Als Johanna die Klinik verließ, begegnete sie im Türrahmen einem Mann.
Entschuldigung, sagte er und blieb einen Moment mit seinem Blick an ihr hängen. Im nächsten Augenblick wurde sein Blick hochmütig-herablassend. Er wandte sich ab, als hätte Johanna nie existiert.
Wie oft hatte sie solche Blicke schon gespürt. Für schlanke, lange Mädchen hatten Männer ganz andere Blicke übrig: dann waren ihre Augen nicht leer und gleichgültig, sondern gierig und klebrig. Über diese Ungerechtigkeit war Johanna nicht hinweggekommen. War es denn ihre Schuld, dass sie so aussah?
Als sie noch klein war, fanden alle ihre runden Pausbäckchen und dicken Beinchen entzückend. In der Grundschule musste sie sich als erste in die Reihe der Mädchen aufstellen. Man nannte sie fett, dick, Peppa Wutz und Kürbis. Das war noch harmlos im Vergleich zu den schlimmsten Spitznamen, an die sie gar nicht denken wollte. Kinder können grausam sein. Die Lehrer merkten, wie ihre Mitschüler sie hänselten, griffen aber nie ein.
Johanna hatte viele Diäten ausprobiert, aber sie hatte immer wieder Hunger und gab auf. Die verlorenen Kilos kamen schnell zurück. Zwar war sie hübsch, doch das Übergewicht zerstörte jeden Eindruck.
Ursprünglich hatte Johanna davon geträumt, Lehrerin zu werden, doch diese Wünsche hatte sie aufgegeben. Sie hatte Angst, auch die Schüler würden sie nur mit Schimpfnamen belegen. Nach der Schule schrieb sie sich auf der Krankenpflegeschule ein. Wenn Menschen leiden, ist ihnen egal, wie die Person aussieht, die ihnen hilft, Hauptsache, der Schmerz lässt nach.
Es gab zwei Klassen ohne Jungen, und die Mädchen waren mit sich selbst beschäftigt verliebt, verlobt, verheiratet. Johanna war immer allein. Im Unterricht baten sie die Mädchen, in der ersten Reihe Platz zu nehmen, damit die anderen sich hinter ihrem Rücken verstecken und dem Lehrer nicht auffallen konnten.
Mit Wehmut betrachtete Johanna die hübschen Kleider in den Schaufenstern. Solche würde sie nie tragen. Sie zog sich am liebsten in weite Pullis und Röcke, um ihre Figur zu kaschieren. Sie war eine sehr gute Schülerin und setzte Injektionen schnell und schmerzlos. Die älteren Patienten mochten sie deshalb besonders gern.
Einmal ging sie mit den Kolleginnen aufs Eis. Jugendliche warfen ihr verletzende Sprüche entgegen: Guck mal, in die Fleischfabrik muss sie! Das Gelächter hinter ihr tat weh und sie hätte am liebsten geweint.
Die Mutter versuchte, sie mit den Söhnen ihrer Freundinnen zu verkuppeln. Ein paar Mal ging Johanna auf ein Date. Einer tat sofort so, als hätte er sich im Restaurant gar mit niemandem verabredet, ein anderer fing an ihr aufdringlich zu werden, bevor sie sich vorgestellt hatten sie schubste ihn weg und der Junge landete in einer Pfütze. Was stellst du dich so an? Du kannst froh sein, dass ich dich will. Wer nimmt dich denn? schrie er ihr hinterher. Danach war Johanna nur noch sicherer: Besser allein bleiben.
Im sozialen Netzwerk hatte sie als Profilbild Fiona aus Shrek. Als ein Typ fragte, wie sie im echten Leben aussehe, antwortete Johanna: Genau so, nur nicht grün. Der Junge hielt das für einen Witz. Du bist bestimmt von aufdringlichen Verehrern genervt und willst sie so abschrecken, meinte er und schlug ein Treffen vor. Sie brach den Kontakt sofort ab.
Eines Tages stieß ein ca. sechsjähriger Junge im Klinikflur gegen sie.
Wohin rennst du? Hier sind kranke Menschen, das geht nicht!, sagte sie streng und nahm ihn an der Hand.
Ich wollte auf dem Linoleum rutschen, gab er ehrlich zu.
Mit wem bist du denn da?
Mit Papa, wir besuchen Oma. Aber wo ist die Toilette?
Johanna führte ihn ans Ende des Flurs.
Schaffst du das alleine?
