Oma Gertrud briet Kartoffeln.
Oma Gertrud stand in ihrer kleinen Küche in Freiburg und briet Kartoffeln. Was machte es schon, dass es bereits acht Uhr abends war? Und dass die Bauchspeicheldrüse schon bei den Gerüchen protestierte? Viel braucht ein Mensch im Alter ja wirklich nicht zum Glücklichsein. Über so etwas wie nach sechs Uhr nichts mehr essen konnte sie inzwischen nur schmunzeln. Draußen fiel leise der Schnee, drinnen zischte es verführerisch in der Pfanne.
Es war ruhig geworden um Gertrud, einsam fast. Der Sohn mit Schwiegertochter lebte schon seit Jahren in Kanada, die Enkel liebenswerte Kinder aber auf Deutsch antworteten sie schon lange nicht mehr richtig, wenn das Bild über Skype mal wieder fror und sie doch nur hallo Oma mit strahlend weißen Zähnen lispelten. Jeder gesund, alle sind wohlauf. Eigentlich Grund genug, zufrieden zu sein, aber trotzdem Die Zeit, die zog ins Land. Das Leben, das war gar nicht lang, das ist nur so vorbeigeflogen, seufzte Oma Gertrud. Ihre trüben Gedanken wurden plötzlich vom Klingeln an der Haustür unterbrochen.
Schon wieder Frau Winkler, bestimmt hat sie die Butter vergessen oder der Zucker ist alle, murmelte sie und schlurfte Richtung Tür. Wenn deswegen die Kartoffeln anbrennen, kann sie was erleben.
Doch vor der Tür stand kein Nachbar, sondern ein riesiges Bündel aus Winterjacken, Wollschal und einer altmodischen Fellmütze. Obendrauf, kaum zu erkennen, ragte ein Bart, der aus jeder Weihnachtsgeschichte hätte stammen können. Oma Gertrud erschrak. Einen Moment lang war sie überzeugt: Jetzt ist es so weit. Ein Räuber, das ist das Ende!
Der Mann hob beruhigend die Hände. Entschuldigung, gute Frau, ich will wirklich nicht stören. Es ist nur wirklich ein Notfall. Ich brauche bitte, bitte etwas warmes Wasser aus dem Hahn.
Aus den Tiefen der Kleidung schob sich eine große, rissige Hand mit einer leeren Plastikflasche hervor. Wissen Sie, meine Friedel ist krank. Fieber und Husten, ganz schlecht zurzeit. Sie braucht etwas Warmes zum Trinken. Ich hab leider nur kaltes Wasser, und das soll sie doch nicht. Bitte, seien Sie nicht böse, helfen Sie uns?
Gertrud starrte. Klar, ein Obdachloser, aber was für Worte er machte. Und Friedel seinetwegen bittet er hier? Sicher, für seine Frau? Oder, Gott bewahre, die Tochter? Draußen wütete der Winter, und er stand schon fast festgefroren im Treppenhaus.
Komm doch herein, wenn dus ehrlich meinst, sagte sie schließlich, etwas knorrig, und machte Platz. Erzähl, was los ist, vielleicht fällt mir noch mehr ein als nur Wasser.
Der Mann tänzelte, als wolle er sich überwinden. Ach, gute Frau, ich bin zu schmutzig. Seit über einem Jahr nur auf der Straße… für mich ist das egal, aber Friedel
Nun werde mal nicht übergriffig! Ich entscheide schon selbst, was mir recht ist, erwiderte Oma Gertrud scharf. Widerspruch mochte sie seit ihrer Zeit als Jugendarbeitern in der Anstalt gar nicht.
Und wo ist denn nun deine Friedel? fuhr sie fort.
Da öffnete er sein Mantelknäuel, und aus dessen Innerem spähte ein graues, zerzaustes Katzenmäulchen. Immer bei mir. Sieben Jahre schon. Die Lieblingskatze von Anneliese meiner Frau. Aber als sie letztes Jahr gegangen ist, hat ihr Sohn uns rausgeworfen.
