Kleine Alltagsdinge
Damals, als ich jung war, hörte ich nicht auf die Ratschläge meiner Eltern und heiratete meinen geliebten Sebastian, einen ernsten jungen Mann. Sebastian wurde von seiner Großmutter Gertrud Oma Trude, wie er sie seit Kindertagen nannte großgezogen. Seine Eltern waren früh verstorben, als er gerade einmal zwei Jahre alt war, deshalb konnte er sich nicht wirklich an sie erinnern.
Als ich Sebastian damals meinen Eltern vorstellte, war meine Mutter Helga Wimmer wenig begeistert allerdings zeigte sie ihre Meinung erst, nachdem er gegangen war.
Franziska, nicht für ihn haben wir dich erzogen! Du studierst im dritten Semester an der Uni was für ein Mann, was für eine Hochzeit? Und den Sebastian will ich nicht als Schwiegersohn. Was soll aus dir werden? Er arbeitet in einer Kfz-Werkstattein Schrauber Merk dir das: wenn du diesen Schritt gehst, helfe ich dir nicht.
Mama, ich heirate Sebastian trotzdem, das weißt du doch, entgegnete ich mein Vater hielt wie immer still und war bemüht, zwischen seiner Frau und mir Neutralität zu wahren. Außerdem ich bin schwanger.
Unsere Hochzeit war kein rauschendes Fest, obwohl Helga und mein Vater durchaus gut situiert waren. Helga wollte nicht groß feiern. Hätte ich den Sohn ihrer Freundin geheiratet aber ich war zu eigenwillig.
Sie wird mit ihrem Mechaniker leben wie in Armut und dann zurückkommen. Im Moment denkt sie noch an Liebe und Romantik, sagte sie zu meinem Vater. Sie ist ja sogar aus dem Haus ausgezogen, zu seiner Oma. Sie meinte, sie will nicht, dass ich den Schwiegersohn demütige. Und dass sie ein Kind erwartet, das freut mich überhaupt nicht.
Meine Eltern wohnten in einer großen Wohnung in München, und ich kannte den Komfort und das Geld, war ihr einziges Kind. Doch ich zog mit Sebastian zu Oma Trude, die in ihrem Haus in einem Dorf lebte, etwa sieben Kilometer vom Stadtrand entfernt.
Mit der Zeit kam unsere Tochter zur Welt. Oma Trude half, brachte mir alles bei, stand nachts selbst auf, wenn die kleine Johanna weinte. Ich ging wieder an die Uni und versuchte, eine gute Ehefrau und Mutter zu sein, was jedoch nicht immer gelang die Müdigkeit war groß. Jeden Morgen musste ich früh raus, zum Bus laufen und nach München fahren, dort nochmals umsteigen bis zur Universität.
Nach einem langen Tag kam ich müde zurück; Oma Trude und Johanna empfingen mich am Gartenzaun das Kind wartete sehnsüchtig auf die Mutter. Später kehrte Sebastian heim, meist erst spät, nahm Johanna in die Arme und drehte sie im Kreis. Er liebte seine beiden Mädels über alles. Manchmal hätte ich gerne Zeit für Sebastian gehabt, doch er kam immer auf dem letzten Bus, hungrig und erschöpft.
Die Verteidigung meiner Abschlussarbeit rückte näher. Immer öfter dachte ich daran, zurück zu meinen Eltern in die bequeme Wohnung zu gehen die Fahrzeit wäre kürzer. Aber Helga war beleidigt, rief nie an und kümmerte sich nicht um ihre Enkelin.
Sebastian hatte einen älteren Bruder, Anton, der schon lange verheiratet war und mit Frau und Sohn in einer eigenen Wohnung in der Stadt lebte, sie selbst gekauft, viel auf Montage gewesen. Aber das Familienleben lief nicht zufriedenstellend; seine Frau, Marlene, stellte immer größere Forderungen.
Anton hat angerufen, berichtete Sebastian. Er ist von Marlene weg, ständige Streitereien; jetzt wohnt er zur Miete.
Wie kann das sein! sorgte sich Oma Trude. Hat selbst die Wohnung gekauft und geht selbst fort?