Der Junge warf ihr einen gönnerhaften Blick zu. Über diesen kleinen Mann konnte sie aber nicht böse sein. Kurz darauf kam das Spülen aus der Toilette und er trat wieder zu Johanna.
Jetzt zeigst du mir, wo das Zimmer deiner Oma ist, sagte sie.
Er seufzte und trottete neben ihr her, blieb vor einer Tür stehen, formte ein ernstes Gesicht und tippte sich an den Mundwinkel.
Hier ist es, glaube ich Er zeigte auf die Tür mit der Nummer vier.
Glaubst du? Hast du die Nummer im Vorbeigehen gar nicht beobachtet? Kennst du die Zahlen nicht? Johanna wurde stutzig, denn das war das Männerzimmer.
Ich weiß alles! Ich kenne sogar Buchstaben! Da drüben ist die richtige Tür. Der Junge deutete auf die fünf.
Du kleiner Tausendsassa, tat Johanna gespielt wütend.
Der Junge kicherte. Wie heißt du?
Ich bin Johannes, sagte er schnell, als die Tür zum Zimmer fünf aufging und ein großer, sympathischer Mann im Türrahmen stand. Er blickte streng auf den Jungen.
Johannes, was dauert denn so lange? Nun sah er auch Johanna an und taxierte sie kurz mit einem Blick dann war sie wieder vergessen. Hat er Blödsinn gemacht?
Wie viele ähnliche, kalte Männerblicke kannte Johanna doch.
Nein, er hat nichts angestellt. Schimpfen Sie nicht mit ihm, erwiderte sie vorwurfsvoll und ging.
Komm, verabschiede dich von Oma, wir müssen los, hörte sie hinter sich.
Am nächsten Tag besuchten Johannes und sein Vater wieder die Großmutter. Der Mann lief achtlos an Johanna vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Sie streckte ihm die Zunge hinterher, und in dem Moment drehte sich Johannes um, lachte und streckte ihr den Daumen entgegen. Johanna musste schmunzeln und winkte.
Nach der Mittagsruhe schaute sie bei Frau Anna-Maria Kramer, Johannes Oma, vorbei.
Sie sehen heute richtig gut aus, Anna-Maria. War Ihr Enkel da?
Haben Sie ihn gesehen? Ist er nicht bezaubernd? Ich würde so gern erleben, wie er aufwächst!
Sie haben doch noch Zeit, bestimmt werden Sie sogar Ihre Urenkel knuddeln, sagte Johanna aufmunternd.
Ach. Meine Seele sorgt sich um ihn. Er wächst ohne Mutter auf.
Seine Mutter?
Nein, sie ist nicht tot. Sie hat uns einfach sitzen lassen. Hat ihren Sohn dagelassen.
Sie sagen ihren?, wunderte sich Johanna.
Johannes ist nicht mein leiblicher Enkel. Aber wir lieben ihn wie einen. Mein Sohn hat eine schöne Frau geheiratet, die nach der Hochzeit gestand, dass sie einen Sohn hat. Mit einer Lüge beginnt man keine Ehe! Mein Mann hat fast einen Herzinfarkt davonbekommen. Jetzt liege ich im Krankenhaus. Anna-Maria seufzte.
Vor zwei Jahren bekam sie ein gutes Angebot Arbeit im Ausland als Model. Das Kind störte sie. Jetzt hat mein Sohn nur Frauen, die auch wie Models aussehen: hübsch, egoistisch. Johannes akzeptiert sie nicht.
Johanna war den ganzen Tag bedrückt von Anna-Marias Geschichte. Später, als sie der Seniorin eine Spritze setzte, sah sie, wie Anna-Maria mit den Tränen kämpfte.
Anna-Maria, Sie dürfen sich nicht aufregen, erinnern Sie sich? ermahnte Johanna.
Ach, ich rege mich nicht wirklich auf. Schauen Sie mal! Sie reichte ihr einen Zettel mit einer Kinderzeichnung: Ein Junge hält die Hände seiner Eltern.
Das ist Johannes mit Mama und Papa, nicht wahr?
Johannes sucht sich eine Mama. Ich glaube, er hat Sie gemalt, Johanna.
Nein nein, da ist bestimmt seine richtige Mutter gemeint.
Seine Mutter war zierlich. Auf dem Bild ist die Mutter kräftig, sogar größer als der Vater. Das sind Sie. Anna-Maria schluchzte wieder.
