Sonntagspapa

Sonntagsvater

Zwischen zwei Sonntagen war Martin einfach nur da. Sechs Tage Leere, dann ein Tag Leben. Aber auch dieser Tag wurde von Anrufen und einem genauen Ablaufplan bestimmt von seiner Exfrau Sabine vor zwei Jahren festgelegt. Von zehn bis sechs. Keine Verspätungen. Kein Fastfood. Keine Geschenke einfach so. Denn er, Martin, war nur eine Funktion. Ein Sonntagsvater.

Seine Tochter Greta wartete vor dem Mehrfamilienhaus mit dem Gesichtsausdruck einer Oberaufseherin. In ihren Augen stand: Du bist zwei Minuten zu spät oder Heute steht Kino auf dem Programm.

Sie gingen ins Kino, in den Stadtpark, ins Café. Sie sprachen über die Schule, Filme, ihre Freundinnen. Nie über Sabine. Und nie darüber, was nach sechs Uhr passiert, wenn Martin Greta zurück nach Hause bringt und Greta, ohne ihn anzusehen, zum Aufzug geht zu ihrer Mutter und ihrem neuen Mann, Thomas.

Thomas war der richtige Papa. Er lebte mit ihnen. Half bei den Hausaufgaben. Fuhr am Wochenende mit Greta zum Familienhaus in Brandenburg. Sie hatte mit ihm gemeinsame Witze, gemeinsame Fotos auf Instagram. Martin schaute sich diese Bilder heimlich an, nachts, und fühlte sich, als würde er sich ein fremdes Leben leihen.

Er versuchte, in seine acht Stunden die ganze Vaterliebe einer Woche zu pressen. Es war schwierig: gezwungen, nicht echt.

Schüchtern fragte er:
Brauchst du irgendwas?
Greta zuckte die Schulter:
Alles da.

Und dieses Alles da tat mehr weh als jeder Vorwurf. Es bedeutete: Ich habe ein Zuhause. Du bist na ja, überflüssig.

***

Alles kippte an einem Dienstag.

Sabine rief an. Ihre Stimme, sonst fest und ruhig, klang müde, zerbrechlich.

Martin Es geht um Greta. Es besteht der Verdacht auf einen Tumor. Bösartig. Sie braucht eine komplizierte OP. Teuer.

Die Welt schrumpfte zur Größe des Telefonhörers. Dann erzählte Sabine von dem Geld. Sie und Thomas hätten Rücklagen, aber das reicht nicht. Sie verkaufen das Auto. Suchen Lösungen. Sabine bat nicht sie informierte, wie eine Partnerin im Unglück.

Martin ließ alles liegen, fuhr sofort ins Krankenhaus. Er sah Greta, klein und verängstigt im Krankenhaus-Schlafanzug. Sein Herz zerbrach.

Daneben saß Thomas auf einem Stuhl. Er hielt Gretas Hand, redete leise mit ihr. Greta schaute ihn an, suchte Halt in seinen Augen.

Martin stand in der Tür, unnötig. Sonntagsvater am Dienstag passt einfach nicht.

Papa grüßte Greta mit einem schwachen Lächeln.

Dieses Papa war wie ein Rettungsring. Martin trat näher, streichelte unbeholfen ihren Kopf:
Alles wird gut, mein Schatz.

Leere, Pflichtworte

Sabine stand am Fenster, schaute hinaus und sagte:
Geld wenn du kannst.

Er konnte.

Sein wertvollstes Stück: eine Sammler-Gitarre eine Gibson von 1972.

Jugendtraum, teuer gekauft.

Er verkaufte sie zum halben Preis, nur schnell. Schickte das Geld Sabine, anonym. Er wollte kein Danke. Greta sollte nicht glauben, dass Liebe Geld ist. Sie könne ruhig denken, Thomas und Mama hätten alles geregelt. Thomas darf Held sein. Martin nicht. Für ihn gibt es nur Pflicht.

***

Die OP war für Donnerstag angesetzt. Mittwochabend ging Martin wieder ins Krankenhaus zuhause hielt er es nicht aus.

Im Zimmer saß Sabine. Thomas war gerade weg. Greta lag mit geschlossenen Augen, aber sie schlief nicht.

Mama, sagte sie leise, bitte den Arzt von heute Morgen sag ihm, er soll keine Witze erzählen. Die sind nicht lustig.

Mach ich, antwortete Sabine.

Und sag Papa Thomas, er soll mir nicht über Geschäftspläne vorlesen. Das ist total langweilig.

Sag ich ihm.

