Mein Vater brachte nach dem Tod meiner Mutter eine neue Frau in unser Zuhause. Lange habe ich sie nicht als „Mama“ bezeichnet, doch sie war dieser Rolle mehr als würdig.

Meine Mutter kämpfte lange gegen den Krebs. Als sie 27 und mein Vater 31 war, verließ sie diese Welt. Unsere Familie bestand aus drei Personen ich war das Nesthäkchen, noch keine zwei Jahre alt. Mein Vater war ganz schön überfordert und musste dringend eine neue Frau finden, eigentlich eher eine Mutter für uns, denn mit zwei kleinen Kindern und einer Katze namens Schnitzel kam er nicht weiter. Ein halbes Jahr später marschierte er zu einer Bekannten und fragte sie, ob sie ihm nicht ihre Tochter geben wolle es klingt seltsam, aber anscheinend war das damals völlig normal. Die Frau segnete ihn ohne großes Palaver, und so zog eine junge Frau unsere neue Mutter, gerade mal 21 bei uns ein. Sie hieß Friedelinde, und mit ihrer Ankunft begann das Chaos, sich in wohliges deutsches Ordnungsschema zu verwandeln. Kaum hatte sie den Staubsauger ergriffen, blitzte das Haus; mit ihrem eigenen ersparten Geld kaufte sie Stoff auf dem Wochenmarkt und nähte uns zwei Schuluniformen, damit wir was Ordentliches zum Anziehen hatten. Die älteren Kinder nannten sie sofort Mama, aber ich nicht. Mein Verhältnis zu diesem Wort war kompliziert, wie beim Versuch, Sauerkraut zum ersten Mal zu essen es braucht Geduld. Ich war spät dran damit, ehrlich gesagt, ganz einfach, weil ich eben nicht der unkomplizierteste Nachwuchs war. Einmal zeigte ich Friedelinde, dass die richtige Mama die Haare immer zu einem tiefen Dutt gebunden hatte. Danach sah man Friedelinde nur noch mit tiefem Dutt.

Mama sagte ich trotzdem nicht, selbst der Dutt half nicht. Mein Vater kam auf eine verschmitzte Idee: Friedelinde buk meinen absoluten Lieblingskuchen Apfelstrudel, natürlich und die ganze Familie versammelte sich am Tisch. Sie stürzten sich auf den Kuchen, und mir wurde der Zugang verwehrt, bis ich Friedelinde Mama nannte. Nach drei Jahren brachte sie ihr erstes, aber insgesamt das vierte Kind zur Welt. Ab da wurde es etwas holpriger für uns. Papa fand keinen Job mehr in seinem Beruf als Tischler und landete auf dem Dorfbauernhof, der, Sie wissen schon, offiziell als Genossenschaftsbetrieb geführt wurde. Mama fing dort auch an. Vier Jahre später kam unser zweites gemeinsames Kind dazu. Friedelinde hat uns niemals unterschieden in ihre und nicht ihre Kinder das war genauso wenig Thema wie Currywurst beim Oktoberfest.

Fünf Jahre später erkrankte auch Friedelinde an derselben Krankheit wie meine erste Mutter. Zu der Zeit studierten die ältesten Kinder schon in München. Mama war im Krankenhaus, und ich besuchte sie täglich. Sie erklärte den Ärzten immer wieder, dass sie nicht krank sein dürfe, da zuhause kleine Kinder auf sie warten. Und sie gewann den Kampf gegen den Krebs was für ein Triumph! Es gab keine Grenzen für unsere Freude; sie hat gelitten, und doch war sie stärker als der Tumor.

Als wir dachten, es ginge endlich aufwärts, begann das Schicksal seine nächste Runde: Die Familie verlor nach und nach die Liebsten. Sechs Monate später wollte der erste gemeinsame Sohn heiraten, und am Vorabend der Hochzeit verschwand er spurlos. Am 36. Tag der Suche wurde er gefunden schließlich beerdigt. Danach zog ich wieder bei meinen Eltern ein; ich konnte Mama nicht allein lassen. Dann starb mein Vater, kurz darauf mein älterer Bruder und später der jüngste Enkel meiner Mutter, der Sohn meiner jüngeren Schwester; die ganze Familie war in einen Unfall verwickelt, aber nur ihr Sohn wurde verletzt. Bis heute fasziniert mich, wie Friedelinde trotz allem die Güte und Wärme bewahrt hat ihre Liebe, ihre Zärtlichkeit, ihr Humor, und ihr legendäres Sauerteigbrot. Sie hat fünf Kinder großgezogen, sorgt für ihre Enkelkinder und hält inzwischen auch zwei Urenkel im Arm. Jeden Morgen steht sie früh auf, putzt das ganze Haus und setzt sich dann mit ihrem Strickzeug an den Küchentisch, um kleine Socken für die Kinder und Enkel zu stricken. Für uns ist es das Schönste, die freien Stunden mit ihr zu verbringen; sie hat immer Geschichten und Ratschläge parat manchmal dreht es sich um Marmeladen, manchmal um das Leben. Ihre Liebe reicht für uns alle, und bei jeder Gelegenheit weiß sie, uns zum Lachen zu bringen.

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Homy
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