Weil er ganz nach dir geraten ist
“Drei Jahre, Helga Werner”, Marlenes Stimme zitterte vor unterdrückter Wut. “Drei Jahre haben Sie von mir einen Enkelsohn verlangt, mir vorgeworfen, ich würde zu lange warten. Und jetzt bevorzugen Sie öffentlich nur noch Paulchen, den Sohn Ihrer Tochter. Aber mein Alex ist auch Ihr Enkel! Oder haben Sie das vergessen?”
Helga Werner strich sich ihre perfekt frisierten Haare glatt und musterte ihre Schwiegertochter mit eiskalter Überlegenheit. Aus dem Wohnzimmer hinter ihr drangen Kinderlachen und Musik dort ging Paulchens Geburtstagsfeier weiter.
“Und wenn Sie Alex ignorieren, ihm keine Geschenke machen wie dem anderen Enkel”, fuhr Marlene fort, “dann tut das meinem Jungen weh. Er ist schon zehn, Helga Werner. Alt genug zu verstehen, dass Sie ihn nicht lieben.”
Die Schwiegermutter schnaubte verächtlich und winkte ab, als scheuchte sie eine lästige Fliege weg.
“Du bildest dir das alles nur ein, Marlene. Ich behandle beide Enkel gleich. Und überhaupt, warum musst du ausgerechnet jetzt einen Skandal machen?” Helga Werner warf empört die Hände hoch. “Mein Enkel hat Geburtstag, die Gäste sind da. Ich habe keine Zeit für deine kranken Fantasien.”
Auf ihren Absätzen drehte sie sich um und schritt würdevoll zurück ins Wohnzimmer, ließ Marlene allein im Flur zurück. Schmerz und Wut stiegen ihr wie ein Kloß in der Kehle hoch. Marlene lehnte sich an die Wand, versuchte sich zu beruhigen. Für die Großmutter war ihr Sohn wie Luft, durchsichtiges Glas, durch das man auf andere, wichtigere Menschen blickt.
Nach ein paar tiefen Atemzügen kehrte Marlene ins Festzimmer zurück. Der Anblick ließ ihr Herz noch enger werden. Helga Werner umkreiste ihren Lieblingsenkel Paulchen, jammerte und jubelte über jedes seiner Worte, strich ihm übers Haar, schob ihm Süßigkeiten zu. Alex aber stand in einer Ecke, an die Wand gedrückt, und beobachtete voller unverhohlener Eifersucht diese Zuneigung. Seine kindlichen Schultern hingen herab, in seinen Augen lag eine solche Traurigkeit, dass Marlene ihn am liebsten umarmt und weit weggeführt hätte.
Abends zu Hause, als Alex nach dem anstrengenden Tag schon schlief, setzte sich Marlene zu ihrem Mann aufs Sofa.
“Klaus, wir müssen über deine Mutter reden”, begann sie. “Wie sie mit Alex umgeht, das ist nicht richtig. Er versteht alles und leidet sehr.”
Klaus rieb sich die Nasenwurzel. Marlene kannte diese Geste ihr Mann tat das, wenn er unangenehme Themen vermeiden wollte.
“Marlene, du spinnst dir das nur zusammen”, winkte er ab. “Ich war bei meiner Mutter auch nicht das Lieblingskind, meine Schwester hatte immer Vorrang. Ist nicht schlimm, Alex wird sich daran gewöhnen, nichts von Oma zu erwarten. Wird er schon überstehen. Er ist schließlich ein Junge. Und außerdem liebt sie ihn natürlich auch, nur halt anders als Paul.”
Marlene starrte ihren Mann fassungslos an. Verstand er wirklich nicht, wie seine Worte klangen? Wie konnte er so ruhig sagen, ihr Sohn solle sich mit dieser Missachtung abfinden?
…Eine Woche später kam Helga Werner unangemeldet zu Besuch. Alex saß gerade am Küchentisch und machte Hausaufgaben, als es klingelte. Als er die Großmutter sah, freute er sich zuerst, doch dann schien er sich an etwas zu erinnern und verstummte, blickte sie misstrauisch an.
“Alexchen, ich hab dir was mitgebracht!”, rief Helga Werner und hielt ihrem Enkel eine Handvoll Bonbons hin.
Marlene bemerkte sofort die billigsten Sorten. Für Paul kaufte die Schwiegermutter immer teure Schokoladenboxen.
“Danke, Oma”, murmelte Alex und nahm die Süßigkeiten.
Helga Werner drehte sich triumphierend zu Marlene um.
“Siehst du, ich benachteilige niemanden. All deine Einbildungen über meine Ungleichbehandlung sind Unsinn.”
Alex stand noch eine Weile herum, scharrte mit den Füßen, dann sagte er leise, er müsse seine Aufgaben fertigmachen, sammelte seine Bücher und Hefte und verschwand in sein Zimmer. Marlene wusste ihr Sohn hatte begriffen, dass Oma ihn wieder ignorieren würde, und zog sich zurück.