Martin stand hinter dem Vorhang, traute sich nicht hineinzugehen. Er hörte, wie Greta schwieg, dann noch leiser sagte:

Meinen Papa bitte ihn zu kommen. Einfach nur sitzen. Still. Und er soll vorlesen. Wie früher. Der Hobbit.

Martin hielt den Atem an. Sein Herz schlug bis zum Hals.

Wie früher

***

Das war vor der Scheidung. Er las ihr abends vor, wechselte Stimmen von Zwergen und Elfen.

Sabine ging raus, sah Martin im Flur und bedeutete ihm:
Geh rein. Nicht zu lange. Sie braucht Ruhe.

Er setzte sich neben das Bett. Greta öffnete die Augen.
Hallo, Papa.
Hallo, mein Schatz. Der Hobbit?
Ja.

Martin hatte das Buch nicht dabei. Also suchte er den Text auf seinem Handy. Er begann zu lesen.

Leise, monoton, stolperte über Worte, verwechselte Sätze. Verstellte die Stimmen nicht. Einfach lesen. Seine Augen waren wie beschlagen, Buchstaben verschwammen. Er spürte, wie Gretas Hand schwächer wurde in seiner.

Er las vielleicht eine Stunde. Vielleicht zwei. Bis seine Stimme rau wurde. Bis er merkte, dass Greta eingeschlafen war. Er wollte vorsichtig die Hand lösen, aber Greta drückte sie im Schlaf fester.

Da, als er ihr schlafendes, kraftloses Gesicht betrachtete, ließ er zu, was er nie zugelassen hatte. Er beugte sich vor und flüsterte nur die Wände hörten es:

Verzeih mir, mein Mädchen. Für alles. Ich liebe dich so sehr. Bleib stark. Bleib stark für mich. Für deinen Sonntagsvater.

Er wusste nicht, ob sie es hörte. Hoffte, dass nicht.

***

Die OP dauerte lange. Martin saß im Flur, gegenüber von Sabine und Thomas. Sie waren zusammen.

Er allein.

Aber diese Einsamkeit war nicht leer. Sie war erfüllt von stiller Vorlesezeit, von Gretas warmer Hand.

Als die Ärzte kamen und sagten, alles sei gut verlaufen, der Tumor sei gutartig, brach Sabine in Tränen aus und schmiegte sich an Thomas.

Martin ging ans Fenster. Ballte die Hände, um vor Erleichterung nicht loszuschreien.

***

Greta ging es besser. Nach einer Woche wurde sie auf die normale Station verlegt.

Thomas, als richtiger Papa, lief von Arzt zu Arzt, kümmerte sich um alles.

Martin kam jeden Abend. Las vor. Schwieg. Manchmal schauten sie einfach gemeinsam Serien.

Einmal, als Martin gehen wollte, hielt Greta ihn auf.

Papa.
Ich bin da.
Ich weiß, dass du es warst. Das Geld Mama hats nicht gesagt, aber ich hab gehört, wie sie und Thomas streiten. Er wollte seinen Anteil an der Firma verkaufen, Mama hat geschrien, das ginge nicht, du hast schon alles gezahlt, hast deine Gitarre verkauft.

Er sagte nichts.

Warum? fragte sie. Wir wir sind doch nicht zusammen

Ihr seid meine Familie, unterbrach er, das ist keine Frage.

Greta schaute ihn lang an. Dann hielt sie ihm die Hand hin. Darauf lag ein alter, abgenutzter Karten-Lesezeichen aus Pappe. Mit Kinderbuchstaben darauf: Für meinen liebsten Papa von Greta.

Sie hatte ihn vor sieben Jahren gebastelt

Hab ihn in einem alten Buch gefunden, als ich fürs Wochenende nach Hause durfte. Nimm. Damit du keine Seiten verlierst

Martin nahm das Lesezeichen. Die Pappe war noch warm von Gretas Hand.

Papa, sagte sie nochmal, diesmal ganz ernst ganz erwachsen. Du bist nicht nur für Sonntage. Du bist für immer. Verstehst du?

Er konnte nichts sagen. Nur nicken, das Lesezeichen fest in der Faust.

Dann ging er schnell raus in den Flur. Denn Männer selbst Sonntagsväter weinen nicht vor ihren Töchtern

Sie werden verrückt aus Glück und Schmerz, verstecken sich irgendwo und klammern sich an einen Pappkarton aus der Vergangenheit, die plötzlich zur Gegenwart wird.

***

Am nächsten Sonntag kam Martin nicht um zehn, sondern schon um neun. Ging nicht um sechs, sondern blieb länger.

Er und Greta schauten gemeinsam aus dem Fenster auf die ruhige Stadt. Ganz ohne Plan.

Nur, weil er Gretas Papa ist.

Für immer.

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Homy
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