Nachdem meine Eltern in Rente gegangen sind, wurde das Zusammenleben mit ihnen zum Albtraum, weil mir klar wurde, wie wenig ich die Menschen kannte, mit denen ich meine Wohnung teilte.

Da ich das einzige Kind in der Familie war, sind mein Mann und ich, nachdem wir geheiratet hatten, zu meinen Eltern nach München gezogen. Anfangs war alles wunderbar harmonisch wir lebten friedlich zusammen, Uneinigkeiten gab es höchstens über unterschiedliche Methoden, Kartoffeln zu schälen. Jeder half im Haushalt, so wie es eben die eigene Freizeit zuließ. Die inoffizielle Familienregel war: Wer gerade Zeit findet, schnappt sich eine Aufgabe und fertig. Streitereien mit meiner Mutter über Kleinigkeiten? Fehlanzeige. Wenn ich das Abendessen zauberte, übernahm sie das Spülen. Räumte ich auf, kümmerte sie sich um unsere kleine Tochter Greta. Irgendwie kam jeder zu seinem Recht. Doch dann kam der Tag, an dem beide Elternrentenbescheid in der Hand hielten und plötzlich wurde alles anders.

Die Rente brachte eine erstaunliche Kehrtwende. Meine Eltern waren quasi von heute auf morgen im Sabbatmodus. Mein Vater versenkt sich seither mit beängstigender Ausdauer in Schachpartien mit seinen Kumpels im Hinterhof, während meine Mutter ihre ganze Energie wahlweise in das Umarrangieren von Hortensien oder das Gespräch mit dem Nachbarn steckt Hauptsache draußen im Garten.

Im Haus allerdings Fehlanzeige. Meiner Mutter gelingt es, sämtliche Haushaltspflichten geflissentlich zu ignorieren, ja nicht einmal ein paar benutzte Teller werden zur Kenntnis genommen. Ich komme nach einem langen Tag nach Hause, erwarte Brotdose und Gurkenscheiben, doch stattdessen erwartet mich ein Stapel Geschirr am Spülbecken, leere Kühlschrankregale und eine Wohnung, die lebt zumindest, was das Staubaufkommen angeht. Da überkommt mich die Melancholie. Wo fängt man denn da an? Es ist ja nicht so, dass ich zu faul wäre, aber auch jemand, der arbeitet, hat ab und an ein Recht auf Erschöpfung, oder?

Wären es meine Schwiegereltern, wäre es mir irgendwie peinlicher. Aber bei den eigenen Eltern? Vermutlich halten sie mich mittlerweile für eine entfernte Bekanntschaft auf Durchreise, so gleichgültig scheinen sie meiner Müdigkeit gegenüber. Ich habe das Gespräch gesucht, aber meine Mutter winkte nur ab: Sie sei durch mit Haushaltspflichten das sei jetzt nicht mehr ihr Zirkus, und die Affen solle jemand anderes dressieren. Gespräch beendet.

Ich bemühe mich, ihre Sichtweise zu verstehen, und trotzdem frustriert mich das Verhalten meiner Eltern immer mehr. Ich bin doch auch nur ein Mensch und will am Abend nicht im Geschirrmeer untergehen. Wie kann man den ganzen Tag zu Hause sein und nichts tun, außer Blumen zu begutachten oder Bauer Schorsch Nachrichten zu erzählen? Ich weiß wirklich nicht weiter. Sollte ich meiner Mutter noch eine Ansprache halten? Oder wäre es klüger, über einen Umzug nachzudenken? Vielleicht wäre ein eigenes Nest die Lösung dann könnten meine Eltern mit ihren Rentenkönigreichen machen, was sie möchten, und mein Mann und ich würden im eigenen Zuhause endlich mal wieder den Kühlschrank füllen (und vielleicht auch die Spülmaschine einschalten), wie es zu uns passt.

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Homy
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