**Tagebucheintrag: Die Oma**
Unser kleines Wochenendhaus liegt in einer Siedlung nahe einer beschaulichen Stadt in Bayern. Direkt am Flussufer, zwischen den Häusern von Walter und Tamara, dann kommt das Haus der Oma. Weitere Häuser gibt es natürlich auch, doch die spielen hier keine Rolle.
Walter kaufte das Grundstück vor sieben Jahren. Sofort begann der Baulärm Bagger, Bauarbeiter, Kies, Pfähle, Fundament. Bis zum Herbst stand ein stattliches Anwesen: Haus, Brunnen, Sommerküche, Schuppen, Garage. Walter war überall dabei, schuftete, schwitzte, kommandierte. Die Bayern sind geduldig. Alle wussten: Hier baut sich einer was auf, kein Provisorium. Nur die Oma nicht. Jeden Tag ihr Gebrüll.
Morgens kam der Bus aus der Stadt. Und wer stieg immer als Erste aus? Die Oma. Niemand nannte sie anders. Sie hastete in ihrem grauen Kittel, schwarzem Kopftuch und abgetragenen Schuhen zum Haus, eine abgewetzte Tasche und einen Wasserkanister in der Hand. Aus dem Fluss trank keiner das Wasser war brackig. Manche hatten Brunnen, doch das Wasser roch nach Schwefel. Nur für den Garten. Walter hatte eine Pumpe.
Aber zurück zur Oma. Kaum da, ging das Geschrei los: Der Bagger stank nach Diesel, die Bauarbeiter waren zu laut, Walters Haus war zu hoch und nahm ihr die Sonne für die Erdbeeren. Sie fand immer was. Und was Walter nicht alles war! Ein Unmensch, ein Drecksack, ein Arschloch ihre Schimpftiraden kannten kein Ende.
Walter baute weiter, ignorierte sie meist. Doch manchmal, bei einer Zigarette am Zaun, brummte er:
*”Oma, du bist wie eine Bremse an einem heißen Tag entweder du saugst mich aus, oder ich muss dich erschlagen.”*
*”Bedroh mich nur weiter, du Mistkerl!”*, kreischte sie. *”Ich zünde deine Bruchbude an! Baron Schnösel will mir Angst machen!”*
Mein Sommer war natürlich ruiniert. Ich mied den Ort.
Jahre vergingen. Mit Walter verstanden wir uns, er hatte zwei Leidenschaften: Deutschrock und Tomaten! Seine Gewächshaus-Rituale waren legendär neuer Boden, Dünger nach Plan, Infrarotlampen. Und er redete mit den Pflanzen, als wären es Kinder. Ein harter Kerl im Job, aber bei Tomaten ganz zart.
Die Oma hasste seinen Musikgeschmack. Kein BAP, kein PUR, kein Udo Lindenberg! Jeden Abend ihr Gezeter. Walter kochte innerlich, trank einen Schnaps, schaltete die Musik aus und verschwand.
Dann kam das Hochwasser. Wochenlang Regen. Der Fluss schwoll an, riss Zäune, Hütten, Bäume mit. Die Leute flohen. Walter wollte auch, doch er sah die Oma noch im Garten.
*”Fahr ohne mich, du Satan! Ich bring mein Zeug aufs Dach. Meins bleibt hier!”*
Eine Woche später kehrten wir zurück. Walter war außer sich er hatte das Gewächshaus nicht geöffnet! Doch es war bewässert, die Türen standen offen.
*”Wer war das?”*, fragte er.
*”Nur die Oma blieb.”*
*”Unsinn! Die hasst mich!”*
*”Trotzdem nur sie.”*
Am nächsten Tag schleppte die Oma Eimer Wasser. Ihr Pumpensystem war weg. Sie strauchelte, fiel, fluchte nicht einmal. Walter verschwand, kam mit Rohren zurück. Nachts verlegte er eine Leitung zu ihrem Grundstück.
Wochen später lud er mich zu Tomaten und Grillfleisch ein. Plötzlich klopfte es die Oma! Doch anders: ordentliches Kleid, Sandalen, ein Lächeln.
*”Darf ich?”*
*”Klar, Maria!”*, sagte Walter.
Wir saßen lange. Sie erzählte von ihrer Kindheit im Heim, den Jahren bei der Bahn, ihren Kindern. Dann sang sie mit Tamara alte Lieder. Walter und ich hörten zu, tranken, lächelten.
*”Walter, Tamara will ins Kurhaus, aber du hast Angst um deine Tomaten. Fahr ruhig ich pass auf.”*
*”Warst du es damals? Beim Hochwasser?”*, fragte ich.
*”Natürlich. So viel Mühe da taten sie mir leid.”* Sie lachte, warf Walter einen Blick zu. *”Die Tomaten!”*
Walter fuhr in den Urlaub. Und seitdem spielte er Deutschrock aber nur von 12 bis 14 Uhr. Für Maria.
**Was ich lernte:** Hinter jedem Grantler steckt eine Geschichte. Und manchmal reicht eine kleine Geste, um Eis zu brechen.





