Du bist hier fehl am Platz, Mama…

**Tagebucheintrag**

Die Tür öffnete sich nicht sofort. Hilde Müller hatte Zeit, kurz durchzuatmen, während der Schweiß auf ihrer Stirn in unangenehmen Tropfen über ihre Brauen und den Nasenrücken lief. Dann endlich ein überraschter Ausruf, das Klicken des Schlosses und da stand sie, ihre Tochter.

Mama?! Um Himmels willen Wie hast du diese Koffer bloß hierher geschleppt? Und warum? Warum hast du nicht vorher angerufen?

Großgewachsen, gebräunt, mit einem unangenehm überraschten Gesichtsausdruck so empfing sie ihre eigene Tochter Katrin, die Hilde seit über einem Jahr nicht mehr gesehen hatte. Wann sollte Katrin denn auch zu ihnen, den Alten, kommen? Keine Zeit! Also hatte Hilde sich, getrieben von berechtigter Sorge, zu der langen Reise entschlossen.

Wie ich sie gepackt habe, so habe ich sie auch getragen, Katrinchen, antwortete sie auf eine der Fragen. Ich komme ja nicht mit leeren Händen

Ruckartig zog sie beide Taschen über die Schwelle. Katrin half nicht vielleicht war sie zu überrascht. Doch dann beugte sie sich hinab, griff nach einem der Griffe und zog die Tasche beiseite, um Platz zu machen.

Meine Güte, hast du etwa ein ganzes Schwein da rein gestopft?

Ihre Stimme war glatt wie polierter Stein ohne Freude, nur Verwirrung und Ärger. Sie umarmte ihre Mutter nicht, warf nur einen hilflosen Blick auf das zweite Gepäckstück: einen altmodischen, prall gefüllten Koffer auf Rollen, der mitten im Parkettboden stand wie ein fehlplatziertes Relikt aus vergangener Zeit.

Hilde machte einen kleinen Schritt nach vorn. Ihre Finger, zitternd von der Anstrengung, nestelten verlegen an dem Gürtel ihres Mantels.

Entschuldige, Katrinchen Ich habe ein paar Sachen mitgebracht. Marmelade für unseren Ben, Ajvar, wie du ihn magst. Alles aus unserem Garten, dein Vater und ich Ihre Stimme stockte noch von der körperlichen Anstrengung und klang schuldbewusst.

Katrin seufzte tief, voller müder Vorahnung von Komplikationen. Ihr Blick wanderte vom Koffer zur Mutter: zu ihrem zerknitterten Kleid, dem schief sitzenden Kopftuch, den winzigen Schweißperlen auf der Oberlippe.

Ohne eine Einladung abzuwarten, setzte Hilde sich auf den nächsten weißen Lederschemel. Sie saß aufrecht, altmodisch, die abgearbeiteten Hände auf den Knien gefaltet. Die Reise hatte sie völlig erschöpft. Der Zug war achtundzwanzig Stunden unterwegs gewesen, dann noch die U-Bahn mit diesem sperrigen Koffer, der ständig in den Drehkreuzen stecken blieb.

Aber wie sollte sie ohne kommen? Sie war nie mit leeren Händen zu ihrer Tochter gefahren. Niemals. Und schon gar nicht jetzt, nach über einem Jahr.

Hast du etwa deine Nummer geändert?, hauchte Hilde und sah sich um. Ich habe vier Tage lang angerufen, aber es hieß nur Teilnehmer nicht erreichbar. Dein Vater hatte am zweiten Tag schon Bluthochdruck, am dritten war ich selbst ein Nervenbündel das Herz rutschte mir in die Hose, wenn ich dachte, was hier passiert sein könnte Sie winkte ab, als wolle sie die Erinnerung an die Sorgen vertreiben. Aber dann! Am vierten Tag immer noch keine Verbindung da dachte ich, jetzt reichts, ich kaufe ein Ticket. Drei Tage später war ich hier, und du warst immer noch nicht erreichbar. Unsere Seelen litten, und dann diese ewige Fahrt nach Berlin Was ist mit deinem Telefon? Wie kannst du deinen alten Eltern so etwas antun? Wir sind schon über siebzig, hast du das vergessen? Und ich schleppe mich hierher mit diesen Taschen.

