Sie braucht einfach nur etwas Zeit

**Tagebucheintrag 5. März 2024**

Entweder ihr helft mir, Viktoria das Sorgerecht entziehen zu lassen, oder ich gehe, und ihr könnt das Chaos alleine ausbaden.

Greta, hast du denn gar kein Gewissen? Sie ist deine Schwester! Meine Tochter! Meine Mutter rang die Hände und griff sich ans Herz.

Und was bin ich? Keine Tochter? Meine Stimme zitterte vor Verletzung. Manchmal glaube ich, ich zähle für euch nicht einmal als Mensch. Seht ihr denn nicht, was hier passiert? Ich hänge an Max, ich liebe ihn, und ihr? Entweder ihr unterstützt mich, oder ich kümmere mich allein darum. Aber so lasse ich es nicht weitergehen.

Meine Mutter senkte beschämt den Blick, zerrissen zwischen allen. Mein Vater rührte wortlos in seinem Teller, das Gesicht finster. Ich verstand. Ohne ein weiteres Wort stand ich auf und ging in mein Zimmer.

Es war klar: Meine Eltern hatten sich entschieden. Und zwar weder für mich noch für Max.

Ich packte meine Sachen es war nicht viel. Mein Herz war schwer, aber ich wusste: Das hier musste sein.

Doch wie soll man stark bleiben, wenn ein kleiner Junge sich an deine Beine klammert und schluchzend fleht?

Mama, geh nicht, weinte der kleine Max, als er meine Koffer sah.

*Mama.* Das Wort traf mich wie ein Messer. Ich seufzte, kniete mich hin und versuchte zu lächeln.

Ich gehe nicht von dir, Maxi, flüsterte ich und zog ihn fest an mich. Ich gehe, damit es uns eines Tages gut geht. Ich komme wieder. Für immer.

Max schluchzte, unfähig zu begreifen, warum seine geliebte Tante, die er als Mutter sah, ihn verlassen wollte. Er klammerte sich so fest an mich, dass ich erst gehen konnte, als er eingeschlafen war. Erst spät in der Nacht schlich ich leise hinaus.

In diesem Moment hasste ich Viktoria. Sie war es, die uns alle in dieses schreckliche Dilemma gestürzt hatte.

Viktoria hatte schon mit sechzehn angefangen, ein wildes Leben zu führen. Zuerst kam sie noch spät nach Hause, dann blieb sie öfter bei Freundinnen über Nacht. Obwohl jeder wusste, was das für Freundinnen waren.

Oft taumelte sie betrunken heim, das Make-up verschmiert. Manchmal weinend. Und meine Eltern pflegten sie wie ein rohes Ei: fragten, trösteten, bemitleideten.

Eine Schwangerschaft war da nur eine Frage der Zeit. Mit siebzehn war es dann so weit. Und wie sollte man es anders nennen? Sie kannte nicht einmal den Nachnamen des Vaters. Nur irgendein Typ von einer Party.

Max kam zur Welt. Schnell merkte Viktoria, dass Mutter sein nichts für sie war. Zunächst ließ sie ihn nachts allein, dann verschwand sie ganz.

Ich bin noch jung. Ich will mein Leben nicht wegwerfen, sagte sie am Telefon, als ich eine Erklärung verlangte.

Der Lebensweg landete bei mir. Mein Vater zeigte kaum Interesse ab und zu ein Spielzeug, mehr nicht. Meine Mutter sprang ein, arbeitete aber viel und hatte kaum Zeit.

Ich war achtzehn. Wechselte auf Fernstudium, um mich um Max zu kümmern. Seitdem war ich seine zweite Mutter im wahrsten Sinne, denn ich war auch seine Taufpatin.

Es war hart. Ich stand nachts auf, um ihn zu füttern, schleppte den schweren Kinderwagen Treppen hoch, rannte mit roten Augen zu Prüfungen. Lernte abends, wenn er schlief. Und nebenbei der Haushalt meine Eltern arbeiteten ja.

Nach einem halben Jahr dachte ich, ich hätte mich daran gewöhnt. Doch dann kam Viktoria zurück. Weinend, reumütig, auf den Knien.

Verzeiht mir, ich war so dumm Jetzt wird alles anders, schluchzte sie.

Alle glaubten ihr. Sogar ich. Sie verbrachte Zeit mit Max, ging mit ihm spazieren doch nach einem Monat war Schluss. Als die Bewunderung der Nachbarn verflog, haute sie wieder ab. Diesmal mit Mutters Schmuck.

Sie ist überfordert, rechtfertigte meine Mutter. Sie braucht Zeit.

