Ohne Herz
Brunhilde Gerber kam zurück nach Hause.
Sie war beim Friseur gewesen; trotz ihres respektablen Alters sie wurde kürzlich 68 gönnte sie sich regelmäßig den Besuch bei ihrer Friseurin.
Brunhilde ließ immer Haar und Nägel herrichten, und diese kleinen Rituale gaben ihr neue Kraft und gute Laune.
Bruni, eine Verwandte war da und hat dich gesucht.
Ich habe ihr gesagt, dass du später wieder zu Hause bist.
Sie meinte, sie kommt nochmal vorbei, berichtete ihr Mann, Wilhelm.
Was für eine Verwandte denn?
Ich habe doch gar keine Verwandten mehr.
Irgendeine entfernte Cousine, die irgendetwas will.
Da hättest du ihr sagen können, dass ich nach München ausgewandert bin, erwiderte Brunhilde missmutig.
Warum denn lügen?
Sie sah dir ähnlich, groß und aufrecht, erinnert irgendwie an deine Mutter Gott hab sie selig.
Ich denke nicht, dass sie was von dir will.
Eine sehr gebildete Frau, bestens gekleidet.
Nach etwa vierzig Minuten klingelte die Verwandte an der Tür.
Brunhilde ließ sie selbst herein.
Tatsächlich, sie erinnerte an die verstorbene Mutter elegant gekleidet: ein teurer Mantel, Stiefel, Handschuhe, kleine Diamantohrringe.
Brunhilde kannte sich aus.
Sie bat die Frau an den bereits gedeckten Tisch.
Lassen Sie uns kennenlernen, wenn wir schon verwandt sind.
Ich bin Brunhilde bitte ohne Nachnamen, sehe, wir sind fast gleich alt.
Das ist mein Mann Wilhelm.
Über welche Seite sind Sie meine Verwandte?, fragte die Gastgeberin.
Die Frau zögerte kurz, wurde sogar etwas rot.
Ich heiße Sibylla Sibylla Vogler.
Tatsächlich ist der Altersunterschied nicht groß.
Ich wurde am 12.
Juni fünfzig.
Sagt Ihnen das Datum etwas?
Brunhilde wurde blass.
Ich sehe, Sie erinnern sich.
Ja, ich bin Ihre Tochter.
Bitte regen Sie sich nicht auf, ich will nichts von Ihnen.
Ich wollte nur meine echte Mutter sehen.
Ich habe mein ganzes Leben nicht verstanden, warum mich meine Mutter nie liebte.
Ihr Tod jährt sich jetzt zum achten Mal.
Nur mein Vater hat mich geliebt, und er ist vor zwei Monaten gestorben.
Erst im letzten Moment erzählte er mir von Ihnen.
Er bat Sie um Verzeihung, falls möglich, sagte Sibylla nervös.
Ich verstehe gar nichts.
Du hast eine Tochter? fragte der überraschte Wilhelm.
Ja, offenbar.
Ich erkläre dir später alles, antwortete Brunhilde.
Also, du bist meine Tochter.
Sehr gut!
Hast du genug gesehen?
Falls du erwartest, dass ich bereue und um Verzeihung bitte nein, das werde ich nicht tun.
Ich habe hier keine Schuld, sagte sie zu Sibylla.
Ich hoffe, Papa hat dir alles erklärt?
Falls du meinst, bei mir Muttergefühle zu wecken keine Chance.
Entschuldige.
Darf ich Sie noch mal besuchen?
Ich wohne im Umland, unser Haus hat zwei Etagen.
Kommen Sie und Ihr Mann doch zu uns.
Vielleicht gewöhnen Sie sich an die Idee, dass ich existiere.
Ich habe Fotos vom Enkel und Urenkelin mitgebracht, könnten Sie anschauen? fragte Sibylla schüchtern.
Nein, ich will nicht.
Komm nicht wieder.
Vergiss mich.
Lebe wohl, erwiderte Brunhilde schroff.
Wilhelm rief Sibylla ein Taxi und begleitete sie zum Wagen.
Als er zurückkam, hatte Brunhilde den Tisch abgeräumt und saß ruhig vor dem Fernseher.
Du hast Nerven!
Dir hätte man eine Armee anvertrauen können.
Hast du denn gar kein Herz?
Ich habe schon immer vermutet, dass du gnadenlos und ohne Mitgefühl bist aber dass es so weit geht, hätte ich nicht gedacht, sagte Wilhelm.
Wir lernten uns doch kennen, als ich 28 war, richtig?
Also, lieber Mann, meine Seele wurde viel früher schon zertreten und genommen.
Ich war ein Dorfkind, träumte mein ganzes Leben davon, in die Stadt zu kommen.
Deshalb lernte ich besser als alle, und nur ich kam aus meiner Klasse auf die Uni.
Mit 17 lernte ich Karl kennen.
Ich habe ihn wahnsinnig geliebt.
Er war fast zwölf Jahre älter, aber das störte mich nicht.
Nach meiner ärmlichen Kindheit war das Studentenleben in Stuttgart wie ein Märchen.
Das Stipendium reichte nie.
