Nach dem Verkauf unseres Schrebergartens kam mein Opa zu Besuch und stellte „seine eigenen Regeln“ auf

Mit dem ersten Frühlingssonnenstrahl kam meine Eltern plötzlich der kühne Gedanke, das alte Wochenendhäuschen im Spreewald zu verkaufen. Sie waren schließlich beide nicht mehr die Jüngsten und der Rücken meldete sich beim Umgraben lauter als die Amseln im Mai. Die Tochter also ich, Annemarie hatte genug damit zu tun, ihre Kinder großzuziehen und im Büro den Chef bei Laune zu halten. Zeit zum Jäten oder Kartoffeln setzen? Fehlanzeige.

Nach langer Bedenkzeit, etlichen Tassen Filterkaffee und einer ganzen Palette Jägermeister zum Mutantrinken sagten die beiden dann doch Ja zum Verkauf. Ich atmete auf: Endlich würden sie mir nicht mehr vorhalten, dass ich lieber in Prenzlauer Berg auf dem Balkon Tomaten ziehe, als knietief im märkischen Lehmboden zu stecken.

Ich hatte meinen Eltern schon länger geraten, das Häuschen zu verkaufen. Stattdessen könnte ich doch ein Stückchen Land vor den Toren Berlins kaufen. Aber bitte kein Nutzgarten das wär ja noch schöner! Ein lauschiges Fleckchen zum Lesen und Grillen sollte reichen. Für meine Eltern war das Wochenendhaus ohnehin meistens nur eine Einmachfabrik mit angeschlossenem Schrebergarten.

Meine Wochenenden mit meinem Mann Martin sahen ohnehin aus wie die S-Bahn am Ostkreuz: vollgepackt und viel zu schnell vorbei. Martin war Softwareentwickler, wurde dauernd zu Notfalleinsätzen gerufen, und ich hatte auch selten eine ruhige Minute. Nach einem Wochenende am alten Haus brauchte man eigentlich extra Urlaub.

Entsprechend erleichtert war ich, als das Haus endlich verkauft war. Einige Jahre lebten wir friedlich und gärtnereifrei bis mir plötzlich der Sinn nach etwas grünem Auslauf stand. Träumen darf man ja. Mein lieber Martin hatte dann auch endlich einen festen 9-to-5-Job gefunden.

Gemeinsam beschlossen wir also, wieder ein Grundstück zu suchen: diesmal aber wirklich zum Entspannen. Die einzigen Gewächse sollten zwei Apfelbäume, ein paar Johannisbeersträucher und viel Rasen fürs Kind sein Vitamine für die Stadtkinder. Meinen Eltern versprachen wir feierlich: Kein Ackern, kein Unkrautziehen! Die Idee fand Zustimmung, nur das passende Häuschen fehlte noch.

Nach einer Odyssee durch die Kleinanzeigen landeten wir bei Opa Ernst, der gleich zwei Dinge nicht mehr hatte: eine Ehefrau und Lust aufs Gärtnern. Das Haus war bezaubernd, das Grundstück überschaubar, der Preis ok perfekt.

Die Formalitäten waren schnell erledigt und ich schwebte auf Wolke sieben: Mein Traumgrün war real! Das Häuschen war so solide, dass an Sanierung erstmal nicht zu denken war. Wir zogen im Sommer ein und taten nichts außer chillen. Und genau das wollten wir.

Doch schon nach der ersten entspannten Woche stand Opa Ernst plötzlich mit seinem klapprigen Drahtesel am Zaun er wolle noch ein paar Sachen holen, sagte er. Kein Problem, meinten wir. Aber dann fing das Genörgel an: Wieso ist der alte Fliederbusch weg? Der war ja tot! Und die Johannisbeere, die fehle ja nun wirklich! Die brauchten wir einfach nicht.

Ernst bestand darauf, den Busch mit seiner Lieselotte vor 30 Jahren gepflanzt zu haben. Und wo bitte sind die Erdbeeren? Zeigten wir aufs hübsche Steingärtchen. Sowas neumodisches Zeug! brummelte er. Ernst steckte die Nase in jeden Winkel und fand überall Anlass zum Meckern.

Irgendwann platzte Martin der Kragen: Wir haben das Grundstück bezahlt, laut Grundbuch gehört es jetzt uns. Wären Sie da anderer Meinung gewesen, hätten wir ja gar nicht gekauft! Opa Ernst schnaubte, zog ab nur, um am nächsten Tag mit einem wilden Brombeerstrauch wieder aufzutauchen, den er unbedingt einpflanzen wollte.

Martin bot ihm sogar an, das ganze Grundstück zurückzukaufen wollte er aber auch wieder nicht. Also setzte er einfach ungefragt seinen Busch. Unsere Nachbarin Brigitte schaute vorbei, wunderte sich und hörte dann für eine halbe Stunde sein Klagelied. Sie stimmte uns zu: Wir dürften auf unserem Flecken Erde machen, was wir wollen. Leider verstand Ernst das nicht.

Brigitte erzählte mir später über den Gartenzaun, dass Opa Ernst sich mit der halben Straße zerstritten hatte, seit seine Frau gestorben war. Ruhe sei mit ihm nicht zu machen, der käme immer wieder; sie habe uns ja warnen wollen, kam aber zu spät. Am besten sollten wir zur Siedlungsleitung gehen.

Während Martin und ich die Lage besprachen, hatte Ernst längst seine Brombeere gepflanzt, ein paar Sachen zusammengesammelt und zog wieder von dannen. Es wurde uns zu bunt: Martin, der als Bauleiter wirklich Entscheidungsfreude besaß, organisierte mit den Kollegen einen massiven Zaun.

Als Opa Ernst das sah, war das Drama groß. Erst fluchte er, dann versuchte er mit dem Rollator durchzubrechen, und am Ende watschelte er zur Siedlungsleitung. Dort kannte man sein Theater schon, versicherte man uns.

Seitdem war er nur noch einmal da um die letzten Sachen zu holen. Die Brombeere aber, die blüht bis heute. Manchmal, wenn wir am Sommerabend vor dem Häuschen sitzen, schenken wir Ihr einen Blick und sagen: Prost, Opa Ernst!Hin und wieder spähen wir verstohlen über die Brombeerhecke und fragen uns, wie es Ernst wohl geht ob er inzwischen Frieden mit seinem alten Leben gemacht hat und vielleicht sogar auf neuen Pfaden wandelt. Unsere Tochter klettert längst auf die morschen Äste des Apfelbaums, und die Brombeeren sie sind süßer als alles, was wir je gegessen haben.

So haben wir am Ende doch noch etwas gelernt: Ein Garten gehört nie nur uns allein. Ein bisschen Geschichte, ein bisschen Herzblut und viele Erinnerungen wachsen immer mit auch wenn man eigentlich nur Ruhe wollte. Und wenn wir irgendwann an lauen Abenden in den Sonnenuntergang schauen, wissen wir: So ein kleines Brombeerwunder macht das Leben erst richtig lecker.

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Homy
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Nach dem Verkauf unseres Schrebergartens kam mein Opa zu Besuch und stellte „seine eigenen Regeln“ auf
Die Fortsetzung der GeschichteAls die Sonne über den verschneiten Schwarzwald aufging, enthüllte der alte Wanderer ein Geheimnis, das das Dorf für immer verändern würde.