Ich war fünf Jahre alt, aber dieser Tag bleibt mir bis heute im Gedächtnis, als wäre er gestern gewesen. Mein Vater hatte damals einige Nachrichten auf dem Handy meiner Mutter gelesen. In den Zeilen an ihre Freundin gestand sie, dass sie noch immer gelegentlich ihren wohlhabenden Bekannten traf. Mein Vater verdiente zu der Zeit kaum genug, um Dinge zu kaufen, die weder er noch wir Kinder wirklich brauchten, doch es war meiner Mutter wichtig, dass es der Familie an nichts fehlte. Trotzdem war es zu wenig.
“Wie konntest du es wagen, einfach durch mein Handy zu schnüffeln?!” schrie meine Mutter, getreu dem alten Sprichwort: Angriff ist die beste Verteidigung. “Dein Gehalt reicht doch hinten und vorne nicht. Denkst du, das Essen steht einfach so im Regal?” “Der Fernseher gehört mir!” brüllte mein Vater. “Er gehört uns beiden!” “Ja,” gab mein Vater zurück, “du hast recht. Und der Fernseher, das Fleisch, und… und Georg. Ich nehme alles mit.” Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, mitten im Streitfeld zu stehen, aus der Zuschauerrolle herausgerissen und auf einmal Teilnehmer dieses Dramas zu sein. “Du nimmst doch nicht Georg mit, um Himmels willen!” rief meine Mutter.
Mein Vater hat mich damals wirklich mitgenommen. Was hätte meine Mutter auch tun sollen, wollte sie sich doch nicht mit einem Mann um mich streiten. Papa ging mit mir in den Garten, hob mich hoch, fütterte mich liebevoll und spielte mit mir. Schon vor diesem Tag verbrachte er mehr Zeit mit mir als meine Mutter. Es war Winter, ich stand dick eingepackt vor meiner Mutter und sagte in meiner kindlichen Stimme: “Wein nicht, Mama, ich komm dich bald besuchen!” Sie drückte mich fest, während mein Vater mir mit einem Blick zeigte, dass es Zeit zum Gehen war. Im Türrahmen rief er meiner Mutter zu: “Wir sehen uns vor Gericht!” Vielleicht haben sich die Wege meiner Eltern danach sogar zum Guten gewendet. Kurz nach der Trennung lernte meine Mutter einen anderen kennen und lebte eine Weile wie befreit, vergaß mich fast ganz. Auch mein Vater blieb nicht lange allein, sondern fand in Alexandra, der Tochter eines wohlhabenden Geschäftsmanns, eine neue Gefährtin. Ab und zu verbrachte ich ein paar Tage bei meiner Mutter, aber zwischen meinen Eltern herrschte Funkstille. Mein Vater hat ihr nie verziehen.
Als ich 14 Jahre alt war, veränderte sich vieles auf einmal. Meine Mutter wurde schwanger, und mein Vater kam ins Gefängnis. Er war auf dem Heimweg von der Arbeit in eine Prügelei geraten, und schließlich wurde ihm die gesamte Verantwortung auferlegt. Nach der Verurteilung sagte er beim Abschied nur: “Haltet zusammen.” Alexandra und ich mussten lange mit dieser Situation leben und hielten fest zusammen.
Dann geschah eines Tages etwas Unvergessliches: Es klingelte an der Haustür. Alexandra war gerade dabei, uns das Abendessen zuzubereiten, also öffnete ich. Davor stand meine Mutter: “Zieh dich an, du kommst mit nach Hause.” “Georg, wer ist da?” rief Alexandra in die Diele. “Ich hole meinen Sohn ab”, rief meine Mutter zurück. Alexandra legte vorsichtig ihre Hand auf die Schulter meiner Mutter und wollte sie hereinbitten, doch diese schüttelte die Hand ab und fuhr barsch fort: “Pass auf, ich bin schwanger.” Ich wusste, wie sehr das Alexandra traf sie konnte keine Kinder bekommen, eine offene Wunde. Trotzdem lächelte sie tapfer und bat meine Mutter herein. Sie setzten sich in die Küche, während ich mich in mein Zimmer zurückzog.
“Versteh doch, Monika, Georg ist mein einziger Halt. Er ist der Einzige, der mich jetzt noch versteht. Ohne ihn bin ich allein. Ihr habt doch alles, ich will ihn bei mir haben, solange sein Vater weg ist”, flehte meine Mutter schließlich. Mir wurde der Druck zu viel. “Ihr zerreißt mich doch wie ein Leib Brot. Hat jemand daran gedacht, wie ich das sehe? Habt ihr mich überhaupt gefragt, wo ich bleiben will?” “Sehr erwachsen, ein Kind mit Tränen zu erpressen,” sagte Alexandra leise. “Ich bin kein kleines Kind mehr. Mama, ich bleibe bei Alexandra. Du hast schon alles, und wir haben nur noch uns. Ich gehe hier zur Schule, meine Freunde leben in der Nähe. Es tut mir leid, aber meine Entscheidung steht fest.” Es war das erste Mal, dass ich so mit meiner Mutter sprach nicht als Kind, sondern als junger Mann.
Ich begleitete meine Mutter zur Bushaltestelle. Während wir warteten, fragte ich sie: “Und wie läufts mit deinem Adam? Seht ihr euch noch?” “Tja, wir können ja nicht verhungern, oder?” Wir lachten, ich drückte meine tollpatschige Mutter ein letztes Mal, und wir gingen unserer Wege.
Zu Hause kümmerte ich mich um Alexandra. Vor uns lag ein langer Weg voller Herausforderungen. Das Warten war nie einfach und dennoch hielten wir durch.