Jetzt war es Gertrud, die zupackte. Trotz ihres Alters steckte noch Kraft in ihren Händen.
Rein mit dir, du Tollpatsch! Bring mir keine Kälte in die Wohnung! Klamotten ab, ab ins Bad, ich habe noch Sachen von meinem Mann, die sollten dir passen, der war auch schon immer groß. Und Friedel nimm ich so lange in die Küche. Die bekommt ein Schälchen warme Milch zum Aufwärmen.
Die Gestalt seufzte, protestierte schwach, aber wenn Oma Gertrud helfen wollte, war kein Widerstand von Erfolg gekrönt.
Eine Stunde später schlummerte Friedel zufrieden in einer Kiste unter der Heizung, während in der Küche zwei Menschen bei weitem jünger wirkend Tee tranken und Kartoffeln verspeisten.
Und wie ist das gekommen, dass du draußen landest?, fragte Gertrud offen heraus. Vertrunken, dein Zuhause?
Der Mann schüttelte den Kopf. Nein, ich habe verkauft. Ich hatte eh nur ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Aber meine Anneliese, sie wollte immer eine Schrebergartenhütte. Ich hab also das Zimmer verkauft, wir die Laube gekauft.
Und wieso wohnst du da nicht?
Ging nicht mehr. Alles ging an ihren Sohn über. Sie war Witwe, ich hatte nie geheiratet. Vor zehn Jahren fanden wir zueinander, lebten sehr schön. Aber alles, Wohnung und Garten, ließ sie auf ihren Sohn überschreiben damit er später keinen Stress hat. Keiner dachte, es würde so schnell gehen. Plötzlich wurde sie krank und war in einem Monat fort. Da hab ich an meinen Anteil keinen Gedanken verschwendet.
Hat der Sohn dich einfach rausgeworfen?, fragte Gertrud ungläubig.
War alles wie im Nebel. Nach der Beerdigung hat er mich für zwei Wochen in ein Sanatorium geschickt. Sollte mich erholen, sagte er. Als ich wiederkam, lebten andere in der Wohnung. Meine Sachen, meine Ausweise weg, niemand kannte mich mehr. Und die Polizei lachte nur. Aber Friedel habe ich wiedergefunden, zum Glück. Die Nachbarn hatten sie gefüttert.
Sag mal, wie heißt du eigentlich?
Johann heiße ich. Johann Bauer, früher jedenfalls. Jetzt heiße ich wohl eher Obdach-Janni, lächelte er traurig. Ich will Sie auch nicht länger belästigen. Danke für das gute Essen, das haben wir lange nicht mehr gehabt.
Er stand auf, blickte betrübt zur Katze. Friedel darf vielleicht noch etwas bleiben? Draußen ist es für sie nicht auszuhalten, und sie fehlt doch Anneliese.
Seine Augen glänzten verräterisch.
Weißt du was, Janni, schmunzelte Gertrud. Der Morgen ist klüger als der Abend. Geh ins Wohnzimmer, ich habe dir das Sofa bezogen. Und jetzt keine Widerrede. Schreib mir mal Adresse und Namen von dir und deiner Anneliese auf, damit ich weiß, wen ich ins Haus lasse.
Als wieder Ruhe einkehrte, holte sich Gertrud ihr altes Handy und ihren Notizblock. Als junge Frau war sie Margarete die Goldene Hand gewesen hervorragende Chirurgin, Retterin vieler Leben, auch das von Leuten aus ganz dunklen Ecken. Kontakte hatte sie noch immer.
Hallo, Klaus, raunte sie ins Telefon. Noch am Leben, du alter Fuchs?
So schnell bleibst du mich nicht los. Gehts um was Konkretes?
Wie immer. Ich brauche alles über einen gewissen Johann Bauer und über diesen Sohn, den Valerian Schröder.
Sie gab alle Informationen weiter.
