Ich bin jetzt 21 Jahre alt. Es ist schon eine Weile her, genau genommen fünf Jahre, seit meine Mutter ihren zweiten Ehemann mit in unser Zuhause brachte. Schon beim ersten Zusammentreffen empfand ich eine Abneigung gegen ihn. Er arbeitete damals als Hausmeister und stand mit nur zwei Koffern vor unserer Tür. Kaum war er eingezogen, fing er an, mir Anweisungen zu geben und sich über mich zu stellen. Ein wahrlich unangenehmer Mensch. Ich konnte nie begreifen, was meine Mutter an ihm fand. Sein Gehalt war gering, und er musste zudem noch Unterhalt an seine Ex-Frau zahlen. Das Verhältnis zwischen uns war von Anfang an angespannt. Ich schwieg zuerst, doch später kam es immer öfter zu Streitigkeiten zwischen uns.
Nach meinem Abitur schaffte ich es, einen Platz im Medizinstudium in Berlin zu bekommen, sogar auf Kosten des Staates. Schon als Kind träumte ich davon, Ärztin zu werden. Das Studium war hart, aber ich gab mein Bestes und wurde sogar mit einem Stipendium ausgezeichnet.
Vor einem halben Jahr begann dieser Mann, mir vorzuwerfen, dass ich ihnen auf der Tasche liege: Du bist erwachsen und solltest selbst für dich sorgen! Deine Mutter und ich ernähren und kleiden dich, das kann so nicht weitergehen. In deinem Alter habe ich schon selbst gearbeitet! Ständig machte er mir den Vorwurf, ich würde kein Geld ins Haus bringen. Seiner Meinung nach hätte ich längst arbeiten müssen, um die Familie zu unterstützen, weil das Geld bei uns immer knapp war. Am Schmerzlichsten war es für mich, dass meine Mutter hinter ihm stand. Sie meinte, er hätte recht und es sei an der Zeit, mich zu erziehen und mir den rechten Weg zu zeigen.
Meine Mutter sagte einmal: Du könntest dir doch einen Nebenjob suchen. Uns fällt es wirklich schwer, dich noch mit durchzubringen wir sind doch auch keine Maschinen. Vor zwei Abenden äußerte ihr Mann dann, dass Erwachsene, gerade volljährige Kinder, eigentlich nicht mehr im Elternhaus wohnen sollten. Völlig fassungslos blickte ich zu meiner Mutter. Sie schwieg nur, was für mich bedeutete, dass sie seiner Meinung war.
Noch in dieser Nacht zog ich mich in mein Zimmer zurück. Am nächsten Tag sprach meine Mutter die Situation offen an: Es fällt mir sehr schwer, aber ich stehe zwischen den Stühlen. Unsere Streitereien nehmen kein Ende. Du provozierst nur noch Krach und hältst dich nicht zurück. Ich sehne mich nach einem ruhigen Leben. Er hat Recht, du bist erwachsen, solltest auf eigenen Beinen stehen. Du hast einen Monat Zeit, um dir etwas Eigenes zu suchen.
Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Niemals hätte ich gedacht, dass meine Mutter sich so von mir abwenden könnte. Diesen Vertrauensbruch werde ich ihr nie vergessen.





