Silvester ein Abend, auf den ich mich dieses Jahr besonders gefreut habe.
Endlich feierten wir ihn nicht mehr zwischen Umzugskartons und Baustellenstaub, sondern in unserer renovierten Wohnung.
Ich hatte den ganzen Tag in der Küche gestanden, voller Vorfreude auf einen festlichen Abend zu zweit mit meinem Mann.
Heute sollte es gebratene Ente mit Orangen geben, dazu Rosmarin etwas, das ich schon lange ausprobieren wollte.
Der Duft war im ganzen Haus zu spüren; es roch so herrlich, dass ich am liebsten nur in der Küche geblieben wäre.
Das Ergebnis war perfekt: goldbraun, aromatisch, einfach wunderschön.
Ich fühlte mich wie eine Chefköchin.
Markus, schau mal!, rief ich meinen Mann aus dem Wohnzimmer.
Er kam, besah sich die Ente und meinte begeistert: Anna, das ist echtes Restaurant-Niveau!
Ich lächelte innerlich.
Endlich mal ein Silvester, wie man es sich im Fernsehen vorstellt, nicht von Sorgen oder Einschränkung geprägt.
Der Tisch war reich gedeckt: Kartoffelsalat und Heringssalat (wie bei Oma), dazu ein griechischer Salat, Brötchen mit Lachs und Kaviar, Käse- und Wurstplatte, Weintrauben, Kiwis.
Auf einem Extratablett lagen noch Frikadellen und Bratkartoffeln Tradition verpflichtet.
Alles war festlich angerichtet, die alten Kristallgläser hatten endlich ihren Auftritt.
Haben wir etwa einen Ballsaal gemietet?, witzelte Markus.
Nein, erwiderte ich ruhig, diesmal gönnen wir uns einfach einen schönen Abend.
Nach dem ganzen Aufwand im letzten Jahr haben wir es verdient. Er legte mir den Arm um die Schultern, und ich spürte dieselbe Dankbarkeit wie er.
Bis dahin war alles perfekt.
Die letzten Jahre hatten wir uns vieles verkniffen, gespart und verzichtet jetzt mussten wir das nicht mehr.
Endlich konnte ich die Feier genießen, ohne zu rechnen oder zu hoffen, dass es reicht.
Um zehn war alles fertig.
Markus und ich zogen uns um, setzten uns zum Tisch, er schenkte Sekt ein.
Auf uns? Auf uns!
Wir stießen an, probierten die ersten Salate, die Ente, alles schmeckte hervorragend.
Ich war stolz und zufrieden, Markus schloss die Augen und meinte: Anna, du bist echt zauberhaft. Genau dafür hatte ich zwei Tage lang gekocht.
Gegen elf klingelte es plötzlich an der Tür.
Wer kommt um diese Zeit noch vorbei?
Markus ging öffnen.
Im Flur stand unsere Nachbarin Katrin mit ihren beiden Jungen, Paul und Tom.
Sie sah erschöpft aus, die Augen gerötet.
Markus, es tut mir leid, dass ich störe, begann sie unsicher.
Kann ich mich kurz bei euch setzen?
Ich weiß nicht, wohin heute Nacht Meine Arbeit hat den Lohn noch nicht überwiesen.
Zu Hause habe ich kein einziges Stück Kuchen für die Kinder, nicht mal Tee.
Die beiden sitzen nur rum und wollen halt auch ein bisschen feiern
Die Jungs standen hinter ihr, dünn, mit alten Pullovern, schauten uns schweigend an.
Ich spürte, dass ich niemanden so kurz vor Mitternacht abweisen konnte.
Kommt herein, sagte Markus, ich rufe Anna.
Als ich die Nachbarn sah, war mir klar: Der gemütliche Abend zu zweit war vorbei.
Hallo, Katrin, Paul, Tom. Katrin wischte sich nervös die Augen.
Verzeih, dass wir so hereinplatzen aber wir haben wirklich niemanden.
Vielleicht wirklich nur zwanzig Minuten? Ich sah die Kinder an, ihre Blicke klebten fast am Küchentisch, wo alles so gut roch.
Setzt euch, sagte ich und atmete tief durch.
Die Jungs staunten: Mama, schau mal, wie viel zu essen! Und den Kaviar darf ich? Der Jüngere griff schon zu.
Nehmt ruhig, sagte ich, etwas reserviert.
Paul nahm sich sofort ein Entenbein und fragte: Frau Anna, darf ich? Noch ehe ich antworten konnte, biss er schon ab.
Tom schlang Brötchen mit Kaviar.
Lecker, Mama, darf ich noch eins?
Katrin hielt die Kinder nicht zurück.
Sie legte ihnen noch mehr auf die Teller: Esst, Jungs, ihr habt ja zu Hause nur Nudeln. Die Jungs aßen hastig, ein Salat nach dem anderen verschwand, Kaviar wurde komplett aufgegessen, dann die Wurst und der Käse.
Innerhalb Minuten waren die Platten leer.
