Fünf Jahre lang glaubte sie, mit ihrem Ehepartner zu leben – doch dann stellte sich heraus, dass sie mit ihrer Mutter verheiratet ist

Hannelore stammt aus einem kleinen Örtchen irgendwo im Schwarzwald dort, wo die Kuckucksuhren lauter ticken als die Herzen. Und dort traf sie auch Cupidos Pfeil, ziemlich direkt, denn sie verliebte sich in Alexander, und er ja, im Schwabenland liebt man wohl auch ganz ordentlich sie ebenso. Gemeinsam schmiedeten sie große Pläne: Sie würden ihr kleines Heimatdorf verlassen und das Abenteuer suchen: ab nach Berlin! Die Eltern bekamen eine halbwegs überzeugende Erklärung: Sie müssten Geld verdienen schließlich, für die Hochzeit und das Festgelage. Tatsächlich gingen sie arbeiten, brav und fleißig, wie man es in Deutschland eben macht. Doch zum Schluss beschlossen sie, dass das Hochzeitsgeld doch besser in die Baufinanzierung fließen sollte.

Sie waren das Berliner Jungvolk leid, das zur eigenen Hochzeit in Turnschuhen und Jeans erscheint, das nur Geldgeschenke akzeptiert und statt eines Festes lieber ein Stehbuffet veranstaltet oder sogar eine Zoom-Konferenz daraus macht. Und die Geschenke? Natüüüürlich gleich in einen Kredit für die Eigentumswohnung investiert.

So machten es auch Hannelore und Alexander. Die Mütter aber herzliche Damen vom Lande ließen es sich nicht nehmen, im heimatlichen Gemeindehaus einen kleinen Empfang auszurichten. In Berlin hatten die beiden kaum Freunde, aber das war auch nicht weiter relevant. Ich erzähle das alles nur, damit du dir ein Bild von den beiden Eheleuten machen kannst und ahnst, was für Charaktere das sind…

Fünf Jahre sind vergangen seit der Trauung. Kinder? Ach, lass mal, erstmal gemeinsam den Immobilienkredit tilgen! Hannelores Mutter temperamentvoll und resolut hatte ihre Tochter alleine großgezogen und erinnerte sie bei jedem Telefonat daran, dass sie jederzeit bereit für Enkelkinder sei. Hannelore wusste aber genau: Würde sie mit ihrer Mutter zusammen wohnen, gingen sie und Alex schnell getrennte Wege. Kein Grund zur Eile also ließen sie das Kinderkriegen ruhig angehen.

Doch eines Tages häuften sich Hannelores kleine Groll-Berge gegenüber ihrem Alex. Früher hatte sie dagegen einfach das Getriebe gewechselt, aber nun… Da rief sie mich an:

Er telefoniert stundenlang mit anderen, aber mit mir nur einmal ‘Hallo’ und ‘Tschüss’… Wenn er heimkommt, habt ihr doch Zeit zum Reden. Nach Feierabend möchte ich einen ruhigen Liebesfilm schauen, aber er glotzt nur schaurige Horrorstreifen an. Wie viele Fernseher habt ihr denn? Heutzutage kann man doch Filme auf dem Laptop mit Kopfhörern anschauen. Aber das ist doch kein Familienleben: nebeneinander sitzen, aber jeder in seiner eigenen Welt. Ganz genau! Ich glaube, Alexander versteht mich einfach nicht! Das ist wirklich ein origineller Vorwurf. Warum lachst du? Schon gut ich höre auf. Hannelore, wann habt ihr richtig schöne gemeinsame Zeit? Im Urlaub oder wenn wir Gäste haben… Dann ist er sehr aufmerksam…

Das Gespräch mit Hannelore zog sich fast eine Stunde. Sie erzählte mir von ihrem Kennenlernen und dass sie damals eine Sensation war die Mädels waren richtig neidisch. Mir wurde klar: Das Problem war, dass Hannelore ein unerfülltes Bedürfnis hatte, anderen zu zeigen, wie toll sie es hatte. Aber in Berlin war niemand da, der beeindruckt werden konnte. Das war Problem Nummer eins, Problem Nummer zwei…

Wie sieht für dich die perfekte Ehe aus, Hannelore? Unbedingt mit Kindern. Klar, über Kinder redet man gern, aber viele Ehepaare brechen danach auseinander Mein Mann sollte sich für meine Stimmung interessieren, für meine Arbeit, für mein Outfit und meine Kochkünste würdigen! Er lobt das gar nicht? Nicht wirklich, er sagt nur “war lecker”, aber das ist mir zu wenig. Stell dir vor: Er kommt heim, du servierst z.B. Kartoffelbrei mit Frikadellen, und er? Er reibt sich die Hände und lächelt. Das IST doch ein Kompliment! Stell dir vor, er würde den Teller wegschieben und mäkeln, er habe keinen Hunger…

Hannelore blieb still, offenbar hatte sie gerade das Grundproblem erkannt. Ihr Groll gegenüber dem Gatten war greifbar, aber worüber sie sich konkret ärgerte, war mir ziemlich klar. Um meine Vermutung zu bestätigen, fragte ich sie nach ihrer Beziehung zur Mutter.

Ich erfuhr: Die Mutter war ein emotionales Kraftpaket. Sie überschüttete Hannelore stets mit Fragen und tröstete sie, falls es mal nicht so lief. Sie machte immer viel Hoffnung.

Man sagt ja, wir heiraten Menschen, die unseren Eltern ähnlich sind oder solche, von denen wir besonders viel Liebe erwarten. Hannelore hatte keinen Vater und kannte das also nur von ihrer Mutter da war es ihr nie bewusst, dass nicht jeder Mensch so expressiv die Emotionen zeigt.

Also sprach ich Hannelore direkt darauf an, dass sie eigentlich seit fünf Jahren mit ihrer Mutter verheiratet sei und von Alexander die gleiche Fürsorge erwartete. Das überraschte sie zunächst, nach kurzem Nachdenken stimmte sie aber zu.

Und wie scheide ich mich von meiner Mutter? Das ist ganz einfach: Immer, wenn wieder ein Groll entsteht, stellst du dir vor, Alexander hat damit gar nichts zu tun: Es ist eigentlich deine fürsorgliche Mutter, die sich um dich kümmert und das kann er nie toppen! Und das wars? Das wars! Und dann wirst du merken, dass der Groll ganz von selbst verschwindet!

Die Baufinanzierung bleibt aber wenigstens verschwinden einige der kleinen Hausmonster!

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Homy
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