Annalena, warte mal. Das Mädchen drehte sich zur Stimme um. Sie wusste, dass Jakob schon wieder vor dem Wohnhaus auf sie wartete. Schon wieder du, hast du davon nicht genug? Du gehst mir doch schon ewig auf die Nerven!, sagte Annalena. Unsicher reichte Jakob ihr einen Strauß frischer Wildblumen. Ich wollte dich einfach nur sehen.
Annalena nahm die Blumen widerwillig und atmete schwer aus. Was soll ich bloß mit dir machen? Versteh doch endlich, dass zwischen uns nie etwas laufen wird! Das sage ich dir Tag für Tag. Du bist wie ein kleines Kind, stöhnte sie. Ich kann aber nicht anders. Vielleicht hört es eines Tages auf. Es wird nicht aufhören, solange du mir nachläufst. Wie oft habe ich es dir denn schon gesagt! Du bedeutest mir absolut nichts! Nimms nicht so schwer, Liebes, schlechte Laune steht dir gar nicht. Träum was Schönes, sagte Jakob. Und ich bin nicht dein Freund!, rief Annalena ihm nach.
Jakob hatte sich unsterblich in Annalena verliebt. Sie war damals neu in ihrer Schule in Göttingen, als er in der siebten Klasse war. Seitdem saßen sie am selben Tisch, hatten gemeinsam Pause, alles schien einfach. Annalena mochte Jakob auch, sie verbrachten oft Zeit zusammen. Doch jetzt, nach dem Abitur, hatte Annalena sich verändert. Sie wollte Jakob nicht mehr an ihrer Seite. Wie kann das nur sein?, überlegte Jakob verwundert. Er sah seine Annalena mittlerweile von anderen Jungs nach Hause begleitet. Es schmerzte ihn, das zu sehen. In diesen Momenten schwor er sich, nie wieder hinter ihr herzulaufen. Doch schon am nächsten Tag trugen ihn seine Füße wieder wie im Traum vors Tor ihrer Plattenbausiedlung.
Annalena wusste es längst: Jakob würde wie immer auf der Bank neben dem Spielplatz sitzen. Sie hoffte, er würde sie eines Tages mit einem anderen Kerl sehen und endlich ablassen. Warum sitzt du jeden Abend hier? Wartest du auf jemanden? Jakob hob den Blick und sah das leuchtend rothaarige Mädchen vor sich. Ihr Gesicht übersät mit Sommersprossen, glimmend im Abendlicht. Ihr Lächeln ließ sie unsagbar bezaubernd erscheinen. Neben ihr sprang ein ebenso roter Dackel herum. Jakob dachte, dieses Mädchen sei sicher eine kleine Rebellin mit Hund. Er lächelte, als hätte er alles verstanden:
Ich warte auf das Glück. Aber immer ist es woanders. Vielleicht schaust du nur am falschen Ort? Komm, geh doch ein Stück mit uns! Fritz und ich, wir laufen hier fast jeden Tag im Park. Kommst du mit? Zu dritt werden wir unser Glück herausfordern. Jakob blickte noch einmal zu Annalenas Fenster hoch, dann stand er langsam auf und sagte mit fester Stimme: Weißt du, ich bin dabei.
Annalena war verblüfft. Fast zum ersten Mal fand sie den Platz auf der Parkbank leer. Sie verlangsamte ihren Gang, aber niemand war dort. Annalena schlenderte zu der Stelle, an der ihr Jakob sonst immer wartete.
Leer, dachte sie. Da hörte sie das Bellen eines Hundes. Aus der Ferne sah sie zwei Schatten. Sie konnte erkennen, wie Jakob mit dem rothaarigen Mädchen davonging. Zum ersten Mal stieg in ihr ein brennendes Gefühl der Eifersucht auf. Jakob kam nicht zu ihr. In Annalenas Innerem entstand eine sonderbare Leere. Und die fremde Rothaarige führte ihn immer weiter von Annalena fort, hinaus in eine Traumwelt aus flimmerndem Sonnenlicht und spitzen Dächern alter Fachwerkhäuser.