Du bist und bleibst eben die Chefin, Gretel. Melde mich.
Der nächste Anruf dauerte nicht lange. Gib Peter das Telefon, sag Margarete fragt.
Als sie die Infos durchgegeben hatte, legte Gertrud sich schlafen.
Am Morgen wurde sie von wohltuender Wärme geweckt: Friedel rollte sich schnurrend auf ihrer Brust zusammen, und aus der Küche strömte Kaffeeduft.
Hoffe, ich hab nicht übertrieben, hab Frühstück gemacht, sagte Johann verlegen und präsentierte Spiegelei mit Bratwurst und einen frischen Tomaten-Gurkensalat. Oma Gertrud war gerührt es war lange her, dass jemand sie so verwöhnt hatte.
Komm, Frühstück macht die besten Geschäfte!
Johann wollte noch etwas sagen, doch sie winkte ab, und sie aßen schweigend. Die Katze schubste sich um ihre Beine, die Lebensgeister erwachten langsam.
Also, Janni, du bleibst erstmal hier bei uns, und wehe du widersprichst. Wer das nicht will, kann gleich raus aber Friedel bleibt hier, ist das klar?
Diskutieren wäre zwecklos gewesen, das wusste auch Johann. Der Winter war draußen, die Wärme hier ein fairer Tausch. Mit der Zeit half er im Haushalt, schlug sich tapfer durch, half beim Einkauf, kochte Frühstück. Und nach einem Monat kam Neuzugang Johann brachte einen miserablen, zitternden Mischlingswelpen mit nach Hause, den er im Müll gefunden hatte. Gertrud schimpfte lauthals, aber rausgeworfen hat sie niemanden. Bald spazierte die kleine Familie samt Hund und Katze täglich durch den Park.
Im Hintergrund liefen die Nachforschungen weiter. Valerian, der Sohn, war spielsüchtig und hoch verschuldet. Es war kein Geheimnis, dass ein gewisser Peter in der Stadt dabei geholfen hatte Mitbesitzer einer Spielothek. Valerian hatte alles verkauft, verscherbelt, verpfändet, musste sogar seine Stelle aufgeben. Irgendwann fiel er komplett heraus und verschwand. Johann bekam seine Papiere wieder, durfte Rente beantragen. Die Wohnung blieb für immer verloren das war der Preis der Hilfe. So ist das Leben.
Ein Jahr verging.
Komm, Johann, wir müssen mal reden, sagte Gertrud ernst.
Was ist denn los, Gerti? Bist du krank? Gabs Ärger mit den Kindern?
Die Kinder waren längst eingezogen, Enkelkinder strahlten, selbst der Sohn war froh, dass die Mutter endlich nicht mehr allein war.
Nein, Janni, aber eines sollten wir klären: Nimmst du mich jetzt zur Frau, oder wie lange willst du mich noch in Sünde leben lassen?
Auf der kleinen standesamtlichen Feier waren Sohn und Schwiegertochter da, die vor Freude strahlten, die Enkel tobten kreischend durch die Stube und sprachen zur Hälfte nur noch Englisch. Sogar zwei alte Freunde aus ihrer bewegten Vergangenheit kamen einer im feinen Zwirn mit Limousine, der andere einfach im Lederjackett beide halfen, wo sie konnten.
Wenn ihr also im Park in Freiburg ein älteres Paar seht eine resolute, hellwache Oma mit scharfem Blick und einen großen Mann mit buschigem Bart und weichen Augen, gefolgt von einer grauen alten Katze und einem stattlichen Hund das sind sie, die Helden meiner Geschichte.
Am Ende zählt im Leben gar nicht, wie viele Häuser, Zimmer oder Gärten du besitzt. Es kommt darauf an, wem du dein Herz öffnest, selbst wenn die Zeit schon fortgeschritten ist. Denn manchmal findet das Glück dich gerade dann, wenn du einfach nur eine warme Mahlzeit und offene Tür schenkst und am wenigsten damit rechnest.





