Weißt du, neulich saß ich wieder in meinem Lieblingscafé in München, ganz gemütlich auf dem weichen Sofa, und hab auf meinen Cappuccino und einen frischen Windbeutel gewartet. Gerade so ein kleiner Gute-Laune-Kick vor der Arbeit, das braucht man manchmal einfach.
Draußen hat es richtig schön geschneit, Flocken wie aus dem Bilderbuch. Ich hab meinen Cappuccino probiert noch richtig heiß, hat gleich die Finger gewärmt. Am Tisch gegenüber saßen zwei Mädels, offensichtlich Freundinnen.
Du, rate mal! Neulich bin ich über die Neue von meinem Ex gestolpert. Ehrlich, also schöner aus dem Gesicht ist sie echt nicht! Was findet der bloß an der?! Die eine hat mit kleiner Grimasse zu ihrer Freundin rübergeblinzelt.
Die andere hat gekichert: Ha, vielleicht kann sie phänomenal kochen oder ist im Bett ein echtes Ass? Daraufhin mussten beide losprusten.
Quatsch, sieh doch mal ihr Foto auf Insta. Da stimmt doch was nicht im Gesicht.
Das Gekicher ging noch weiter und ich saß da wie angewurzelt. Mir fiel plötzlich ein, wie ich mal als Kind heimlich ein Gespräch meiner Mutter mit meinem Vater belauscht hatte. Unsere Friederike ist ja nicht gerade eine Schönheit. Aber dann muss sie es eben mit ihren Taten wettmachen, hatte Mama gesagt.
Seitdem achte ich darauf, immer ordentlich auszusehen. Egal, was ich mache, das Gefühl, nicht hübsch genug zu sein, bleibt. Mama hat oft gemeint: Kopf hoch, mein Mädchen. Die Schönheit fällt bei dir halt nicht so auf, aber du bist schlau. Lern, streng dich an so bleibt man nie allein.
In der Schule hab ich mich oft wegen meiner schmalen Figur und dem androgynen Look geschämt. An der Uni hab ich dann gelernt, wie man sich chic kleidet und schminkt. Hab sogar einen Freund gefunden. Aber irgendwas war immer selbst er hat manchmal Witze über meinen flachen Po oder riesige Füße gemacht. Da wusste ich, dass mich vielleicht nie jemand wirklich lieben würde. Ich hab mich mit dem Gedanken irgendwie abgefunden und mein Leben weitergelebt.
Nachdem die kleine Leckerei verputzt war, musste ich schnell zur Arbeit. In der Mittagspause sollte ich noch zu Marlies rüber, um ihre Katze zu füttern und die Pflanzen zu gießen. Sie war nämlich für zwei Wochen nach Griechenland geflogen, ihr Mann war eh selten zu Hause. Marlies hatte gelassen gedacht: Falls die sich zufällig begegnen Jürgen schenkt Friederike eh keinen Blick. Und so ist sie schon fast sorglos in den Urlaub gedüst.
In der Wohnung angekommen, hab ich erstmal Kater Moritz sein Lieblingsfutter hingelegt und mich dann um die Pflanzen gekümmert. Aus der Nachbarwohnung schallte Musik deutsche Klassiker, die man einfach mitsingen muss. Ich wie selbstverständlich mitgesummt: Über sieben Brücken musst du gehn Auf einmal wurde mir so richtig wohl ums Herz. Die Musik, die Blumen, dieser Geruch nach Zuhause. Irgendwie war ich in dem Moment leicht und frei und hab sogar ein wenig zu den Blumen getanzt, dabei im Fenster mein eigenes Spiegelbild angelächelt.
Plötzlich Stimmen im Flur.
Ich drehe mich um Jürgen steht da, Marlies’ Mann, und noch ein zweiter Typ. Beide schauen überrascht rein. Mein Gedanke? So eine Blamage, hätte ich mir denken können
Hallo Friederike! Das ist mein Kumpel Konstantin. Mussten noch ein paar Unterlagen holen. Du hast ziemlich cool getanzt, wir konnten gar nicht wegschauen. Sorry, dass wir gestört haben.
Äh ich Marlies Ich sollte nur nach den Pflanzen schauen, hab ich gestammelt und wollte schon Richtung Tür. Dabei hab ich Moritz total übersehen, bin ausgerutscht und lang hingeflogen. Zack Sterne gesehen.
Aufgewacht bin ich erst wieder im Krankenhauszimmer.
Hallo! Alles okay? Ich bin Silke, deine Zimmernachbarin. Du hast eine leichte Gehirnerschütterung, aber der Arzt meinte, es ist alles halb so wild. Übrigens es war ein Kurier für dich da, und später auch ein junger Mann mit Blumen, hat sie gleich freundlich losgeplaudert.
Mehr hab ich erstmal nicht rausbekommen als ein Danke
Später bin ich ans Fenster, da stand eine Tüte mit Obst, Saft und wie süß ist das denn meinen Lieblingswindbeuteln. Ganz bestimmt von Marlies und Jürgen.
Aber als ich die Blumen in die Hand genommen hab, sehe ich dahinter einen kleinen Zettel: Friederike, werden Sie schnell gesund. So eine bezaubernde Frau wie Sie gehört nicht in ein Krankenzimmer. Ich lade Sie zur Blumen-Ausstellung ein. Ablehnen gilt nicht
Konstantin.
Ich hab meine Nase in die weißen Chrysanthemen gedrückt, vor Glück die Augen zugekniffen und hätte am liebsten sofort Silke umarmt!
Weißt du, Schönheit muss nicht immer auffällig oder makellos sein. Jede von uns hat ihre ganz eigene Art zu strahlen. Manchmal ist es etwas, das von innen kommt und wärmtAm nächsten Tag trug ich die Chrysanthemen wie eine königliche Auszeichnung durch den Flur, ein Windbeutel in der Hand, als Konstantin wieder vorbeischaute. Seine Stimme vibrierte ein bisschen, als er fragte, ob ich Lust auf den Ausstellungsbesuch hätte. Wir haben uns angesehen, er wartete auf mein Ja, und ich merkte, wie das mulmige Gefühl, nicht schön genug zu sein, leise im Hintergrund verkümmerte.
Auf der Ausstellung geriet ich dann vor lauter Farbenmeeren und Düften ins Schwärmen und erzählte ihm von den verrücktesten Blumen meines Kindergartens, von meiner Oma, von all dem, wofür ich mich früher immer entschuldigt hatte. Konstantin hörte einfach zu, ohne zu bewerten. Irgendwann schaute er mich an nicht so, wie man jemanden anschaut, der hübscher sein könnte, sondern so, als wäre ich ein Gemälde, das alle Betrachtenden immer wieder neu überrascht.
Bis zum Abschlussessen hielt er meine Hand, lachte mit mir, fragte, warum ich immer an mir zweifle. Da schob er mir eine kleine Keksdose über den Tisch. Für dich. Weil du die bist, die du bist. Bleib tapfer unbequem schön.
Als wir uns verabschiedeten, tanzte draußen wieder Schnee. Ich tastete kurz nach meiner Haarspange und lächelte. Vielleicht würde ich nie Komplimente für Modelbeine oder Engelslocken bekommen, aber ich begriff: Es gibt Menschen, die sehen in dir ganz einfach jemanden, der inmitten einer Blumenmeere lacht und das reicht.
Auf dem Nachhauseweg summte ich leise: Über sieben Brücken musst du geh’n und diesmal fühlte sich jeder Schritt federleicht an.