Johanna bemerkte gleich, dass die Mutterfigur größer gemalt war. Sogar ein Kind merkt, wie kräftig ich bin. So ein hübscher Mann wie Johannes Vater wird mich nie mögen, dachte sie nüchtern.
Von da an wechselten Johanna und Anna-Maria immer ein paar Worte, wenn Johanna vorbeikam. Beim nächsten Besuch rannte Johannes gleich zu ihr.
Hallo. Hast du sichere Hände? fragte er erwartungsvoll.
Keine Ahnung, antwortete Johanna überrascht.
Oma hat gesagt, sie ist bei dir in sicheren Händen. Sie wird doch bald entlassen, oder? Und in einer Woche habe ich Geburtstag, presste er alles eilig heraus.
Deine Oma darf bestimmt bald nach Hause. Und wie alt wirst du?
Sechs!, sagte Johannes stolz. Ich lade dich zu meinem Geburtstag ein!
Danke, ich komme gern! Aber du musst deinen Papa erst um Erlaubnis fragen.
Mach ich gleich! Johannes rannte ins Zimmer.
Johanna wurde abgelenkt, sie sah nicht, wie Johannes und sein Vater gingen. Am nächsten Tag warteten die beiden am Schwesternzimmer.
Papa, du hast es gesagt!, zupfte Johannes seinen Vater, als Johanna auf sie zuging.
Ich erinnere mich, sagte der Vater, wandte sich an Johanna: Ich lade Sie herzlich zum Geburtstag meines Sohnes ein. Hier die Adresse und Telefonnummer. Am Samstag um ein Uhr. Wenn Sie keine anderen Pläne haben
Ihre Daten haben wir ja in der Krankenakte, antwortete Johanna verlegen. Und Pläne? Nein, ich habe keine.
Stimmt. Johannes wird sich freuen. Und wenn Sie nicht kommen, ist nicht nur er traurig, sondern auch meine Mutter und sie darf sich nicht aufregen, wie Sie selbst gesagt haben.
Eine ganze Woche ich muss unbedingt noch ein bisschen abnehmen, dachte Johanna.
Zu Hause erzählte sie der Mutter davon.
Unbedingt hingehen! Kinder durchschauen vieles schneller als Männer. Vielleicht wird ja doch was aus euch beiden? Und schau mich nicht so an. Der Junge sucht eine Mutter.
Sein Vater beachtet mich doch gar nicht, sagte Johanna traurig.
Ach was. Gefühle sind ihm sicher nicht egal. Sonst hätte er längst wieder eine Model-Frau.
Am Samstag stylte sich Johanna, suchte ein Kleid aus, tuschte sich leicht die Wimpern. Unzufrieden betrachtete sie sich im Spiegel hübscher, aber nicht schlanker. Das Geschenk für Johannes hatte sie schon eine Woche vorher gekauft.
Kaum klingelte sie an der Wohnung, ging fast sofort die Tür auf. Ihr Herz pochte wild.
Johanna ist da!, rief Johannes und umarmte sie, so fest er konnte.
Sie streichelte ihm über den kurzen Haarschopf und reichte das Geschenk. Die Augen des Jungen strahlten.
Im Wohnzimmer war der Tisch festlich gedeckt. Am Tisch saß Ivo, Johannes Vater, daneben eine attraktive blonde Frau. Gegenüber ein älterer Herr bestimmt Johannes Opa. Die Blondine musterte Johanna kritisch bis auf die Schuhe.
Darf ich vorstellen: Das ist meine Retterin, Johanna. Das ist Boris, mein Vater. Den Sohn kennen Sie ja. Und das ist eine Bekannte von Ivo, Eva, stellte Anna-Maria vor und warf der Blondine keinen Blick zu.
Die Blondine zog scharf und unzufrieden eine Braue hoch. Anna-Maria reichte Johanna Salat, stieß dabei ein Weinglas um, das auf Evas Schoß kippte. Die Blondine sprang erschrocken auf, stieß den Stuhl hinter sich um es gab ein Durcheinander.
Eva verabschiedete sich beleidigt. Niemand hielt sie zurück. Johanna wollte ebenfalls gehen.
Nicht böse sein, aber, begann Ivo.
Sie haben mich ja nicht vollgeschüttet. Was soll’s. Ich gehe jetzt auch am besten.
Meine Mutter hat einen herrlichen Apfelkuchen gebacken. Bleiben Sie. Danach fahre ich Sie heim.
Im Auto herrschte Schweigen.
