Der Vater brachte seine Tochter zur Oma und ließ sie am Gartenzaun zurück. 20 Jahre später beschließt der Mann, sich wieder in Erinnerung zu bringen.

Anna konnte sich kaum noch an ihre Eltern erinnern. Als ihre Mutter starb, wollte ihr Vater nicht allein mit dem kleinen Mädchen zurückbleiben. Er brachte Anna zur Großmutter, stellte sie schweigend unter das Gartentor und fuhr davon. Annas Großmutter war gerade im Gemüsegarten und hörte nur das ferne Brummen des Motors.

Wen hat denn da jemand gebracht?, fragte sie sich, während sie neugierig zum Tor eilte.

Als sie hinausging, erkannte sie ihre Enkelin sofort.

Was für eine Unverschämtheit! Wenigstens hätte er mir Bescheid geben können! Mit ruhiger Hand nahm sie Anna und führte sie ins Haus. Am Abend kehrte der Großvater zurück.

Was? Hat Hans sie gebracht?

Ja, er hat sie tatsächlich hergebracht. Hat das Kind am Zaun abgesetzt und ist einfach mit dem Auto verschwunden. Was ist nur aus den jungen Leuten geworden?

Lange redeten die beiden miteinander, bis sie schließlich schweigend zu Bett gingen. Mit den Jahren wuchsen Anna und ihre Großeltern immer enger zusammen.

Sie lehrten ihre Enkelin Achtung vor anderen Menschen und wie man einen ordentlichen Haushalt führt. Anna wurde erwachsen und zur Stütze im Alltag der Großeltern. Sie war ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten und so mussten die beiden oft an ihre verstorbene Tochter denken, die sie so schmerzlich vermissten. Zu Zeiten, in denen ihnen nur noch die Erinnerung blieb, spendete Anna Trost.

Als Anna das Abitur bestande hatte, war es der Großvater, der das Gespräch begann:

Unsere Enkelin ist klug und tüchtig. Ich wünschte, wir könnten ihr ein Studium ermöglichen.

Du hast recht, pflichtete die Großmutter bei. In unserer Zeit kommt man ohne Ausbildung nicht weit.

Die Großeltern kratzten ihre letzten Euro zusammen und schickten Anna in die Stadt nach München um Wirtschaft zu studieren. Sie schloss ihr Studium mit Auszeichnung ab. Doch das Großstadtleben lag ihr nicht.

Anna kehrte ins Dorf zurück. Die Großeltern waren überglücklich. Nun mussten sie das Alter nicht mehr alleine verbringen. Anna wollte das Dorf voranbringen und begann mit der Landwirtschaft. Sie nahm einen Kredit auf, kaufte Land und stellte Leute ein. Nach einiger Zeit baute sie einen Bauernhof und besorgte Vieh.

Da es immer noch an Helfern fehlte, schaltete sie eine Anzeige in der Süddeutschen Zeitung: gutes Gehalt, Unterkunft alles inklusive. Es erschien schließlich ein Mann zerzaust, mit wettergegerbtem Gesicht. Das Leben hatte ihn offensichtlich gezeichnet. Er trat an Anna heran und stellte sich als ihr Vater vor.

Er bat seine Tochter nicht um einen Cent. Nach zwanzig Jahren wusste er, dass er dazu kein Recht mehr hatte. Er hatte nur einen Wunsch: an Annas Seite zu bleiben. Er war einsam geworden und hoffte, seiner Tochter irgendwie helfen zu können. Anna vergab ihrem Vater erst nach ein paar Monaten.

Seitdem lebt er mit seiner Tochter und unterstützt sie, immer in der Angst, wieder allein bleiben zu müssen. War Annas Vergebung wohl die richtige Entscheidung?

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Homy
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Der Vater brachte seine Tochter zur Oma und ließ sie am Gartenzaun zurück. 20 Jahre später beschließt der Mann, sich wieder in Erinnerung zu bringen.
‑Warten Sie, – sagte er.