Ich beobachtete das Ganze wie in einem schlechten Traum, während Markus versuchte, die Stimmung zu retten: Ihr habt wirklich einen guten Appetit, Jungs! Niemand reagierte darauf; sie griffen schon zur Ente und den Frikadellen.
Paul fragte nach Brot, ich brachte einen Korb, und sie belegten sich dicke Brote.
Auch Katrin schämte sich nicht, probierte Salate, nahm Ente und Frikadellen.
Sorry, aber Kinder sind hungrig, murmelte sie mit vollem Mund.
Nach zwanzig Minuten war der festliche Tisch fast restlos geplündert: Salate waren weg, die Ente verschwunden, Kaviar, Käse, Wurst und Früchte: alles von den unerwarteten Gästen gegessen.
Ich saß bewegungslos da, unfähig, etwas zu sagen.
Zwei Tage hatte ich gekocht, so viel investiert Zeit, Geld, Liebe.
Ich hatte mir einen besinnlichen Silvesterabend gewünscht.
Nun war alles anders.
Um Viertel vor zwölf stand Katrin auf: Wir gehen dann vielen Dank euch beiden!
Ihr habt uns echt gerettet.
Die Jungs packten sich noch ein Stück Kuchen.
Kann ich das mitnehmen? Ja, nimm ruhig, sagte ich erschöpft, ohne ihn anzusehen.
Sie verabschiedeten sich, die Tür fiel ins Schloss.
Markus und ich standen still in der Küche und schauten auf das, was eben noch wie ein Fest aussah.
Auf den Tellern: nur Krümel, die Schüsseln leer, alle Früchte weg, nur ein paar Mandarinen blieben übrig.
Hast du das gesehen?, fragte ich leise.
Ja, erwiderte Markus genauso leise.
In einer halben Stunde haben sie alles aufgegessen, woran ich zwei Tage gearbeitet habe. Anna Noch nicht mal richtig bedankt.
Sie haben einfach genommen, gekaut und noch mehr verlangt.
Markus hielt mich fest.
Ich weinte nicht, schaute nur auf die leeren Teller und versuchte das Geschehene zu verstehen.
Wir stießen mit dem letzten Sekt an, während die Glocken das neue Jahr einläuteten die Feststimmung war verloren.
Am Neujahrstag räumte ich auf, spülte Berge von Geschirr, sortierte das Wenige, was geblieben war eigentlich waren es keine Reste mehr.
Weißt du, Markus, sagte ich, ich verstehe, dass manche Leute echte Probleme haben.
Aber warum hat Katrin ihre Kinder nicht zurückgehalten?
Warum hat sie nicht gesagt: Genug, Jungs, das ist nicht unseres?
Ich weiß es nicht, zuckte Markus die Schultern.
Vielleicht waren sie wirklich hungrig.
Hungern ist das eine, sagte ich ruhig, aber Gier ist etwas anderes.
Sie haben nicht einfach gegessen.
Sie haben alles aufgesogen, als gäbe es nie wieder etwas.
Markus schwieg, ich fuhr fort: Und Katrin sie tut so arm, aber schiebt den Kindern noch Essen zu: Lasst euch nicht lumpen, statt uns zu fragen, wie wir feiern wollen.
Denkt sie auch an uns?
Was bleibt uns?
Am Abend begegnete ich Katrin im Hausflur.
Sie strahlte: Anna, hallo!
Nochmal ein frohes neues Jahr!
Danke für die Gastfreundschaft gestern!
Ihr zufriedenes Gesicht machte etwas in mir endgültig klar.
Hallo, sagte ich knapp und ging vorbei.
Katrin blickte mir überrascht hinterher.
Ich brachte den Müll runter und kam zurück.
Hast du Katrin getroffen?, fragte Markus.
Ja. Und? Mit ihr rede ich nicht mehr sie soll woanders Hilfe suchen.
Eine Woche verging.
Katrin versuchte mehrmals, Gespräche anzufangen, doch ich reagierte nicht.
Anna, irgendwann reichts doch!, meinte Markus.
Ich bin nicht beleidigt, erwiderte ich ruhig.
Ich habe einfach begriffen: Mitleid ist ein schlechter Ratgeber.
Wir haben geholfen und mussten dafür den Preis zahlen: den zerstörten Tisch und eine zerstörte Stimmung.
Sie haben echt Probleme Markus, sagte ich ernst, Schwierigkeiten rechtfertigen nicht alles.
Man muss trotzdem an andere denken.
Sie hätten um ein bisschen Tee oder etwas Brot bitten können aber sie haben alles leer gemacht und nicht einmal aufrichtig Danke gesagt.
Markus seufzte schwer.
Es war sinnlos zu streiten.
Ein Monat verging.
Das Verhältnis zu Katrin blieb distanziert.
Ich grüßte kurz, manchmal ignorierte ich sie.
Katrin erzählte anderen, ich sei zu fein geworden, aber das war mir egal.
Dieses Silvester werde ich nie vergessen: leere Teller, satte Gesichter und so eine tiefe Leere in mir.
Für mich steht fest: Nie wieder lasse ich Menschen ins Haus, die Gastfreundschaft nur als Gelegenheit zum Abgreifen sehen.




