Lass mich dir von dem Privatleben meines Bruders erzählen. Er war etwa ein Jahr lang mit einem Mädchen namens Anneliese zusammen. Sie war wunderschön, stets gepflegt und unterhaltsam im Gespräch. Sie verstand sich mit fast allen, und auch ich habe mit ihr Freundschaft geschlossen. Wir verbrachten viel Zeit gemeinsam, gingen zusammen einkaufen und genossen Kaffee und Kuchen in den Cafés von München.
Anneliese war wirklich beeindruckend, sie hatte viele Freunde und Bekannte und arbeitete in einer renommierten Werbeagentur. Sie fuhr einen eigenen BMW und war immer modisch gekleidet. Als Familie hofften wir, dass mein Bruder Anneliese heiraten würde und sie für immer zusammenbleiben würden. Doch das Leben verläuft selten nach Plan. Nach einiger Zeit trennten sich mein Bruder und Anneliese, und auch unser Kontakt zu ihr brach ab. Es war offensichtlich, dass unsere Freundschaft zu ihr vorbei war.
Weniger als einen Monat danach stellte uns mein Bruder seine neue Freundin vor. Sie hieß Gertrud, und sie verkündeten schon bald ihre Hochzeitspläne. Gertrud war das völlige Gegenteil von Anneliese ruhig, schminkte sich kaum, trug schlichte Jeans und ein einfaches Oberteil. Sie war so zurückhaltend, dass sie bei unseren Treffen meist still mit leerem Teller und Gabel am Tisch saß. Wir waren ehrlich überrascht, da wir glaubten, dass mein Bruder lebhafte und gesellschaftliche Frauen bevorzugt.
Meine Mutter war mit Gertrud anfangs unzufrieden. Sie fand es schwierig, mit ihr zu sprechen, da Gertrud eher schweigsam war und dadurch eine gewisse Unsicherheit entstand. Außerdem hatte sie kein Universitätsstudium abgeschlossen, was meine Eltern als Nachteil betrachteten. Hinzu kam, dass Gertruds Familie sehr bescheiden auf dem Land lebte, was meine Mutter ebenfalls kritisch sah. Sie konnte es sich nicht verkneifen, Gertruds Kleidung zu bemängeln, da sie ihrer Meinung nach zu altbacken für ihr Alter sei.
Mein Bruder hörte sich die Meinung meiner Mutter zwar an, blieb jedoch fest bei seiner Entscheidung. Er stellte klar, dass er, wenn wir Gertrud nicht akzeptieren würden, mit ihr zusammenziehen würde, statt weiter bei uns zu wohnen. Trotz aller Einwände heirateten mein Bruder und Gertrud standesamtlich in München und führen nun ein harmonisches Eheleben. Mit der Zeit taute Gertrud in unserer Familie auf, ihr Zuhause ist blitzsauber und sie hat immer etwas Leckeres im Kühlschrank. Am Ende sah auch meine Mutter ein, wie sehr Gertrud ihren Sohn liebt, und nahm sie wie eine eigene Tochter auf.
Kürzlich begegnete ich zufällig Anneliese in der Innenstadt. Sie kam auf mich zu und fragte, wie es uns allen ginge. Sie liebt es immer noch, shoppen zu gehen, gönnt sich teure Kleidung und denkt kaum an die Zukunft. Vergleiche ich beide Schwiegertöchter heute miteinander, wird mir klar, dass Gertrud die bessere Wahl für meinen Bruder ist. Anneliese scheint sehr auf Äußerlichkeiten bedacht, während Gertrud Herzlichkeit und Bodenständigkeit ausstrahlt. Ich bin dankbar, dass sich alles so entwickelt hat, auch wenn ich heute bedauere, Gertrud anfangs nicht akzeptiert zu haben.
Letztlich hat sich alles zum Guten gewendet. Gertrud erwartet nun ein Kind, und als Familie freuen wir uns schon auf den Familienzuwachs.
Was ich daraus gelernt habe? Man sollte einen Menschen nicht voreilig beurteilen. Nicht Äußeres oder Herkunft zählen, sondern Herz und Charakter das ist das, was wirklich verbindet.





