die Türe zu. Es schnürte mir das Herz zu, aber streiten wollte ich nicht. Ich wählte Gelassenheit und Beharrlichkeit.
Am nächsten Tag veränderte ich meinen Spaziergang: Ich ging früher oder später, wechselte die Route, traf bewusst mehr Nachbarn. Viele erzählten, dass sie Hildegards Nörgelei kennen sie hatte sich schon an meinen Lichterketten zu Weihnachten gestört oder sich über die Rollstuhlrampe für meinen Enkel beim Amt beschwert. Ich sagte nichts Schlechtes, hörte einfach nur zu, sodass die anderen ungefragt ihre Erfahrungen mit ihr teilten.
Schon wenige Tage später stand ein Wagen vom Ordnungsamt vor meiner Tür. Ein junger Mitarbeiter informierte höflich, dass wegen einer Anzeige nach dem Wohl der Tiere geschaut werden müsse. Ich bat einige Nachbarn dazu, während er mit seinem Klemmbrett vor meiner Tür stand. Schnell kamen Frau Donnersberg und zwei weitere Bewohner hinzu. Hildegard kam mit gespielt freundlicher Miene aus ihrem Haus, doch die anderen Nachbarn widerlegten ihre Vorwürfe sofort. Ich erzählte offen, wie Greta und Fritz mein Leben füllen, wie sie mich morgens aufstehen lassen, wie Greta Menschen wieder vertraut und Fritz Lebensfreude zeigt. Greta rollte direkt auf den Beamten zu und wedelte, und man merkte sofort, wie sich die Atmosphäre veränderte.
Der Mitarbeiter sah keinen Grund zur Beanstandung und erklärte Hildegard freundlich, dass mehrfache grundlose Anzeigen als Stalking gelten könnten. Wütend zog sie sich zurück. Schon am nächsten Tag fand ich einen Zettel in meinem Briefkasten: Wir lieben Ihre Hunde. Bitte gehen Sie weiter mit ihnen spazieren. Dann kamen Kinder, die mitlaufen wollten, die Nachbarn winkten fröhlich von ihren Balkonen, und manche planten sogar extra so ihre Zeiten, dass wir uns unterwegs treffen konnten.
Frau Donnersberg schlug vor, etwas Schönes zu organisieren. Für wen?, fragte ich. Für Greta und Fritz!, lachte sie. So entstand unser kleines Räderparade am Samstag: Nachbarn kamen mit ihren eigenen Hunden und Kindern, wir liefen gemeinsam im Viertel umher, einer klingelte mit einem Glöckchen, wenn Greta vorbeikam. Hildegard spähte hinter den Gardinen hervor, doch ich schenkte ihr diesmal keinen Blick. Am Ende der Runde lächelte Frau Donnersberg: Du hast das richtig gemacht, alte Dame. Ich lachte und meinte: Wir haben alle das Richtige getan Menschen wie Hunde.
Abends saß ich mit Greta zu meinen Füßen und Fritz schlummernd daneben auf der Veranda. Die Straße wirkte wärmer als jemals zuvor. Mir wurde klar, wie leicht es gewesen wäre, sich aus Angst zu verschließen, aber ich habe mich entschieden, für das einzustehen, was wertvoll ist. Greta hob leicht den Kopf und wedelte zufrieden, Fritz schnarchte leise. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die ganze Nachbarschaft wie ein Zuhause an und ich wusste, dass niemand, nicht einmal Hildegard, mir das nehmen kann.
Bei solchen Geschichten stellt sich die Frage: Welchen Rat würdet ihr geben? Schreibt es doch in die Kommentare. Am Ende lernte ich: Freundlichkeit, Beharrlichkeit und Zusammenhalt machen ein Viertel erst wirklich lebenswert.



