Direkt an der Haustür holte Svetlana tief Luft und platzte heraus: „Dich erwartet eine Überraschung“, sagte sie mit einem aufgesetzten Lächeln.

Direkt an der Wohnungstür holte Stefanie tief Luft und platzte heraus: Dich erwartet eine Überraschung, setzte ein wenig künstlich ihr Lächeln auf. Wenn sie dir nicht gefällt, dann sag einfach, du gehst mal eben zum Rewe. Bevor Jürgen noch etwas erwidern konnte, riss sie auch schon schwungvoll die Tür zu ihrer Berliner Altbauwohnung auf. Überraschung? Nicht gefallen? Nach vier Monaten Beziehung durfte er das erste Mal zu ihr nach Hause kommen allein diese Tatsache schien alle Unebenheiten überstrahlen zu können.

Na ja, die Unebenheit ließ nicht auf sich warten, sondern stürmte mit einem lauten Mama! Mama! aus dem Flur, blieb dann wie angewurzelt stehen und starrte Jürgen mit riesigen Augen an. Tja, er starrte zurück. Es war ein kleiner Junge, etwa sieben, vielleicht acht Jahre alt. Ihr Sohn.

Natürlich ging Jürgen trotzdem hinein (direkt umdrehen war ja auch seltsam, oder?), allerdings konnte er romantische Zweisamkeit an diesem Abend wohl abhaken. Stefanie nestelte herum, vermied seinen Blick, und das Gespräch plätscherte hilflos dahin. Selbstverständlich fragte Jürgen höflich nach dem Namen des Jungen. Leon, kam die Antwort. Sieben einhalb Jahre. Geht in die zweite Klasse. Mag Schule nur so mittel Fußball ist besser.

Ich hab gestern Apfelkuchen gebacken, wollen wir zusammen Tee trinken?, fragte Stefanie und stand hastig auf.

Äh, ich hab den Kuchen schon ganz aufgegessen, riss Leon nochmals die Augen auf.

Nun oder nie, dachte Jürgen.

Dann geh ich halt schnell zum Edeka und hol was zum Kuchen dazu.

Der Blick von Stefanie nach dieser Bemerkung wird ihm ewig im Gedächtnis bleiben. Im Flur standen sie dann zu zweit mit den gleichen riesigen, fragenden Kinderaugen und schwiegen. Jürgen machte, ehrlich gesagt, einen schnellen Rückzug, Hut ab dafür.

Keine Vorwürfe, keine langen Blicke, kein betrübtes Seufzen. Ihm war sofort klar, in solchen Situationen hilft nur ein klarer Schnitt das machts kürzer und weniger schmerzhaft.

Draußen goss es wie aus Kübeln. Herbstregen, typisch Berlin. Der Wind wehte ihm die Regentropfen direkt ins Gesicht. Hätte man ihm nicht früher reinen Wein einschenken können? Ein Kind ist schließlich kein Kätzchen, das zufällig herumlief! Sie waren beide erwachsen hätte er Bescheid gewusst, hätte er seine Entscheidung treffen können. Und dennoch er ärgerte sich auf Stefanie, weil sie es ihm verschwiegen hatte, weil er sich längst in sie verliebt hatte, und weil sie ihm nun die ganze schöne Vorstellung ruiniert hatte.

Es ging nicht mal darum, dass irgendwie fühlte es sich an, als hätte sie ihm nicht vertraut als hätte er es nicht verdient, es zu wissen. Auf was hatte Stefanie gehofft? Dass er gleich losgeht und den Jungen als alten Bekannten umarmt? Jürgen stapfte grimmig durch die Pfützen, ärgerte sich und insgeheim wünschte er sich sogar, Stefanie würde ihn jetzt anrufen und bitten, zurückzukommen.

Am meisten auf der Welt wollte er einfach mit dieser Frau zusammen sein. Er wusste schon ungefähr, wie er ihr einen Heiratsantrag machen würde ausgefallen, nicht zu kitschig. Er fand, sie passten perfekt zusammen. Sie war für ihn wie ein Glückslos. Sein ganzes Leben schien plötzlich auf diesen einen Moment hingearbeitet zu haben. Endlich, jemand, der ihn wirklich vervollständigte.

Und dennoch stapfte er jetzt trotzig durch den nassen Berliner Herbst, konfrontiert mit seinen eigenen Ängsten und seiner Unentschlossenheit. Er musste wohl oder übel dem eigenen Egoismus ins Auge sehen. Schulter an Schulter mit Verletztheit verließ er sie. Ja, die Überraschung hatte gesessen.

Mama, war das mein Papa?, fragte Leon.

Papa? Wie kommst du denn darauf, mein Schatz?

Hmm Komm schnell! Ich muss dir was zeigen!

Leon zog sie ins Kinderzimmer. Mitten im Raum stand der geschmückte Weihnachtsbaum ein bisschen schief, mit kugelbunten Lichterketten und allerlei Selbstgebasteltem.

Wie hast du den da hingekriegt?, fragte Stefanie, skeptisch.

Ich bin auf den Stuhl geklettert. Und er ist doch gar nicht so schwer. Weißt du, ich hab dem Weihnachtsmann einen Papa gewünscht!

Stefanie drückte ihn fest an sich, sank aufs Sofa, zog Leons Köpchen an ihre Brust und weinte leise in sein Haar. Was ist schlimmer, als zu spüren, dass man selbst und das eigene Kind scheinbar niemandem wichtig sind? Was ist trostloser, als vor dem eigenen Sohn und vor dem lieben Gott so hilflos zu sitzen? Als zu merken, dass sich wirklich niemand für das eigene Leben interessiert, geschweige denn mit einem die gleichen Träume teilt?