Oma, Anton hat sich wie ein Mann verhalten ließ alles seiner Frau und seinem Sohn, verteidigte Sebastian den Bruder.
Einmal erzählte ich Sebastian, wie mich dieser chaotische Lebensrhythmus belastet täglich zwei Busse zum Studium. Ich sagte nicht direkt, dass ich einen Umzug zu meinen Eltern meinte. Immerhin hatte ich mich freiwillig für ein eigenes Leben mit Sebastian und gegen die Unterstützung entschieden.
Ich bin müde, Sebastian immer an den Bus gebunden, lange Wege, viele Haltestellen Kaum schaffe ich das.
Sebastian hörte zu und gab mir einen Kuss auf die Wange.
Ich hab eine Idee, meinte er geheimnisvoll. Ein Überraschung. Sag ich später Ich hatte keine Kraft, nachzufragen.
Einige Tage später hielt abends vor unserem Haus ein Auto.
Ob meine Eltern gekommen sind? dachte ich. Doch das Auto war alt und fremd. Nein, das ist nicht ihre Art so ein Schrott.
Draußen sah ich, wie Sebastian ausstieg voller Stolz.
Na, wie gefällt dir unsere Schöne?
Das das ist ein Auto? Woher hast du das?
Gekauft, sagte Sebastian. Von den Euro, die wir fürs Haus gespart haben.
Mir tat das Geld fast weh wir hatten es für die Anzahlung auf eine Wohnung zurückgelegt. Nun würde unser Dorfleben noch länger weitergehen.
Sebastian lobte das Auto.
Habs selbst repariert sie fährt, komm, ich fahre dich! Noch lackieren dann ist sie wie neu. Du musst nicht mehr mit den Bussen herumirren das ist doch was! Und günstig war sie auch.
Die Fahrt war tatsächlich besser als erwartet, aber ich war dennoch besorgt, das Auto könnte auseinanderfallen. Zuhause bei Oma Trude mit Johanna am Gartentor drehte Sebastian die Kleine herum, ich aber ging eilig ins Haus, trat über die Schwelle, und Tränen strömten. Es war alles zu viel.
Ach, Franziska, was ist denn, mein Kind? hörte ich Oma Trude sorgenvoll. Was hat dich so aus der Bahn geworfen?
Er hat all unser Geld, das wir für die Wohnung gespart haben, für diesen Schrott ausgegeben Wir wollten doch eine Wohnung. Und er
Beruhige dich, mein Herz, sagte Oma Trude und umarmte mich. Du bist die Beste und Klügste du bist nur müde, darum weinst du. Das sind doch alles kleine Alltagsdinge, solange alle gesund sind und sich lieben das zählt. Geld ist nebensächlich. Wichtig ist Liebe und Verständnis.
Oma Trudes Worte ließen mich zur Ruhe kommen. Und dann schämte ich mich fast ein wenig für meine Reaktion. Ich trat hinaus zum Haus, wo Sebastian auf der Treppe saß. Neben ihm sprang unser zotteliger Hund Johanna jagte spielend hinter ihm her. Leise setzte ich mich neben Sebastian.
Warum hast du nicht mit mir gesprochen, Sebastian? fragte ich.
Wollte dich überraschen Dachte, es würde dich freuen
Ich blickte in seine Augen und sah dort so viel unausgesprochene Traurigkeit. Plötzlich verstand ich alles: Er liebt mich, und kaufte das Auto, um mir den Weg zur Uni zu erleichtern, um für mich zu sorgen. Er hatte die Lösung für mein Problem gesucht. Er ahnte nicht, dass ich eigentlich etwas anderes gemeint hatte.
Na gut, Sebastian, Auto ist Auto, erwiderte ich versöhnlich. Aber versprich mir, in Zukunft immer mit mir zu beraten.
Abgemacht, sagte er lächelnd. Du weißt ja, ich habe immer alles selbst entschieden Entschuldige, künftig entscheiden wir gemeinsam.
Richtig so. Das sind alles kleine Alltagsdinge, wiederholte ich bedeutungsvoll Oma Trudes Worte. Hauptsache wir sind zusammen, und unsere Tochter ist wunderbar.
