Seit über zehn Jahren habe ich weder mit meinen Eltern noch mit meiner älteren Schwester gesprochen. Irgendwann habe ich begriffen, dass ich das ungeliebte Kind der Familie war. Das Motto meiner Eltern schien zu sein: Alles für die eine, nichts für die andere. Ulrike, um die es hier geht, war gerade siebzehn, als ihre große Schwester, Gisela, schwanger wurde und heiratete. Tja, und als Gisela achtzehn Jahre alt war, schenkten unsere Eltern ihr eine schicke Zwei-Zimmer-Wohnung. Damals waren sie jung und wohlhabend und hatten keinerlei Skrupel, so ein großzügiges Geschenk zu machen. Sie organisierten sogar die Renovierung und besorgten schicke Möbel vom Feinsten alles hat nur noch nach Katalog gefehlt.
Ulrike dagegen fühlte sich ziemlich benachteiligt und fragte zaghaft: Bekomme ich auch eine Wohnung? Die Reaktion ihrer Eltern? Eiskalt abgewatscht: Du studierst doch noch. Darüber reden wir, sobald du bereit bist, eine eigene Familie zu gründen. Ein paar Jahre weiter, Ulrike war inzwischen zweiundzwanzig und hatte ihr Studium in München abgeschlossen. Sie dachte überhaupt nicht daran, gleich zu heiraten, wollte aber trotzdem endlich unabhängig sein. Als sie das Wohnungsthema erneut ansprach, hatte sich die finanzielle Lage der Familie gerade verschlechtert. Die Firma lief schon lange nicht mehr so wie früher. Wenn wir mal nicht mehr sind, gehört die Wohnung dir, versicherten sie ihr. Die hat sogar drei Zimmer, ist viel mehr wert als die von deiner Schwester. Bis dahin solle Ulrike gefälligst mit den Eltern zusammen wohnen bleiben schließlich müsse später ja auch jemand den Altersdienst übernehmen.
Ulrike dachte sich: Wie bitte kann ich sicherstellen, dass ich die Wohnung wirklich bekomme? Gisela ist schließlich auch Erbin und lässt sich bestimmt nicht ihre Butter vom Brot nehmen. Um Licht ins Dunkel zu bringen, fragte sie bei ihren Eltern nach: Könnte ich die Wohnung wenigstens schon auf meinen Namen umschreiben? Glaubt ihr nicht, dass Gisela auch ihren Anteil beanspruchen will? Sie hat doch schließlich schon ihre eigene Wohnung, wie viel Platz braucht ein Mensch eigentlich? Rückblickend musste Ulrike eingestehen, dass sie die glühende Verehrung ihrer Schwester längst durchschaut hatte. Damals steckte Giselas Ehemann in einer finanziellen Klemme, und trotz knappem Budget wurde die junge Familie immer wieder großzügig von den Eltern unterstützt doch für Ulrike war nie ein Euro übrig.
Zehn Jahre später herrscht immer noch Funkstille. Die Eltern waren beleidigt, als Ulrike vorschlug, das Ganze offiziell zu regeln, und erklärten kategorisch, sie würden niemals Papiere unterschreiben. Damit war das Thema durch, und Ulrike entschied sich, eine Wohnung zu mieten und von nun an alleine in Hamburg zu leben. Die Eltern meldeten sich nie mehr, kein Anruf, keine Postkarte aus dem Schwarzwald. Und so bleibt Ulrike heute nur noch eines: sich selbst auf die Schulter klopfen, dass sie nie auf eine Altbauwohnung als Familienheil gesetzt hat.