Katrin wandte den Blick ab. Ihr sonst so selbstsicheres, gebräuntes Gesicht überzog eine leichte Röte. Sie strich sich über ihren perfekten Pferdeschwanz, glättete eine nicht vorhandene Strähne.

Ach, Mama, alles ist gut. Ich habe nur die Nummer gewechselt, Stress, vergessen, dir Bescheid zu sagen, plapperte sie schnell, die letzten Worte verschluckend.

Und Bens Nummer ging auch nicht.

Die habe ich auch geändert. Wir haben den Anbieter gewechselt.

Auf dem harten, unbequemen Schemel sitzend, betrachtete Hilde unwillkürlich ihre Tochter. Katrinchen Die Jüngste, die Langersehnte, die Erbetene. Nach zwei wilden Jungs endlich ein Mädchen, in das sie ihre ganze Seele gelegt hatten.

Die Gedanken wanderten wie immer zu den Söhnen. Der Älteste, Jonas, war weit weg, in Amerika. Vor Jahren wegen der Arbeit ausgewandert. Seltene Anrufe, nur zu Feiertagen. Dort waren ihre Enkel geboren, die Hilde nur von Fotos auf dem Handy kannte. Manchmal versuchte sie, sich ihre Stimmen vorzustellen, ihr Lachen aber ihre Fantasie weigerte sich, klare Bilder zu zeichnen. Zu weit weg.

Mama, warum bist du so still? Fühlst du dich nicht gut?, fragte Katrin besorgt und riss sie aus den traurigen Gedanken.

Nein, Kindchen, ich denke nur nach. Erhole mich von der Reise. Hilde lächelte schwach. Wie gehts unserem Ben? Alles friedlich bei euch?

Er ist beim Fußball, kommt gleich. Willst du nicht ins Wohnzimmer?

Gleich, gleich, lass mich kurz verschnaufen. Bring mir etwas Wasser.

Mit gemessenen Schritten ging Katrin in die Küche, und Hilde hatte noch einen Moment für Erinnerungen. Der mittlere Sohn, Tobias, lebte in der Stadt, nicht weit von ihnen in Dresden, aber sie sahen sich selten. Mit seiner Frau Nadine hatte es von Anfang an nicht gepasst. Die junge Frau war scharfzüngig, direkt. Hilde hatte sich Mühe gegeben: sie strickte Kleider für die Enkelinnen, backte ihre Lieblingskuchen mit Äpfeln, brachte Eingemachtes mit. Doch sie spürte es war nie genug. Entweder war das Kleid nicht modern genug oder der Kuchen zu ländlich. Sie hatte nicht gestritten, nicht gemeckert. Sie schluckte die Kränkungen, lächelte und betete nur, dass Tobias mit ihr glücklich war.

Doch um Katrin machte sie sich am meisten Sorgen. Vor neun Jahren hatten sie sie mit Stefan verheiratet, einem guten, fleißigen Jungen aus dem Nachbarort. Es hätte ein schönes Leben werden können doch nach Bens Geburt ging plötzlich alles schief. Sie kam mit dem Baby zurück ins Elternhaus, und bald darauf, den Einjährigen bei ihnen und Karl zurücklassend, stürmte sie in die Hauptstadt um zu studieren und zu arbeiten. Sie sagte, sie ersticke auf dem Land.

Und wie geht es Ben überhaupt? Sicher schon groß geworden, fragte Hilde leise, nach einem Schluck Wasser, und ihr Herz zog sich zusammen vor bekannter, schmerzender Sehnsucht.

Katrins Gesicht wurde weicher.

Riesig, Mama. Ganz der Große. Sein Trainer lobt ihn. Nur

Sie verstummte, drehte sich weg, als wollte sie die Vase auf der Kommode zurechtrücken.

Nur fragt er manchmal noch, wann wir zu Oma Hilde und Opa Karl aufs Land fahren. Vor allem, wenn er traurig ist oder krank. Er sagt, bei euch riecht es nach Äpfeln und Kuchen, und hier stinkt es nach Autos.

Hilde schloss die Augen. Sie erinnerte sich an jede Nacht, in der Ben, schon in der Stadt bei der Mutter, ins Telefon weinte und nach Hause wollte zu ihr. Jetzt weinte er nicht mehr. Sie erinnerte sich, wie ihr Karl damals schweigend auf der Veranda rauchte und verstohlen eine tränen

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Homy
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Du bist hier fehl am Platz, Mama…
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