Ich brauchte keinen Begleitschutz. Ich komme auch allein heim, eröffnete Johanna schließlich.
Meine Mutter hätte mir nie verziehen, wenn ich Sie nicht heimgebracht hätte. Irgendwie laufen wir uns in letzter Zeit ständig über den Weg. Ich wette, meine Mutter will uns verheiraten.
Ich liebe Sie nicht und Sie mich auch nicht. Ich will Sie nicht heiraten, entgegnete Johanna, ihre Stimme zitterte. Keine Sorge, Sie werden mich wohl kaum wiedersehen.
Das Auto hielt. Johanna wollte die gesperrte Tür öffnen.
Öffnen Sie sofort!, rief sie.
Da beugte sich Ivo zu ihr und küsste sie. Johanna schubste ihn weg.
Was soll das? Sind Ihnen die Models zu langweilig? Oder wollten Sie mal was anderes ausprobieren? Ach ja, ich soll Ihnen wohl dankbar sein Ihre Augen funkelten, ihr Gesicht glühte.
Sie wusste nicht, wie attraktiv sie in diesem Moment war. Ivo war von ihren Gefühlen überwältigt. Models waren selbstsicher und kühl, Johanna hingegen voller Leben.
Entschuldigen Sie, bitte. Das hätte ich nicht tun dürfen. Ich weiß selbst nicht, was in mich gefahren ist. Sie
Männer haben mich noch nie geküsst, es sei denn, sie wollten mir einen Gefallen tun, sagte Johanna wütend und stieg aus.
Ende August wurde es plötzlich kalt, Windböen und Regen setzten ein. Die Blätter fielen rasch. Drei Wochen waren seit Johannes Geburtstag vergangen, drei Wochen hatte Johanna Ivo nicht gesehen.
Als sie von der Arbeit kam, trat ihre Mutter ihr im Flur entgegen.
Ein junger Mann war da. Sehr nett, elegant wirkte besorgt. Er bat dich anzurufen.
Sofort wählte Johanna seine Nummer und ging in die Küche.
Ich war bei Ihnen. Johannes ist krank geworden. Wir müssten ihm Spritzen geben Könnten Sie kommen?
Ich komme gleich!, versprach Johanna, zog Jacke und Stiefel an und eilte los.
Auf dem Weg kaufte sie noch Alkoholpads und Spritzen. Johannes freute sich riesig, als er sie sah. Sein Haar war nass vor Schweiß die Temperatur sank gerade. Johanna bereitete die Spritze vor. Der Junge bekam Antibiotika und Vitamine.
Du erinnerst dich doch, dass ich sichere Hände habe, Johannes? Keine Angst, lächelte Johanna.
Der Junge kniff nur kurz die Augen zusammen und sagte: Hat kaum wehgetan!
Ivo sah Johanna aufmerksam an, wie sie noch nie jemand angesehen hatte. Sie errötete und wurde noch hübscher. Ihr Herz schlug wie ein fröhlicher Vogel.
Wieder fuhr Ivo sie heim.
Johanna, gehen wir mal einen Kaffee trinken? Eigentlich sind wir bisher kaum zum Reden gekommen.
Machen Sie das für Ihren Sohn? Bitte nicht. Ich könnte sonst hoffen, und Sie könnten sich nie in mich verlieben. Mich kann niemand lieben. Ich bin dick.
Sie sind nicht dick, Sie sind warmherzig, zart und herzlich. Kinder lügen nicht. Ihnen gefallen Sie. Und mir auch. Ich glaube, wir könnten eine echte Familie werden.
Und wenn Johannes Mutter wieder auftaucht?
Sie kommt nicht zurück. Sie hat die Unterlagen geschickt Kind und Ehescheidung aufgegeben. Sie ist neu verheiratet, Johannes interessiert sie nicht. Also, gehen wir zusammen einen Kaffee trinken?
Ja, nickte Johanna einfach.
Für jeden Menschen gibt es irgendwo eine zweite Hälfte, mit der man lachen oder weinen, aber nie leben will, ohne sie. Ganz egal wie man aussieht. Manchmal begegnen sich diese Hälften spät, oder erkennen sich nicht gleich. Weil sie die richtige Seele nicht sehen die Liebe. Vielleicht ist es eben die Liebe, die im hässlichen Entlein einen stolzen Schwan erkennt, oder in einer molligen Frau eine verletzliche, liebevolle Seele sieht. Die Einzige, die für sie bestimmt ist.





