TANTE
Tante Ursula wurde aus dem Dorf gebracht. Die alte Frau tat sich schwer damit, den Bauernhof allein zu bewirtschaften. Deshalb holte ihre Nichte Annalena sie zu sich nach München.
Ihr Ehemann Karl hatte nichts dagegen. Er war ein stiller, schmächtiger Mann, trug eine Brille und folgte seiner temperamentvollen, kräftig gebauten Annalena in allem ohne Widerspruch.
Sie ist doch Familie. Tante eben. Sie hat keine eigenen Kinder, und ich habe meine Mutter nicht mehr. Meine Mutter war dreißig Jahre jünger als Tante Ursula, sie kam aus einer anderen Beziehung meines Vaters. Ach, es musste einfach so kommen meine Mutter ist so früh gegangen Mir tut die Tante so leid. Wir nehmen sie zu uns!, entschied Annalena.
Ihre Kinder, Konstantin und Luzia, kannten die fremde Tante nicht.
Eigentlich hatte auch Annalena selbst Ursula nur ein paar Mal gesehen. Sie telefonierten nie, schrieben gelegentlich Briefe. Moderne Technik war Tante Ursula fremd, wie sich schnell herausstellte.
Und nun stand sie, klein wie ein Wicht (Konstantin war mit seinen dreizehn Jahren schon größer), mit zartem dandeliongleichem Haar und einer kleinen Pillbox-Hut auf dem Kopf, vor ihnen und diese Augen: klar, jung, leuchtend blau.
In ihren Händen ein Knotenbeutel und ein Netz, wie sie zu DDR-Zeiten üblich waren, zwei alte Koffer.
Auf dem Arm: ein flauschiger, rotgetigerter Kater. Der schaute die Wohnungseigentümer träge an, sprang auf den Boden und begann, sein neues Reich zu erkunden.
Das ist Apfelsine. Den habe ich mitgenommen. Lebendige Seele nehmts mir nicht übel, sagte Tante Ursula und fügte hinzu: Ach, was seid ihr groß geworden! Meine Familie!
Dann gab es ein Festessen. Die alte Dame hatte selbst Eingemachtes und Marmelade mitgebracht. Annalena war verblüfft, wie ihre normalerweise mäkeligen Kinder Marmelade, Essiggurken, Letscho und anderes verschlangen.
Anna! Habt ihr einen Schrebergarten? Ich pflanze alles an, auch wenn meine Gesundheit nicht mehr die beste ist aber ohne Eigenes gehts nicht!, erklärte Tante Ursula.
Annalena meinte, einen Garten hätten sie nicht. Wozu denn? Man könne alles kaufen, die Zeit fehle ohnehin. Sie arbeitete doppelt, Karl ebenso, die Kinder sahen sie meist nur kurz. Und die Wohnung war noch längst nicht abbezahlt.
Garten muss sein. Schau nicht so, Anna. Ein Mensch braucht Erde unter den Füßen! Wir finden ein Grundstück!, und Tante Ursula ging in ihr Zimmer.
Sicher. Wir müssen uns ständig einschränken, und Tante glaubt, wir sind Millionäre!, schimpfte Annalena beim Abwasch.
Am nächsten Tag war Sonntag. Karl lag entspannt im Bett und las die Süddeutsche. Annalena rief den Kindern zu, sie sollten Fertiggerichte aufwärmen, und wollte selbst noch ein bisschen ruhen.
Konstantin und die achtjährige Luzia vertieften sich wie gewohnt in ihre Handys.
Kater Apfelsine saß daneben und schüttelte den Kopf. Tante Ursula betrat den Raum.
Was macht ihr denn?, fragte sie.
Die Kinder fingen an, zu erklären und vorzuführen. Tante Ursula schüttelte nur den Kopf. Und meinte schließlich:
So was sah ich im Dorf auch schon. Nicht ganz so modern, aber einfacher. Ich hatte selber so was nie Briefe schreiben liegt mir näher, eurer Mutter habe ich so immer geschrieben. Aber praktisch ist es ja, man findet jeden überall. Schönes Gerät, nützlich. So, legt es weg und kommt mit mir!
