Ich bin 55 Jahre alt, und vor zwei Monaten hat meine Frau mich um die Scheidung gebeten. Sie meinte, der Grund sei, dass sie sich mal wieder wirklich lebendig fühlen müsse. Das sagte sie an einem ganz gewöhnlichen Nachmittag, als wir zusammen am Küchentisch saßen, der Kaffee langsam kalt wurde und draußen der Hahn wie jeden Abend krähte.
Sie ist meine zweite Ehefrau. Wir waren 15 Jahre verheiratet. Eigene Kinder habe ich aus gesundheitlichen Gründen nie haben können, aber sie kam mit Kindern aus ihrer ersten Ehe in mein Leben. Ich habe sie wie meine eigenen erzogen. Ich habe da nie einen Unterschied gemacht. Ich gab ihnen eine ordentliche Schulbildung, ein festes Zuhause, Essen auf dem Tisch und Ratschläge. Heute sind sie erwachsen und leben in München. Wir blieben auf dem Land in unserem einfachen, aber gemütlichen Haus, mit Garten, Hühnern, Hunden und einer ruhigen Alltagsroutine. Ich dachte immer, genau das ist es, was zählt: Frieden.
Unser Leben war überschaubar. Frühstück zusammen, Arbeit, abends vor dem Fernseher essen, früh ins Bett gehen. Am Wochenende fuhren wir manchmal nach Nürnberg zum Einkaufen oder besuchten Bekannte. Untreue war für mich nie ein Thema. Erniedrigt habe ich meine Frau nie. Ich war einer dieser bodenständigen Männer früh aufstehen, arbeiten, meine Pflichten erfüllen. Ich hielt das für Liebe.
Vor einigen Monaten wurde sie anders. Sie sprach immer häufiger davon, wie stagniert sie sich fühle, dass das Landleben sie erdrücke und sie in die Stadt wolle Sehnsucht nach Trubel, Menschen, neuen Eindrücken, nach einem ganz anderen Rhythmus. Ich entgegnete stets, dass wir doch alles hätten: Das Haus ist abbezahlt, die Luft ist frisch, wir leben ruhig. Es gab immer wieder Diskussionen. Sie blieb hartnäckig und ich verschloss mich. Ich wollte bleiben. Sie wollte gehen.
Bis sie eines Tages einfach nicht mehr diskutierte. Sie sah mich an und sagte:
“Ich möchte nicht mehr streiten. Ich will gehen. Ich muss noch einmal etwas anderes erleben, bevor ich alt werde.”
Ich fragte, ob es einen anderen Mann gebe. Sie schwor, dass es niemanden gäbe. Sie gehe nicht zu jemandem, sondern zu sich selbst dem Wunsch, sich wieder lebendig zu spüren, einen neuen Abschnitt in der Stadt zu beginnen.
In jener Nacht lagen wir noch im selben Bett, doch es war nicht mehr so wie früher. Am nächsten Morgen packte sie ihre Kleidung, ein paar Erinnerungen, und ging. Kein Streit. Keine Szene. Ich stand einfach da, beobachtete wie der Bus die Landstraße herunterfuhr, mit Kloß im Hals und zitternden Händen.
Jetzt erscheint mir das Haus riesig. Immer noch lebe ich hier auf dem Land wie ich es immer wollte, aber eben ohne sie. Morgens stehe ich auf, koche Kaffee nur für mich, spreche mit den Hunden. Manchmal frage ich mich, ob ich einen Fehler gemacht habe, ob ich sie zu wenig verstanden habe, ob es ein Versäumnis war, keinen Schritt auf sie zuzugehen und zu glauben, Liebe bedeute nur zu bleiben und zu machen.
Warum ist das gerade mir passiert? Liegt es daran, dass ich einfach ein guter Mann war?
Ich lerne jetzt, dass Liebe nicht immer Aufopferung und Standhaftigkeit heißen muss. Manchmal bedeutet Liebe auch, Unruhe auszuhalten oder gemeinsam Neues zu wagen. Das nächste Mal falls es ein nächstes Mal gibt will ich ein offenerer Mann sein.