Als sie allein in der Küche waren, versuchte Marlene noch einmal, mit der Schwiegermutter ins Reine zu kommen. Vielleicht, wenn sie von Alex’ Erfolgen erzählte, würde Helga Werner wenigstens ein bisschen Interesse zeigen.
“Helga Werner, Alex hat eine Urkunde für den Sieg bei der Mathe-Olympiade bekommen”, begann Marlene und schenkte Tee ein. “Die Lehrerin sagt, er habe großes Talent.”
“Ja, ja, sehr schön”, nickte die Schwiegermutter zerstreut, doch dann hellte sie auf. “Aber Paulchen hat letzte Woche einen Schwimmwettbewerb gewonnen! Erster Platz im ganzen Bezirk! Der Trainer sagt, er könnte ein echter Champion werden.”
“Das ist toll”, antwortete Marlene zurückhaltend. “Aber ich wollte von Alex erzählen. Er hat auch mit dem Zeichnen angefangen, der Lehrer lobt ihn…”
“Zeichnen ist nichts Ernstes”, unterbrach Helga Werner. “Sport dagegen das zählt! Paulchen wird ein starker, kräftiger Junge. Und in Englisch ist er der Beste in der Klasse. Der Lehrer sagt, solche begabten Kinder sieht man selten.”
Marlene presste die Zähne zusammen. Die Schwiegermutter sang weiter Paulchens Loblieder, ignorierte jeden Versuch, über Alex zu sprechen.
“…und stell dir vor, neulich hat Paul sein Fahrrad selbst repariert! Mit acht Jahren! Goldene Hände hat der Junge, ganz der Großvater…”
Marlenes Geduld riss. Sie schlug die Hand auf den Tisch, ließ die Tassen klirren.
“Warum, Helga Werner?”, zitterte ihre Stimme vor Anspannung. “Warum tun Sie das meinem Sohn an? Sie haben sich doch so einen Enkel von Klaus gewünscht! Haben gedrängt, uns gehetzt!”
Helga Werner verzog das Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen. Sie schwieg einige Sekunden, als überlegte sie, ob sie die Wahrheit sagen sollte. Dann murmelte sie widerwillig:
“Ich wollte meinen Enkel. Echten, richtigen. Aber Alex…” Die Schwiegermutter verzog das Gesicht. “Er ist dein Ebenbild. Ganz nach dir geraten. Wie aus dem Gesicht geschnitten.”
Marlene erstarrte, traute ihren Ohren nicht. Die Absurdität dieser Worte war so offensichtlich, dass sie zunächst keine Antwort fand.
“Sie… Sie lieben ihn nicht, weil er mir ähnelt?”, fragte sie nach, in der Hoffnung, sich verhört zu haben.
Helga Werner nickte, als erkläre sie etwas Selbstverständliches einem schwer von Begriff seiendem Kind.
“Ich habe Klauss Wahl nie gutgeheißen. Aber dann dachte ich na gut, du schenkst mir wenigstens einen robusten Enkel. Die Natur hat dich ja nicht mit Gesundheit gespart. Aber er…” Die Schwiegermutter winkte ab. “Deine Kopie. Charakter, Aussehen. Sogar wie er geht, den Kopf dreht… Gruselig.”
Marlene saß wie erstarrt. Das konnte nicht ihr Ernst sein…
“Vielleicht beim nächsten?”, fuhr Helga Werner fort, ohne Marlenes Zustand zu bemerken. “Wenn es dann nicht wieder nach dir kommt? Sondern nach unserer Familie schlägt?”
Marlene sprang auf. Der Stuhl krachte hinter ihr um. Vor Wut wurde es schwarz vor ihren Augen.
“Ein nächster?! Sie sind völlig wahnsinnig… Raus!”, flüsterte sie, dann wiederholte sie lauter: “Raus aus meinem Haus! Sofort!”
“Was?!”, empörte sich Helga Werner. “Du bist ja völlig frech geworden, Mädel! Das ist die Wohnung meines Sohnes!”
“Es ist unser Zuhause!”, schrie Marlene jetzt. “Und ich lasse nicht mehr zu, dass Sie meinem Kind die Seele vergiften! Verschwinden Sie! Jetzt!”
Marlene riss die Eingangstür auf und stand da, deutete auf den Ausgang. Helga Werner, vor Empörung puterrot, griff nach ihrer Tasche und stapfte zur Tür.
“Das werde ich dir nicht durchgehen lassen!”, zischte sie zum Abschied.
Die Tür knallte zu. Marlene lehnte sich an die Wand und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Ihr ganzer Körper zitterte vor Schock.
Abends, als Klaus von der Arbeit kam, erzählte Marlene ihm das Gespräch. Mit jedem ihrer Worte wurde sein Gesicht finsterer.
“Sie hat das wirklich gesagt? Dass sie Alex nicht liebt, weil er dir ähnelt? Und ihr noch ein Kind wollt?”, fragte er ungläubig nach.