Ich glaubte nicht mehr daran. Einmal war Zufall, zweimal ein Muster. Aber was sollte ich tun? Meine Eltern lebten in einer Traumwelt, in der Viktoria immer eine neue Chance bekam. Sollte ich mit Max obdachlos werden?

Ich lebte weiter. Studierte, zog Max groß, brachte ihn in den Kindergarten. Und hoffte insgeheim, Viktoria käme nie zurück.

Doch vier Jahre später stand sie wieder da.

Ich dachte, er liebt mich. Wollte Max holen. Doch er hat mich ausgenutzt Ich war allein, ohne Job, ohne Freunde. Nicht mal Geld für eine Fahrkarte.

Man sieht dir an, wie sehr du gehungert hast, spottete ich.

Meine Mutter warf mir einen strengen Blick zu. Und dann das Schlimmste: Als ich Max aus dem Kindergarten holte, drängte meine Mutter ihn zu Viktoria. Er weinte, versteckte sich hinter mir.

Das ist deine Mama.
Nein! Das ist Mama!, rief Max und klammerte sich an mich.

Mein Herz zerriss. Es wiederholte sich alles.

Viktoria lebte zwei Monate auf unsere Kosten, ohne Job.

Ich habe Max. Wer stellt mich ein? Ständig krank. Ich bin quasi im Mutterschutz.

Dann verschwand sie wieder. Diesmal postete sie Fotos mit einem neuen Freund mindestens zwanzig Jahre älter.

Ich wusste: Sie würde uns nie in Ruhe lassen.

Eines Tages vertraute ich mich meiner Freundin Hanna an.

Wie praktisch. Eine liebevolle Mutter, eine leibliche Entzieht ihr das Sorgerecht, sagte sie achselzuckend. Das ist heute nicht schwer. Die Behörden prüfen alles, und du übernimmst.

Zuerst war ich geschockt.

Aber was, wenn sie Max wegnehmen? Und meine Eltern?

Dann wartest du, bis Viktoria wieder kommt und alles kaputtmacht. Willst du das?

Sie hatte recht. Aber der Gedanke war beängstigend.

Schwester, Eltern, Max Und wo bleibst du?, fragte Hanna leise. Du lebst nicht dein Leben. Es wird Zeit.

Wohin soll ich? Ich habe Max
Willst du sein Leben leben? Irgendwann fliegt er aus dem Nest und dann?

Sie hatte recht. Vor allem, seitdem Lukas sich für mich interessierte.

Er fragt immer nach dir. Warum gibst du ihm keine Chance?

Ich hatte mein eigenes Leben vergessen. Früher hatte ich noch Freunde getroffen, doch sobald sie von Max hörten, distanzierten sie sich.

Lukus wusste Bescheid und fragte trotzdem. Nach dem Gespräch mit Hanna wagte ich es.

Und wurde nicht enttäuscht. Mit ihm fühlte ich mich leicht, als gäbe es keine Probleme. Er hörte zu, half.

Zu ihm ging ich, nachdem ich meinen Eltern das Ultimatum gestellt hatte. Ich wollte nur reden. Doch er überraschte mich.

Lass uns zusammenziehen. Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt?
Ich kann nicht. Max
Dann leben wir zu dritt.

Ich starrte ihn an.

Das ist nicht dein Kind, du musst nicht
Hör zu, unterbrach er mich. Ich bin nicht blind. Wenn er für dich Familie ist, dann auch für mich.

Etwas in mir taute auf.

Die nächsten sechs Monate waren die Hölle. Jugendamt, Pflegeelternkurs, Papierkram. Das Schlimmste: Max durfte nicht sofort mitkommen. Er weinte, vermisste mich.

Du nimmst deiner Schwester das Kind weg!, warf mir meine Mutter vor.
Als ob es sie je interessiert hätte

Ich war nicht mehr willkommen. Für alle der Feind außer für Lukas und meine Freunde.

Doch nach dem Regen kommt Sonnenschein.

Jahre später. Ich saß auf der Parkbank und sah zu, wie Max seiner kleinen Schwester Marie das Fußballspielen beibrachte. Lukas legte den Arm um mich.

Viktoria? Keine Ahnung. Ihr Leben blieb dasselbe: Männer, Partys. Das Sorgerecht war für sie wohl nur ein weiterer Grund, Mitleid zu erhaschen.

Meine Eltern haben ihr nie verziehen. Und das ist gut so. Wenn sie ewig für Viktoria sorgen wollen bitte, denke ich. Ich kümmere mich um die, die es wirklich brauchen.

**Was ich gelernt habe:** Manchmal muss man egoistisch sein, um glücklich zu werden. Nicht jeder verdient unendliche Chancen aber die, die man liebt, verdienen es, dass man für sie kämpft.

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Homy
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