Wieso? Wir spielen gerade!, widersprach Konstantin.
Was heißt denn spielen? Ihr sitzt doch nur und redet mit niemandem!, wunderte sich Ursula.
Wir spielen drinnen, in den Handys!, piepste Luzia.
Tante Ursula erzählte von ihren Kindheitsspielen im Dorf und lockte die Kinder in die Küche.
Als Annalena in die Küche kam, stand da ein Teller mit Pfannkuchen. Glücklich trank Konstantin Tee, Luzia wickelte, stehend neben der Tante, kleine Maultaschen.
Guck, Mama! Wer Glück hat, bekommt einen besonderen!, lächelte Luzia.
Dann kam Karl dazu und sog freudig den Duft ein.
Ab jetzt machen wir am Wochenende Maultaschen und Pfannkuchen gemeinsam. Alles selber!, verkündete Ursula.
Aber das lohnt sich doch kaum, man kann alles kaufen, wandte Annalena ein, die das Kochen hasste.
Bisher gab es meist Tiefkühl- und Fertigwaren. Niemand hatte sich beschwert bis heute.
Nee, Mama. Lass uns selber machen. Solche Maultaschen habe ich noch nie gegessen!, sagte Konstantin.
Ursula nahm dann ein Wollknäuel, spannte es um die Stühle und zeigte Luzia, wie man im Dorf Gummihüpfen spielte.
Wie, ihr spielt so gar nicht?, fragte sie.
Ach was! Selbst wenn sie rausgehen, gucken sie gleich wieder ins Handy! Modernes Zeugs!, grummelte Karl.
So geht das nicht! Man muss miteinander reden, nicht nur anrufen oder Nachrichten schicken. Das Handy ist hilfreich, aber für den Zweck. Das wars!, erklärte Ursula.
Abends strickte sie, Apfelsine lag entspannt im Sessel.
Mama, komm mal!, zog Luzia eines Tages Annalena in den Flur, dann ins Bad.
Tante Ursula streichelte die Waschmaschine und sagte: Alles Gute zum Weltfrauentag, liebe Waschmaschine! Bleib uns treu und fit!
Tante Ursula, was machst du da?, flüsterte Annalena, unsicher, ob die alte Dame verrückt geworden war.
Na, heute ist der 8. März. Die Waschmaschine ist ein Mädchen, das muss man beglückwünschen!, lachte Ursula.
Aber das ist doch kein Lebewesen! Unsinn!, schnaubte Annalena.
Technik versteht alles, sage sowas nicht. Bei uns im Dorf hat der Bauer seinen Traktor einmal fast festgefahren, hat ihn freundlich aufgemuntert und geschafft, ihn rauszuziehen. Oder mein Nachbar Kosmas ruft seine Petra das ist sein Wagen , immer vor dem Losfahren. Ihr seid so glücklich! Früher mussten wir die Wäsche von Hand waschen und zum Fluss bringen. Und jetzt, schaut, wie praktisch alles ist! Handy ist nützlich, wenn man es richtig nutzt; man weiß immer, wo die Kinder sind. Waschmaschine putzt alles. Mikrowelle wärmt herrlich. Das ist doch alles wunderbar!, freute sich Ursula und blickte wie ein Kind umher.
Sie holte die Kinder auch von der Schule ab.
Konstantin hatte im Unterricht mal Schwierigkeiten. Den Eltern erzählte er nichts. Während er zu Hause in der Ecke weinte, trat Tante Ursula entschlossen ins Zimmer. Er erzählte ihr alles, ohne zu wissen, wie.
Am nächsten Tag fehlte er zu den ersten zwei Stunden, etwas war anders zu Hause. Ursula war nirgends zu hören.
Sie ist sicher spazieren gegangen, dachte Konstantin, machte sich fertig und hielt vor dem Klassenzimmer. Da hörte er einen bekannten Ton: Ursula redete vorne vor der Klasse, die Lehrerin ließ sie erzählen.
Oje! Warum ist sie hier? Jetzt lachen sie sicher!, drückte sich Konstantin an die Tür.