Marlene nickte, und die Tränen, die sie den ganzen Tag zurückgehalten hatte, liefen ihr übers Gesicht.
“Klaus, wie kann man ein Kind so verletzen, nur weil es der Mutter ähnelt?”, schluchzte sie. “Das ist doch krank! Unser Junge ist an nichts schuld!”
Klaus umarmte seine Frau und drückte sie fest.
“Schluss jetzt”, sagte er entschlossen. “Ohne zwingenden Grund sehen wir meine Mutter nicht mehr. Alex ist wichtiger. Weine nicht, wir kriegen das hin…” Er strich ihr beruhigend über den Kopf.
…Es vergingen Monate. Allmählich normalisierte sich das Leben. Dann geschah etwas, das alles endgültig veränderte. Marlenes Eltern beschlossen, in ihre Stadt zu ziehen. Sie verkauften ihr Haus auf dem Land und fanden eine Wohnung in der Nähe.
“Wir haben dich und den Enkel vermisst”, erklärte Marlenes Mutter, Gisela Schmidt. “Und ihr könnt sicher auch Hilfe gebrauchen.”
Oma und Opa überschütteten Alex mit Liebe und Aufmerksamkeit. Der einzige, lang entbehrte Enkel, den sie bisher selten sehen konnten. Und Marlene sah, wie ihr Sohn förmlich aufblühte. Die Unsicherheit verschwand, ein Lächeln kehrte zurück, das sie lange nicht mehr gesehen hatte. Der Junge erwachte, wurde offener und fröhlicher.
Dann kam Alex’ Geburtstag. Marlene überlegte lange, lud die Schwiegermutter aber schließlich ein vielleicht hatte die Zeit etwas verändert. Klauss Schwester und Familie wurden nicht eingeladen.
Helga Werner kam mit einem kleinen Päckchen. Als Alex es öffnete, fand er ein billiges Plastikauto die Sorte, die in U-Bahn-Passagen verkauft wird.
“Danke, Oma”, sagte Alex höflich und drehte sich gleich weg. “Oma Gisela, Opa Heinrich, darf ich euer Geschenk jetzt aufmachen?”
Marlenes Eltern wechselten einen Blick und reichten ihrem Enkel eine große Schachtel. Alex riss mit leuchtenden Augen die Verpackung auf darin war ein Grafiktablett.
“Oh, danke! Danke! Oma, Opa, super!”, rief der Junge und umarmte sie. “Genau das, was ich mir gewünscht habe!”
Helga Werner verzog missmutig den Mund.
“Wozu braucht ein Kind so ein teures Geschenk? Ihr werdet ihn noch völlig verwöhnen”, murmelte sie.
Gisela Schmidt drehte sich zu ihr um und antwortete ruhig:
“Alex möchte Grafikdesigner werden. Er hat echtes Talent. Dieses Geschenk wird ihm helfen, seine Fähigkeiten zu entwickeln.”
Alex strahlte und küsste seine Großeltern auf die Wangen.
“Ich muss es gleich ausprobieren! Papa, komm, hilfst du mir beim Einrichten?”, rief er und zog seinen Vater am Arm.
“Klar, Geburtstagskind!”, zwinkerte Klaus ihm zu, und sie gingen zusammen mit Marlenes Eltern in Alex’ Zimmer.
Marlene und Helga Werner blieben allein. Die Schwiegermutter stand wie vom Donner gerührt da, als könne sie nicht fassen, was sie sah.
“Was ist, Helga Werner?”, fragte Marlene direkt. “Gefällt es Ihnen nicht, dass mein Sohn glücklich ist?”
Die Schwiegermutter zuckte und fing an, schnell zu reden:
“Aber Paulchen hat neulich…”
“Wenn Sie vom anderen Enkel anfangen wollen”, unterbrach Marlene sie eisig, “können Sie jetzt gleich gehen. Das ist der Geburtstag meines Sohnes. Und sein Fest werde ich nicht verderben lassen. Nie wieder.”
“Aber Paulchen ist besser, das liegt doch auf der Hand!”, platzte Helga Werner heraus. “Er ist stärker, begabter…”
Marlene stand entschlossen auf und ging zur Eingangstür. Sie riss sie auf und stellte sich daneben.
“Ich habe Sie gewarnt. Gehen Sie.”
“Du hast kein Recht!”, empörte sich die Schwiegermutter.
“Doch. Das ist mein Haus und der Geburtstag meines Sohnes”, schob Marlene die verdutzte Helga Werner über die Schwelle. “Auf Wiedersehen.”
Die Tür knallte der Schwiegermutter vor der Nase zu. Marlene stand einen Moment da, holte tief Luft. Genug damit, sich Sorgen zu machen, die Beziehung zu Klauss Familie nicht zu verderben. Ihr Sohn war wichtiger als all das, ihre Familie zählte.
Aus Alex’ Zimmer drang fröhliches Lachen und begeistertes Rufen. Marlene lächelte und ging zu ihnen um zu sehen, wie es ihnen ging.