Jetzt erschien ihr das alles sogar schlimmer als das Gefühl, dem eigenen Mann egal zu sein. Damals hatte sie wenigstens die Illusion, sie sei glücklich, ihr Mann sei halt einfach so ein Typ, der nie zum Mittagessen mitkommt (obwohl man im selben Büro arbeitet), weil er angeblich keinen Hunger hat, und sonst aus keinem anderen Grund.

Früher hatte sie immerhin geglaubt, jeder Mann ist halt anders, ihrer eben einer, der kein Fan ist von Restaurantbesuchen, Ausgehen, langen Spaziergängen, Lachen und Späßen. Bodenständiger Geschäftsmann eben. Da gab es wenigstens die Hoffnung, dass sie glücklich sein könnte. Heute Fehlanzeige.

Am liebsten hätte sie jetzt Jürgen angerufen, ihm erklärt, wie kompliziert das Leben als Frau mit Kind ist, wie man gar nicht mehr wirklich nach Beziehungen sucht Platz dafür ist im Alltag kaum mehr. Heute sollte ein Mann nicht nur Ehemann, sondern gleich auch Vater sein. Und was konnte sie dafür, wenn sie in Jürgen beides sah? Als sie sich kennenlernten, war Stefanie vorsichtig geworden bloß nicht gleich jemanden in die Familie schleppen, beide brauchen Zeit, und erst recht sollte Leon ihre Verehrer nicht kennenlernen, am Ende sinds dann doch zwei oder drei. Schließlich braucht es geteilte Interessen, gemeinsame Ansichten, fürs Glück zu zweit.

Weißt du, mein Schatz, alles hat seine Zeit. Man kann nicht einfach einen Wunsch machen, die Kiste mit dem Baum vom Dachboden holen, und am nächsten Morgen ist alles, wie du es dir gewünscht hast. Selbst Christbäume wollen zum richtigen Zeitpunkt, und Wünsche müssen dann in Erfüllung gehen, wenn Zeit ist.

Doch, das geht!, beharrte Leon trotzig wie nur Kinder können.

Stefanie musste nachgeben und ihn mit einer anderen Ablenkung milde stimmen. Sie kuschelten sich zusammen mit seinem Lieblingsbuch aufs Sofa. Immerhin das Leben geht weiter. Ihr persönliches Märchen war bloß ein weiteres Kapitel, das anders ausgegangen war als erträumt. Es gab keinen Grund, sich im Selbstmitleid zu suhlen.

Plötzlich fiel laut die Wohnungstür ins Schloss sie hatten sie nach Jürgens Abgang gar nicht richtig zugemacht.

Brrr! So ein Sauwetter! Und dieser Wind! Bin total durchgefroren, aber ich hab die allerbesten Pralinen gefunden!

Stefanie und Leon schauten vorsichtig um die Ecke in den Flur. Da stand Jürgen, pitschnass, aber mit strahlendem Gesicht. Und mit einer Tüte voller Süßigkeiten.

Hab ichs doch gesagt!, flüsterte Leon.

Stefanie warf sich Jürgen in die Arme, diesmal kullerten ihre Tränen aus purer Freude.

Na, was denn, na, was denn, ihr beiden Kulleraugen! Ich war doch nur schnell im Laden nur schnell im Laden!Jürgen lachte, als Leon sich vorsichtig an ihn heranpirschte, als wolle er prüfen, ob ein Nachmittagsbesucher wirklich bleiben konnte. Und, Leon magst du vielleicht Schokopralinen lieber als Apfelkuchen?, fragte er und hielt ihm die Tüte hin.

Leon schnappte sich mit glänzenden Augen die größte Praline und presste sich so dicht wie möglich an Stefanie, die noch immer Jürgens Hand hielt. Du bist aber schnell gewesen, murmelte Leon, und dann, leiser: Bleibst du jetzt?

Ein Augenblick lang schwiegen sie bis Stefanie nickte. Ich glaube, er bleibt, flüsterte sie und streichelte Leon übers Haar.

Jürgen sah sie beide an, als habe ihm jemand alles geschenkt, was er je ersehnt hatte. Da war keine Unsicherheit mehr in seinem Blick, nur noch ein stilles, glühendes Versprechen.

Das Berliner Novemberlicht malte milde Schatten an die Wände, während draußen der Regen ein leichtes Trommeln auf die Fenster warf. Drinnen, zwischen Weihnachtsbaum, Kuschelecke und viel zu vielen Pralinen, war auf einmal Platz für all die Möglichkeiten: für neue Kapitel, für lachende Abende zu dritt, für Kinderwünsche, die manchmal auf Umwegen doch in Erfüllung gehen.

Und so saßen sie zusammen, etwas verloren am Anfang, doch voller Hoffnung am Ende. Manchmal, dachte Stefanie, haben sogar stürmische Überraschungen ein süßes Nachspiel besonders dann, wenn jemand zurückkommt, obwohl er weglaufen könnte.

Vielleicht braucht Glück eben ein bisschen Mut und jemanden, der auch im Regen an die Tür klopft.

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Homy
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Direkt an der Haustür holte Svetlana tief Luft und platzte heraus: „Dich erwartet eine Überraschung“, sagte sie mit einem aufgesetzten Lächeln.
Wenn ich nochmal deine Haare auf dem Sofa sehe, lasse ich mich von dir scheiden!