Aber niemand lachte. Nach der Stunde umringten die Mitschüler Tante Ursula. Konstantin trat schüchtern ein. Der Streithahn Peter kam ihm entgegen.
Hey, warum warst du heute so spät? Deine Oma ist der Hammer! Sie hat uns so viel erzählt. Ich hab keine Oma mehr, vermiss sie sehr Morgen gehen wir zusammen in den Park, sie zeigt uns die Pflanzen und Tiere! Sie erzählt so spannend! Die Lehrerin hat sie auftreten lassen, grinste Peter.
Ja Sie ist toll!, lachte Konstantin und rannte zu Ursula, um sie zu umarmen.
Annalena brach abends in Tränen aus. Die Last war zu groß, alles wurde ihr zu viel. Schnell war Ursula wieder da.
Nicht weinen, mein Schatz. Warum denn? Du hast doch alles! Worüber klagst du?
Ich kann nicht mehr! Ich arbeite viel, aber lebe nicht. Karl ist so ein stiller Typ. Andere haben echte Männer! Und ich bin einfach nichts Besonderes. Solche wie ich sind nicht mehr gefragt, weinte Annalena an Ursulas Schulter.
Ursula ließ sie sich ausweinen, kochte Tee und erzählte. Wie sie, noch bevor ihre Kinder groß wurden, drei verloren hatte; wie ihr schöner, starker Mann früh starb; wie sie mit einer schweren Krankheit kämpfen musste, kaum essen konnte und fast daran zerbrach.
Was für eine Mode auf Menschen! Jeder ist wie Gott ihn schuf. Manche sind zart und schlank, andere kräftig. Früher waren gerade füllige Frauen begehrt! Du bist doch toll! Locken, blaue Augen und eine schöne Figur. Schätze das, was du hast. Viele haben weniger und sind einsam! Und Karl liebt dich, tut alles für die Familie. Die Kinder ein Geschenk! Der Rest regelt sich. Ich hab noch was vergessen, nun ab ins Bett!, und Ursula ging, ließ Annalena in der Küche zurück.
Plötzlich war ihr das Weinen peinlich. Recht hatte Ursula. Alles hatte sie doch.
An einem Tag wartete Annalena wie gewohnt auf Karl (sie hatte endlich Urlaub). Doch er blieb weg.
Kinder! Habt ihr vom Vater gehört? Wo seid ihr?, fragte sie.
Konstantin rührte Teig. Ihn packte neuer Ehrgeiz fürs Kochen; er konnte Pfannkuchen mittlerweile perfekt wenden.
Luzia baute aus Stühlen ein Haus, hing Decken auf und setzte die Stofftiere hinein.
Ihre Handys lagen auf dem Regal, wurden nur für Anrufe benutzt.
Annalena versuchte wieder und wieder Karl zu erreichen. Der Teilnehmer ist vorübergehend nicht erreichbar, ertönte die Stimme.
Plötzlich ergriff sie Panik. Ursula! Wo ist sie? Kein Schlurfen, keine Stimme.
Sie rannte ins Zimmer der Tante. Kater Apfelsine streckte sich.
Konstantin! Luzia! Wo ist Tante Ursula?, keuchte Annalena.
Die Kinder kamen sofort. Wir sind mit ihr von der Schule gekommen, dann ist sie weggegangen, flüsterte Luzia.
Wann, Luzia, wann?, rief Annalena. Luzia nickte und begann zu weinen.
Ach du meine Güte! Wir haben ihr doch ein Handy gekauft. Aber sie nimmt es nie mit. Wie soll ich sie finden? Sie ist doch so alt!, Annalena sank kraftlos auf den Sessel.
Konstantin zog schnelle seine Jacke an.
Wohin gehst du?, lief sie ihm hinterher.
Suchen! Mama, wir schaffen das nicht ohne sie!, rief der Sohn und stürmte die Treppe hinab.
Luzia schlüpfte in ihre Sneakers und folgte.
Annalena zog sich im Laufen an, rannte den Kindern hinterher.
Sie standen am Haus, glücklich.
Was ist los?, fragte Annalena.