Ich war immer hungrig deshalb nahm ich gerne Karls Einladungen zu Cafés oder zum Eis an.
Er versprach mir nichts, aber ich war überzeugt, dass wir, in dieser großen Liebe, natürlich heiraten würden.
Als er mich abends einmal auf seine Wohnung am See einlud, sagte ich sofort zu.
Jetzt, wo wir intim geworden waren, fühlte ich mich sicher, ihn fest an mich gebunden zu haben.
Diese Treffen wurden zur Gewohnheit.
Bald war klar ich war schwanger.
Ich teilte Karl die Nachricht mit.
Er war überglücklich.
Da mein Zustand bald auffallen würde, fragte ich ihn, wann wir heiraten.
Ich war achtzehn und konnte das Standesamt aufsuchen.
Habe ich denn jemals versprochen, dich zu heiraten? fragte Karl zurück.
Ich habe nichts versprochen und werde dich nicht heiraten.
Im Übrigen bin ich schon verheiratet, entgegnete er seelenruhig.
Aber das Kind?
Und ich?
Was ist mit dir?
Du bist jung, gesund.
Man könnte eine Statue nach deinem Vorbild machen.
Nimm einfach ein Urlaubssemester.
Solange man nichts sieht, studiere weiter.
Dann nimmst du bei uns Quartier meine Frau und ich holen dich zu uns.
Wir bekommen kein Kind vielleicht, weil meine Frau älter ist.
Wenn du geboren hast, nehmen wir das Kind.
Wie das geregelt wird, geht dich nichts an.
Ich bin zwar jung, aber kein Niemand im Stadtrat.
Meine Frau ist Oberärztin im Krankenhaus.
Sorgen musst du dir keine machen.
Nach der Geburt ruhst du dich aus und gehst zurück an die Uni.
Wir bezahlen dich auch.
Damals kannte niemand den Begriff Leihmutter.
Ich war wohl die erste Leihmutter in Deutschland.
Was hätte ich tun sollen?
Zurück ins Dorf und alles beschämen?
Bis zur Geburt wohnte ich in ihrem Haus.
Karls Frau hat nie mit mir gesprochen wahrscheinlich war sie eifersüchtig.
Die Tochter habe ich zu Hause bekommen, die Hebamme wurde geholt, alles korrekt.
Ich habe das Baby nie gestillt, sie wurde sofort fortgetragen.
Danach sah ich sie nicht wieder.
Eine Woche später wurde ich höflich verabschiedet.
Karl gab mir Geld.
Ich kehrte zur Uni zurück.
Nach dem Abschluss ging ich in ein Werk.
Bekam ein Zimmer im Wohnheim.
Erst war ich Produktionsmeisterin, später Meisterin im Qualitätsmanagement.
Freunde hatte ich viele, aber keiner wollte mich heiraten bis du kamst.
Ich war schon 28, eigentlich wollte ich keine Ehe, aber es musste wohl sein.
Den Rest kennst du.
Wir haben unser Leben gut verbracht, drei Autos gewechselt, das Haus ist voll, der Garten gepflegt.
Urlaub machten wir jedes Jahr.
Das Werk überstand die Neunziger, weil die Maschinen für Traktoren nur in einer Halle gebaut werden und keiner weiß, was in den anderen passiert.
Das Werk ist heute noch mit Stacheldraht und Wachtürmen umgeben.
Wir gingen früh in Rente.
Uns fehlt nichts.
Kinder nein und brauchen wir nicht.
So wie ich die heutigen Kinder sehe , schloss sie ihre Beichte.
Schlecht haben wir unser Leben verbracht.
Ich hab dich geliebt und immer versucht, dein Herz zu wärmen, nie ist mir das gelungen.
Na gut, keine Kinder, aber du hast nie ein Kätzchen oder Hundewelpe bemitleidet.
Deine Schwester bat, ihrer Nichte zu helfen, du hast sie nicht einmal für eine Woche aufgenommen.
Heute kam deine Tochter, und wie hast du sie empfangen?
Deine Tochter!
Dein Blut, und Hätte ich weniger Jahre, ich würde mich scheiden lassen doch jetzt ist es zu spät.
Bei dir ist es immer eisig, eisig, entgegnete Wilhelm empört.
Brunhilde war fast erschrocken, so hatte Wilhelm nie mit ihr gesprochen.
Diese Tochter störte ihre ruhige Welt.
Wilhelm zog auf die Gartenlauben.
Die letzten Jahre lebt er dort.
Im Garten hält er drei Hunde, eingesammelte Streuner, und eine unzählbare Menge Katzen.
Er taucht selten zu Hause auf.
Brunhilde weiß, dass er Sibylla und ihre Familie besucht hat, mit allen bekannt ist, sein Herz an die Urenkelin verloren hat.
Er war schon immer weich, wird es immer bleiben.
Soll er leben, wie er will, denkt Brunhilde.
Sie hat bis heute kein Bedürfnis, sich mit Tochter, Enkel oder Urenkelin zu beschäftigen.
Brunhilde fährt allein ans Meer, genießt Urlaub, schöpft Kraft und fühlt sich hervorragend.