Oma Trude blickte aus dem Fenster, zufrieden, und dachte:
So eine Familienszene die erste von vielen. Wie soll das anders sein? Es wird noch viele geben. Hauptsache, sie verstehen und lieben sich. Dass Franziska und Sebastian sich lieben, daran habe ich nie gezweifelt Wie zwei Täubchen sie haben sich wieder vertragen. Sie machte das Kreuzzeichen und lächelte.
Sebastian lackierte das Auto, Oma Trude nähte neue Bezüge zwar war das Auto schon einiges gewohnt, aber bald saß ich auf dem Beifahrersitz neben Sebastian auf dem Weg in die Stadt.
Ich wollte meine Eltern nicht um Hilfe bitten.
Mit der Zeit wurde Johanna älter es wurde Zeit für den Kindergarten, Oma Trude brauchte schon ihre Ruhe. Ich schloss mein Studium ab, bekam eine Stelle in München. Sebastian arbeitete weiter bis spät, versuchte für die Familie zu sorgen. Wieder erhob sich das Thema Wohnung in der Stadt. Das Geld für die Anzahlung reichte noch nicht, meine Eltern wollte ich nicht um Hilfe bitten. Helga sprach nach wie vor nicht mit mir oder mit Johanna.
Doch überraschend kam Hilfe, von wo man es nicht erwartet hätte. An einem Wochenende bellte der Hund laut im Hof. Ich dachte, es sei die Nachbarin, die manchmal frische Milch für Johanna brachte.
Anton! rief Sebastian begeistert, als er den Bruder sah, und stürmte aus dem Haus. Servus, Bruder! Woher kommst du?
Grüß dich, Sebastian! sagten sie und umarmten sich fest beide waren sichtbar erfreut. Neugierig schaute Johanna aus der Tür.
Ach, meine Nichte! So eine Hübsche! rief Anton, Komm, ich hab dir was mitgebracht.
Aus einer großen Tasche holte er einen Plüschhasen mit langen Ohren und einer Schleife. Johanna nahm ihn freudig, betrachtete den bunten Schal und rannte voller Begeisterung zu Oma Trude.
Oma Trude und ich begrüßten Anton herzlich.
Lange nicht gesehen, Anton wie geht es dir? fragte Trude, während sie schon Tee einschenkte.
Alles gut, antwortete er strahlend. Marlene und ich sind geschieden sie hat einen anderen und ist mit ihm ins Umland gezogen. Ich zahle brav Unterhalt. Und das hier, Bruder, sagte Anton und zog einen dicken Umschlag aus seiner Tasche. Ein Hochzeitsgeschenk für euch ich war damals ja auf Montage.
Was ist das? fragte Sebastian vorsichtig.
Geld
Was für Geld?
Für eure Anzahlung auf die Wohnung, erklärte Anton und legte den Umschlag Sebastian in die Hände. Marlene ist ausgezogen, die Wohnung ist frei, ich wohne wieder daheim. Das habe ich gespart wollte eine weitere Wohnung kaufen, konnte meinen Sohn und meine Ex-Frau ja nicht ohne Unterkunft lassen. Seht das als mein Hochzeitsgeschenk.
Am Tisch wurde es erst still dann wurde gemeinsam gelacht und gefeiert.
Danke, Bruder, danke, Anton. Du kommst genau richtig
Mir schossen die Freudentränen in die Augen, Oma Trude umarmte Anton. Die Brüder lagen sich schweigend in den Armen Worte waren unnötig.
Im Herbst zogen Sebastian, Johanna und ich in eine neue Zweizimmerwohnung in München. Johanna ging in einen Kindergarten gleich um die Ecke, die Schule war auch nicht weit wir hatten die Wohnung bewusst in der Nähe gewählt, Johanna würde später selbst zur Schule laufen können.
Sebastian blieb seiner Arbeit in der Kfz-Werkstatt treu. So hat das Leben die junge Familie geprüft. Und Oma Trude hatte recht: Das sind alles nur kleine Alltagsdinge Hauptsache, Liebe und Glück, und alle bleiben gesund.
Danke fürs Lesen, für eure Zuwendung und Unterstützung. Viel Glück und alles Gute euch!




