Ich verstehe einfach nicht, wie ich solche Kinder großziehen konnte

Es ist nun schon über ein Jahr her, dass ich allein zurückgeblieben bin. Nach der Beerdigung meines Mannes brauchte ich einige Zeit, um mich zu fassen und zu verstehen, dass mit der Einsamkeit noch ein weiterer Kummer zu mir gekommen war. Das Geld wurde so knapp, dass es schon fast beängstigend war. Ich lebte schon immer sehr sparsam, gönnte mir nie irgendeinen Luxus, aber dennoch gab es immer wieder unvorhergesehene Ausgaben, besonders für Medikamente und Arztrechnungen.

Mein Mann und ich haben zwei Kinder großgezogen. Wir haben beide stets versucht, sie zu unterstützen, gaben ihnen alles, was wir konnten. Vieles von dem, was wir uns im Haushalt leisteten, kam schlussendlich auch den Familien unserer Kinder zugute nicht selten auf unsere Kosten. Wie viel mir das Schicksal noch zugedacht hat, weiß ich nicht, aber es steht fest: Meine Wohnung wird eines Tages an meinen Sohn und meine Tochter übergehen, sofern ich es nicht anders in meinem Testament festlege aber das ist nicht meine Absicht. Beide sind gebildete Menschen, sie wissen genau, welchen Wert Immobilien heutzutage haben und wie attraktiv ein Erbe ist.

Mehr als einmal habe ich versucht, meinen Kindern durch die Blume zu sagen, dass es mir finanziell nicht gut geht. Würden sie wenigstens die stetig steigenden Nebenkosten übernehmen, müsste ich mir bis zur nächsten Rente keine Sorgen ums Geld machen. Meine Tochter, Leonie, stellte sich taub, als ich vorsichtig das Thema ansprach, und bei meinem Sohn, Julius, verwaltet die Schwiegertochter das gesamte Haushaltsgeld da verhallten Andeutungen schnell ohne Antwort.

Ich weiß ungefähr, was beide verdienen, und ich freue mich ja für sie, dass sie sich Autos leisten können, in den Urlaub fliegen. Die Enkelkinder, Marie und Friedrich, bekommen immer mehr als genug Taschengeld, und wenn ich sehe, wie locker sie Beträge ausgeben, die meiner gesamten monatlichen Rente entsprechen, frage ich mich manchmal, ob wir wirklich so gleichgültige Kinder erzogen haben, dass sie mich in dieser Notlage gar nicht sehen wollen. Mein Mann und ich waren ihnen doch immer Vorbild und haben unsere Eltern regelmäßig mit Tüten voller Lebensmittel besucht, ihnen Medikamente besorgt oder Arztkosten übernommen.

Vor Kurzem riet mir meine Freundin Hildegard, einfach ohne viel Aufhebens bei einem der Kinder einzuziehen und meine eigene Wohnung zu vermieten. Sie selbst spielt mit dem Gedanken, genauso zu handeln. Mir wäre eine solche Lösung zu radikal, aber vielleicht bleibt mir am Ende nichts anderes übrig, wenn es beim nächsten Gespräch mit meinen Kindern wieder keine Einsicht gibt. Von meiner kleinen gesetzlichen Rente kann ich einfach nicht leben und sämtliche Ersparnisse sind längst für meine Kinder draufgegangenAn einem verregneten Nachmittag, während der Wind an den Fensterläden rüttelte, fasste ich mir ein Herz. Ich zog meinen Mantel an und nahm den alten, abgewetzten Regenschirm vom Haken, stapfte durch Pfützen und klingelte bei Leonie. Sie war überrascht, mich zu sehen, und ließ mich in die warme, nach Apfelkuchen duftende Küche. Ich setzte mich, wartete, bis sie sich zu mir setzte, und legte meine Karten auf den Tisch. Wort für Wort, nicht beschönigend, nicht bittend einfach ehrlich. Ich erklärte ihr meine Situation, erzählte von den Ängsten, den schlaflosen Nächten, dem Unbehagen, immer weniger sein zu müssen, um nicht zur Last zu fallen.

Leonie schwieg lange. Dann stiegen ihr Tränen in die Augen. “Mama, ich habe immer gedacht, du willst uns nichts zumuten, immer so stark… Ich habe gar nicht gemerkt, wie sehr du Hilfe brauchst.” Sie umarmte mich zum ersten Mal seit Monaten so fest, dass ich fast keine Luft bekam. Am selben Abend standen Julius und seine Familie auch vor meiner Tür, mit Einkaufstüten, Umarmungen und Rührung. Offenbar hatte Leonie direkt nach unserem Gespräch den Bruder angerufen, um alles zu erklären.

Wir einigten uns darauf, dass sie gemeinsam einen Dauerauftrag für meine Nebenkosten einrichten und mir künftig einmal pro Woche beim Einkaufen helfen. Marie und Friedrich kamen abwechselnd zu Besuch und spielten Dame mit mir oder halfen bei Dingen, für die meine Hände nicht mehr geschmeidig genug waren. Schließlich fand ich sogar Freude daran, sie öfter um etwas zu bitten kleine Hilfeleistungen, die sie mit Stolz erfüllten.

Es dauerte nicht lang, bis mir auffiel, wie lebendig das Haus wieder war, wenn Stimmen durch die Zimmer flogen und gemeinsam gelacht wurde. Die Einsamkeit verlor ihren Schrecken. Und jeden Monat blieb ein kleiner Rest von der Rente übrig, genug für einen Blumenstrauß oder einen warmen Muffin beim Bäcker.

Manchmal denke ich an meinen verstorbenen Mann. Dann lächle ich und stelle mir vor, wie er auf unserer alten Holzbank sitzt, die Augen blinzelnd im Sonnenlicht und dass er mit leiser Stimme sagt: “So haben wir es doch immer gewollt. Für die Familie da sein und jetzt sind sie wieder für dich da.”

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Homy
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Verstehen und Loslassen (Kurzgeschichte)