Mein erster Flug als verantwortlicher Flugkapitän verwandelt sich in einen Albtraum. Nachdem ich einen Passagier rette, holt mich meine Vergangenheit ein.
Seit ich denken kann, bin ich von den Wolken fasziniert. Alles begann mit einem alten, verknitterten Foto, das mir im Kinderheim, in dem ich aufwuchs, gezeigt wurde. Auf dem Bild war ich ungefähr fünf Jahre alt und saß lachend im Cockpit einer kleinen Maschine als gehörte mir der ganze Himmel. Hinter mir stand ein Mann in einer Pilotenmütze, und ich habe über zwanzig Jahre geglaubt, dass dieser Mann mein Vater sei.
Er legte die Hand schützend auf meine Schulter und hatte einen auffälligen, dunklen Geburtsfleck auf einer Gesichtshälfte. Dieses Foto war meine einzige Verbindung zu meiner Vergangenheit und die Landkarte meiner Zukunft. Immer wenn das Leben schwierig wurde, habe ich es hervorgeholt. Ich bewahrte es in meinem Portemonnaie durch Prüfungsstress hindurch, mit wenig Geld in den Taschen und bei Doppelschichten, um mir die Simulatorstunden leisten zu können. Ich erzählte mir stets, dass es kein Zufall war, dass jemand mich damals ins Cockpit setzte.
Heute wird mein größter Traum zur Realität. Mit 27 Jahren sitze ich endlich als Kapitän am Steuer eines Verkehrsflugzeuges. Es ist mein allererster offizieller Flug in dieser Position. Aufgeregt, Herr Kapitän?, fragt mich meine Copilotin. Ich blicke auf die Landebahn, die im Sonnenaufgang liegt, und drücke das Foto in meiner Brusttasche, gleich über dem Herzen. Ein bisschen, Lena. Kindheitsträume bekommen manchmal tatsächlich Flügel, oder?
Zwischenfall in 10.000 Metern Höhe
Der Start verläuft einwandfrei. Wir befinden uns bereits in der Reiseflughöhe, als plötzlich die Cockpittür aufgerissen wird. Sophie, eine der Flugbegleiterinnen, ist blass und sichtbar alarmiert: Johannes, wir brauchen dich! Jemand kämpft um sein Leben!
Ohne zu zögern überlasse ich Lena das Steuer und stürme in die Kabine. Auf dem Gang kauert ein Mann, der keuchend nach Luft ringt. Ich gehe auf die Knie neben ihn und erkenne es sofort: Der große Geburtsfleck zieht sich über seine Gesichtshälfte. Einen Moment lang erstarrt mein Kopf, dann übernimmt das Training.
Ich bringe ihn nach oben und beginne, das Heimlich-Manöver anzuwenden. Beim ersten Mal nichts. Beim zweiten Versuch immer noch keine Reaktion. Beim dritten Schlag schließlich löst sich ein kleiner, harter Gegenstand, der aus seinem Mund fliegt. Der Mann sackt nach vorne und schnappt keuchend nach Luft. Die Passagiere applaudieren erleichtert, aber ich nehme das kaum wahr. Ich stiere den Mann an, der mich nun ansieht. Er ist es der Mann vom Foto.
Vater?, flüstere ich benommen. Der Mann richtet den Blick auf mein Uniformabzeichen und dann auf mein Gesicht, schüttelt den Kopf. Nein, ich bin nicht dein Vater. Aber ich weiß ganz genau, wer du bist, Johannes. Und genau deshalb bin ich auf diesem Flug.
Die bittere Wahrheit
Er erzählt mir, dass er meine Eltern kannte, dass er mit meinem Vater geflogen ist und sie wie Brüder waren. Du wusstest also, wo ich war, sage ich mit Kloß im Hals. Warum hast du mich nicht aus dem Heim geholt? Er betrachtet seine Hände. Weil ich mich selbst zu gut kannte, Johannes. Das Fliegen war alles für mich. Ich hatte keine Wurzeln, keine Sicherheit zu bieten. Ich dachte, es ist besser, dich im Heim zu lassen, als dich mit meinem unsteten Leben zu belasten.
Er erklärt, dass er jetzt zu mir kommt, weil er aus gesundheitlichen Gründen endgültig aus dem Dienst entlassen wurde und wissen wollte, was aus mir geworden ist. Ich ziehe das Foto aus der Tasche und halte es ihm hin. Ich wurde Pilot, weil ich dachte, dieses Foto bedeutet etwas. Ohne mich wärst du vielleicht niemals so weit gekommen, sagt er fast hoffnungsvoll. Dann fügt er hinzu: Johannes, ich würde gern ein letztes Mal im Cockpit sitzen. Das ist das Einzige, was ich dich bitten möchte.
Ich richte mich auf, spüre das Gewicht der goldenen Streifen auf den Schultern. Ich habe jahrelang geglaubt, du bist der Grund, warum ich das Fliegen liebe. Dabei lag ich falsch. Ich habe nicht ihretwegen weitergemacht, sondern für den Traum von einer Person, die ich mir ausgemalt habe. Jetzt, wo ich dich kenne, bin ich froh, dass ich dich nicht früher gefunden habe.
Tränen laufen ihm über das Gesicht und durchziehen den Geburtsfleck. Ich fliege, weil der Himmel mein Zuhause ist. Dieses Foto war nur der Same, aber ich habe es zu etwas gemacht, das zählt. Du hast daran keinen Anteil und darfst mich um nichts bitten.
Ich schaue ein letztes Mal auf das Foto und lege es neben seine leere Verpackung Erdnüsse, die ihn beinahe das Leben gekostet hätten. Behalte es. Ich brauche es nicht mehr.
Ich gehe zurück ins Cockpit und schließe die Tür, schotte mich vom Rest der Kabine ab. Lena schaut fragend zu mir: Alles in Ordnung, Kapitän? Ich greife fest nach dem Steuer, spüre die Vibration der Triebwerke. Jetzt weiß ich, dass ich mir dieses Leben nicht verdient, sondern erarbeitet habe. Ja, antworte ich und blicke in den weiten Himmel. Jetzt ist alles klar.Während sich der Himmel langsam in ein milchiges Blau verwandelt, hebt das Flugzeug immer sanfter durch die Strömungen, als hätte der Himmel selbst mich willkommen geheißen. Ich atme tief durch, das Cockpit ist erfüllt vom leisen Knistern der Instrumente und Lenas beruhigendem Lächeln.
Im Spiegel der Frontscheibe spiegelt sich mein eigenes Gesicht, jünger als ich mich fühle, älter als ich je geträumt habe. Ich denke an das Kinderheim, an das verzweifelte Warten, an die Nächte, in denen ich jede Kleinigkeit in meinem Herzen gesammelt habe. Und jetzt, mit meinen Händen sicher am Steuer, begreife ich, dass Träume vielleicht aus Sehnsucht geboren werden, aber aus Mut weiterfliegen.
Für einen Moment spüre ich hinter mir die Gegenwart all der Menschen, die mir nahe waren oder fernblieben, durch Zufall oder Entscheidung. Und plötzlich fühlt es sich gar nicht mehr schwer an. Kurz bevor wir die Landescheinwerfer auf der Zielbahn einschalten, gleitet ein letztes Lächeln über mein Gesicht.
Ich weiß jetzt, wer ich bin, unabhängig von jedem Schatten und jedem alten Foto. Ich bin Kapitän meines eigenen Himmels.





