Ohne mich schaffst du das doch sowieso nicht! Du kannst doch gar nichts alleine! schrie ihr Mann, während er hektisch seine Hemden in eine große Reisetasche stopfte.
Aber sie schaffte es. Sie ging nicht daran zugrunde. Vielleicht, wenn sie sich damals Zeit genommen hätte, darüber nachzudenken, wie sie mit zwei Kindern allein zurechtkommen sollte, hätte sie sich die schlimmsten Szenarien ausgemalt und am Ende sogar den Seitensprung verziehen. Doch dafür blieb keine Zeit: Die Mädchen mussten in die Kita gebracht werden, sie musste zur Arbeit eilen. Ihr Mann war gerade erst vor einer halben Stunde nach Hause gekommen, zufrieden mit seiner neuen Liebe und sich selbst über alle Maßen sicher.
Während sie sich ihren Mantel überzog, gab Tatjana klare und knappe Anweisungen:
Olivia, hilf Sophia mit der Jacke und achte darauf, dass sie in der Kita richtig isst. Die Erzieherin hat sich wieder über das Essverhalten beschwert.
Alexander, sei so nett und nimm gleich alles mit, was dir gehört. Lass es nicht auf die lange Bank schieben. Und den Wohnungsschlüssel wirfst du bitte in den Briefkasten. Tschüss.
Olivia war genau dreißig Minuten älter als Sophia und galt als die große Schwester. Sie waren beide vier Jahre alt, Zwillinge und schon recht selbstständig für ihr Alter. Jede hatte ihren eigenen Kopf. Olivia aß auch ungeliebten Grießbrei einfach so, weil es nun mal sein musste. Sophia hingegen meckerte: Da sind Klümpchen drin, das esse ich nicht!
Gut, dass der Kindergarten nur zehn Minuten entfernt war. Die Töchter plapperten unterwegs, und das half Tatjana, nicht an die Herausforderungen der Zukunft zu denken. Auch bei der Arbeit blieb keine Zeit für Sorgen über das Private: Im Sprechzimmer der Hausarztpraxis jagte ein Patient den nächsten, danach warteten noch Hausbesuche.
Erst am Abend fiel ihr Blick auf die leeren Kleiderbügel an der Garderobe genau da, wo sonst die Jacken ihres Mannes hingen und ihr wurde klar: Von nun an ist sie allein. Doch Klagen lag nicht in Tatjanas Natur. Alles sollte seinen geregelten Gang gehen, vielleicht sogar besser werden. Man konnte resignieren, die Hände in den Schoß legen und sich selbst bemitleiden oder ruhig überlegen, wie es weitergeht, versuchen, einen Ausweg und etwas Positives zu finden. Das Abendessen zum Beispiel, das musste auch heute auf den Tisch kommen.
Was hat sich verändert? überlegte sie beim Gemüseschneiden für den Salat. Mein Mann ist weg. Welche Aufgaben hatte er übernommen? Was kommt jetzt auf meine Schultern dazu? Eigentlich nichts, was ich nicht schaffen könnte. Ich muss nur unseren Tagesablauf ein wenig anpassen. Das wird schon. Es wird sogar besser. Ich will nicht mehr in Angst leben, ständig zu überlegen, ob er wieder bei einer Geliebten ist. Lieber alleine und im Frieden, auch wenn es schwerer ist.
Nach einer weiteren Geschichte aus Die Abenteuer des Jim Knopf und einem Kuss für die schlafenden Mädchen eilte Tatjana ins Bad die Waschmaschine hatte piepsend das Ende verkündet, die Wäsche musste aufgehängt werden.
Vor dem Schlafen brühte sie sich eine Tasse Melissentee, sortierte ihre Gedanken, plante den nächsten Tag. Die Mädchen waren sich wie Zwillinge eben sind, zum Verwechseln ähnlich. Zwei bedeuteten vielleicht mehr Aufwand, aber Tatjana hatte das nie als Problem betrachtet und wunderte sich, wenn andere mitleidig schauten.
Uns geht’s gut, entgegnete sie dann niemand arbeitet hier bis zum Umfallen. Ich schaffe das.
Der Wasserkocher blubberte, Tatjana goss den Tee auf, schaltete die kleine Stehlampe an. Draußen regnete es schwer und die dicken Schneeflocken klebten an den Fenstern. Drinnen aber war es warm und still, nur die Uhr tickte ruhig an der Wand
Da klingelte es an der Tür. Tatjana war erstaunt, als sie auf dem Treppenabsatz Frau Jäger stehen sah die ältere Nachbarin, die ihr eigentlich nie sympathisch war. Die Witwe mit ihrem kleinen, zerrupften Hund war morgens auf den Straßen selten freundlich, grüßte eher zurückhaltend, ihre Lippen stets schmal zusammengepresst. Die Hündin hatte Tatjana schon öfter beim Müllcontainer gesehen: dünn, struppig, den Blick aufmerksam auf die Abfälle gerichtet. Offenbar hatte die alte Dame Mitleid, sie aufgenommen. Niemals hatten Tatjana Besucher bei Frau Jäger bemerkt, sie ging nur einkaufen und drehte ihre Runden mit der Hündin.
