Während die Friseurin mein Haar schnitt, ergab sich eine Unterhaltung, die für mich eine große Bedeutung gewann. Seit Langem überlegte ich, ob ich meine Tochter auf eine Musikschule schicken sollte. Die zwei größten Bedenken waren der Kauf eines Klaviers und die volle Verantwortung, die auf meinen Schultern lasten würde sie zu den Unterrichtsstunden zu bringen und sie zu unterstützen. Auf der anderen Seite hatte mein Kind den starken Wunsch, Musik zu spielen.
Im Verlauf dieses Gesprächs erzählte mir die Friseurin ihre eigene Geschichte: Ich wurde in einer kleinen Stadt geboren. Schon als Kind habe ich leidenschaftlich gern gesungen, und jede Gelegenheit genutzt, um zu üben im Chor, in Jugendgruppen und sogar mit den Musiklehrern in der Schule. Ich habe mich der Musik gewidmet und Klavierspielen gelernt. Von Anfang an wusste ich, dass Musik meine Berufung war. Wer mich singen hörte, erkannte sofort mein Talent.
Doch in unserer Stadt gab es keine ernsthafte musikalische Ausbildung. Eines Tages, als ich etwa neun Jahre alt war und noch die Grundschule besuchte, kam eine Gruppe von Leuten in unsere Klasse. Sie baten uns, zu klatschen und wählten dann einige Kinder aus, um vor der Klasse zu singen. Drei von uns, darunter auch ich, wurden schließlich in den Musikraum eingeladen. Wir mussten abwechselnd am Klavier sitzen und Melodien nachspielen, die uns vorgespielt wurden. Klatschen, Noten erraten. Es vergingen mehrere Monate, und ich hätte die Erfahrung fast vergessen. Doch irgendwann entdeckte meine Mutter im Briefkasten einen Umschlag, auf dem in kräftigen roten Buchstaben BEWERBUNG stand. Ich war das einzige Kind aus unserer Schule, das an die angesehene Musikschule in Berlin eingeladen wurde.
Die Schule übernahm sämtliche Kosten, ohne von uns einen einzigen Cent zu verlangen. Allerdings stieß der Umzug nach Berlin auf den entschiedenen Widerstand meiner Eltern. Sie lehnten es kategorisch ab, besonders weil es eine Fortsetzung meiner musikalischen Karriere bedeutete. Meine Eltern arbeiteten in einer Fabrik, waren stolz auf ihre Arbeit und sahen darin eine richtige Beschäftigung. Sie rieten mir, meine Fantasien hinter mir zu lassen und einen sicheren Beruf einzuschlagen. Ein Jahr lang erhielt ich alle zwei Monate Einladungen, dann hörten sie plötzlich auf. In diesem Moment wurde mir klar, dass etwas in mir kaputtgegangen war mein Wunsch zu singen war verschwunden, die Vorstellung, zur Musikschule zu gehen, hatte ihren Zauber verloren.
Aber ein Hoffnungsschimmer tauchte auf zu meinem vierzehnten Geburtstag. Der Leiter und Komponist der Band suchte eine neue Sängerin. Er brauchte ein junges Mädchen, und von vielen Bewerberinnen wurde ich ausgewählt. Ich spürte erneut, wie sich die Flügel der Möglichkeiten hinter mir entfalteten mein Talent war nicht verloren! Leider konnte ich nur zwei oder drei Proben machen, bevor meine Eltern davon erfuhren und mir verboten, noch weiter mit ihnen herumzulaufen. Sie äußerten Sorgen über deren Absichten. Das bedeutete das Ende meiner musikalischen Träume.
Später hörte ich auf zu lernen, schloss mich einer lockeren Freundegruppe an und begann zu rauchen und zu trinken wie es bei uns in der Kleinstadt scheinbar normal war. Viele in meiner Umgebung taten das. Nach Abschluss der neunten Klasse wurde ich zwar am Gymnasium angenommen, aber mein Leben rutschte weiter ab. Bis heute bewahrt meine Mutter jede einzelne Einladung in ihrem Erinnerungsalbum auf. Oft holt sie sie hervor, liest sie wieder und legt sie zurück.
Heute habe ich eines gelernt: Die Wünsche unserer Kinder sind manchmal stärker als unsere eigenen Ängste. Wir sollten ihre Leidenschaft fördern und nicht aus falscher Sorge für Sicherheit den Weg versperren.




