Der Tag meiner Hochzeit ist gekommen, doch meine Eltern sind nicht erschienen, weil sie mich schon seit meiner Kindheit nicht mehr gebraucht haben.

In jenen längst vergangenen Kindertagen, als meine Geschwister und ich nur wenige Jahre auseinander waren, war das Leben im Herzen Deutschlands anders, aber seine Schatten begleiteten mich stets. Ich, Gisela Kraus, musste die Kleidung meiner älteren Schwester übernehmen. Während sie Zuwendung und besondere Dinge erhielt, fühlte ich mich oft übersehen und vergessen. Meine Eltern investierten ihr Geld lieber in ihre Ausbildung; ich hingegen musste selbst für meine schulischen Belange sorgen. Trotz meiner guten Leistungen in der Schule blieb jegliche Anerkennung oder Freude vonseiten meiner Eltern aus.

Mein mangelndes Selbstwertgefühl hinderte mich damals daran, mich zu behaupten und für Gerechtigkeit zu sorgen. Dabei schaffte ich es sogar, einen Studienplatz an der angesehenen Humboldt-Universität in Berlin zu ergattern. Doch meine Eltern blieben gleichgültig. Sie meinten nur trocken, ich solle doch arbeiten gehen, falls ich kein Stipendium bekäme. Völlig enttäuscht über deren Kälte zog ich in ein Studentenwohnheim, wo ich meinen zukünftigen Ehemann kennenlernte.

Während meines Studiums erwartete ich mein erstes Kind, und wir beschlossen, zu heiraten. Meine Eltern waren strikt dagegen sie forderten mich sogar auf, das Kind nicht zu bekommen. Es folgten Beschimpfungen, Vorwürfe und der Entzug jeglicher finanziellen oder seelischen Unterstützung. Für meine Schwester hingegen kauften sie in derselben Zeit einen teuren VW Golf. Dennoch brachte ich meinen Sohn auf die Welt und die Familie meines Mannes schenkte uns eine liebevoll eingerichtete Wohnung in Leipzig. Meine Eltern begegneten mir weiterhin nur mit kaltem Desinteresse und lieblosen Höflichkeiten.

Jahre verstrichen, mein Sohn wuchs heran und wir bekamen noch ein weiteres Kind. Durch die Unterstützung meines Mannes Hans und seiner Familie begann mein Leben sich langsam zum Besseren zu wenden. Eines Tages meldete sich meine Mutter wieder bei mir sie erzählte von der bevorstehenden Hochzeit meiner Schwester und forderte mich auf, einen Kredit bei der Sparkasse aufzunehmen, um die Feier zu finanzieren. Ich lehnte ab. Daraufhin erklärte sie, dass ich für sie nicht mehr zur Familie gehörte.

An diesem Punkt beschloss ich, dass es Zeit war, für mich selbst einzustehen und den Menschen ihre Rolle in meinem Leben zuzuweisen. Ich hatte genug ertragen, genug Unrecht erfahren. Ich erkannte, dass meine eigene, kleine Familie Hans, unsere Kinder, unsere gemeinsamen Erfolge die Familie war, wie sie wirklich sein sollte: geborgen im Netz aus Liebe, Fürsorge und gegenseitigem Respekt. Blut allein macht niemanden zur Familie.

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Homy
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