Die Kinder wiesen nach links.
Von dort kam Ursula, Arm in Arm mit Karl, Hut mit Mohnblumen auf dem Kopf.
Tante! Du hast uns erschreckt! Einfach für Stunden weg! Und du wo warst du?, fiel Annalena ihrem Mann um den Hals.
Wir haben etwas für dich erledigt die Baufinanzierung!, strahlte Ursula.
Wie? Was?, brachte Annalena hervor.
Wir wollten dich überraschen! Ursula ist großartig, hat uns gerettet!, lachte Karl.
Tante Woher hast du das Geld? Das war doch nicht nötig, begann Annalena.
Woher? Ich habe gespart. Meine Rente ist gut, den Haushalt habe ich fast alles selbst gehabt. Eier, Milch, Brot alles selbst gemacht. Außerdem das alte Haus verkauft. Was brauche ich noch? In den Sarg nimmt man nichts mit. Ich wollte es euch sowieso hinterlassen. Dann gleich, das ist besser, sagte Ursula schlicht.
Annalena schwieg. Keine doppelten Jobs mehr. Mehr Zeit für Familie. Wie schön!
Morgen fahren wir raus, zum Garten schauen! Karl und ich haben schon einen kleinen Garten ausgewählt!, fuhr Ursula fort.
Ein eigenes Häuschen! Hurra! Schrebergarten! Du hast versprochen, uns Glühwürmchen zu zeigen und Körbchen zu flechten und Geheimnisse aus bunten Gläsern mit Blumen zu machen, die man im Garten vergräbt und wieder ausgräbt, jubelten die Kinder und umarmten Ursula.
Gemeinsam gingen sie nach Hause, Arm in Arm.
Annalena blieb einen Moment am Haus stehen, blickte zum Himmel und flüsterte:
Danke. Danke für Tante Ursula.Ein leichter Wind bewegte den Mohn im Hut von Tante Ursula, als sie mit der Familie in die warme Wohnung trat. Apfelsine sprang ihnen entgegen und strich um ihre Füße. Die Kinder lachten, Karl drückte Annalena an sich. Ein Duft von frisch gebackenem Brot zog durch den Flur.
In diesem Moment war Annalena klar: Es war nicht das große Geld, das sie glücklich machte. Nicht der Garten, nicht das Haus. Es waren die Geschichten, das gemeinsame Kochen, die lachenden Kinder, der Kater, der sich zufrieden schnurrend auf den Teppich legte und am allermeisten die Tante, die sie alle zusammengebracht hatte.
Kommt, wir setzen uns!, meinte Ursula, und alle folgten ihr.
Sie saßen um den Küchentisch, das Licht in der Dämmerung fiel goldgelb auf ihre Gesichter. Annalena griff nach ihrer Hand, und Ursula erwiderte den Druck, ihre blauen Augen voller Wärme. Die Kinder erzählten von ihren Plänen für den Garten, Karl plante einen Grill, Luzia wollte ein Blumenbeet, Konstantin ein Baumhaus bauen.
Später am Abend, während draußen der Regen leise gegen die Scheiben klopfte und Apfelsine am Fenster saß, spürte Annalena ein Gefühl von Geborgenheit, das ihr nie jemand schenken konnte bis jetzt. Sie sah in die Runde, und wusste: Von nun an war Familie nicht nur Pflicht, sondern Freude.
Das Handy vibrierte auf dem Regal; Annalena ignorierte es, lächelte und schenkte sich Tee ein.
In diesem kleinen Moment, voller Lachen und Licht, wusste sie, dass das Leben sie beschenkt hatte mit einer Tante, die ihre Welt neu erblühen ließ. Und im warmen Licht der Küche hörte sie Ursula leise sagen:
Glück wächst dort, wo Menschen einander brauchen und nah sind. Und manchmal braucht es nur eine Tante, damit alles wieder blüht.
Annalena strich ihrer Tante durchs Haar, und draußen brach die Sonne durch die Wolken.
Das Glück blieb wie Apfelsine auf dem Teppich und das kleine Funkeln in Tante Ursulas Augen.