Entschuldigen Sie die Störung, sagte Frau Jäger, in ihre warme Strickschal gehüllt aber ich habe zufällig gesehen, wie Ihr Mann heute seine Sachen ins Auto gepackt hat. Hat er Sie verlassen?
Das geht Sie nichts an, erwiderte Tatjana schroff.
Ihr Mann? Darum geht es mir nicht. Ich wollte Ihnen nur sagen: Falls Sie mal Hilfe brauchen sollten, können Sie ruhig auf mich zukommen. Ob mit den Mädchen oder sonst etwas.
Kommen Sie doch rein, bot Tatjana an. Wie heißen Sie eigentlich? fragte sie und stellte zwei Teetassen auf den Tisch, dazu eine Schale Weihnachtsplätzchen: Bitte bedienen Sie sich!
Ich bin Waltraud Jäger. Und Sie sind ja Tatjana, das hab ich schon gehört. Nun, Tatjana, sagte die alte Dame, während sie ein Plätzchen zerbrach, ich will mich nicht aufdrängen. Nur falls mal was ist ich helfe gern. Ohne Geld, wirklich nicht. Einfach aus Freude am Geben.
Waltraud Jäger nahm einen kleinen Schluck vom Tee, nickte zufrieden.
Sehr lecker! Ist das Melisse? Ich habe jede Menge Kräuter auf meinem Schrebergarten, da pflanze ich auch Melisse an. Im Sommer müssen Sie mit Ihren Mädchen mal zu mir kommen, dort ist Platz genug. Da wächst auch ein Apfelbaum, himmlische Äpfel
Tatjana schaute sie an und fragte sich: Warum erschien ihr Frau Jäger bisher immer so unsympathisch? Vielleicht, weil sie nie anbiedernd grinste oder mit vorgetäuschter Empathie nachsorgte, sondern schlicht und unaufdringlich vorbeiging? Tatjana hatte gedacht, sie sei hochmütig und kalt. Doch sie mischte sich nicht ein, stellte keine bohrenden Fragen, streute kein Salz in ihre Wunden, sondern bot einfach Hilfe an.
Mit einem Mal sah Tatjana ihre Nachbarin anders: Sie war ordentlich angezogen, die Hausschuhe neu und unvernutzt, ihr Haar sorgsam hochgesteckt, das Kleid mit Spitzkragen versehen. Ein angenehmer Duft von leichten Blüten schwebte durch die Luft.
Tatjana hörte zu, wie Frau Jäger vom Schrebergarten, den Äpfeln, ihrer urigen kleinen Gartensauna, vom See mit den hungrigen Enten erzählte und all die belastenden Gedanken traten in den Hintergrund, innerlich wurde ihr warm und ruhig
Tatjana erinnert sich auch heute noch gut daran, obwohl seitdem fünf Jahre vergangen sind. Sie weiß noch, wie ihr Mann ihr damals ins Gesicht schrie: Du schaffst es niemals! Du wirst untergehen!
Aber all das liegt hinter ihr.
Waltraud Jäger schnitt geschickt Äpfel, legte sie kunstvoll auf dem Kuchenteig aus und schob das Blech in den Ofen. Der Salat war fertig, im Topf köchelte das Rinderbraten. Heute feiert Tatjana ihre liebste Nachbarin. Es ist August. Die Türen und Fenster des gemütlichen Gartenhauses stehen weit offen, die Küche füllt sich mit dem Duft von Apfelkuchen.
Wie oft hat sie mir geholfen! dachte Tatjana und schaute auf die gerötete Frau am Ofen.
Was hätte ich nur ohne sie getan? Die Mädchen lieben ihre Oma Waltraud innig. Und damals hätte sie mir die Tür auch direkt vor der Nase zumachen können. Heute sind die Zwillinge schon neun Jahre alt, sie besuchen die Grundschule. Jeden Sommer verbringen sie hier im Schrebergarten: mit See, Freunden und der geliebten Oma einer wahren Herzensangelegenheit.
Ich geh noch schnell ein paar Äpfel holen, dann koche ich Kompott, ruft Tatjana und schnappt sich einen Korb, tritt in den sonnigen Garten hinaus.
Unter dem Apfelbaum liegt die Hündin Alma im Schatten. Wer hätte gedacht, dass aus dem einst streunenden, unansehnlichen Tier von damals eine so goldige Labrador-Dame geworden ist?
Liebe, nur Liebe kann retten, denkt Tatjana still, während sie Alma eine Plätzchen auf die Handfläche legt.
Und sie weiß: Wo Mitgefühl und Zusammenhalt wachsen, ist kein Mensch allein das ist die wichtigste Lektion des Lebens.




