Weißt du, letzte Woche habe ich meine erste große Liebe wieder gesehen ausgerechnet auf der Beerdigung seiner Frau. Seitdem habe ich das Gefühl, dass mein ganzes Leben völlig durcheinander geraten ist. Ich bin jetzt 40, seit zwei Jahren geschieden und habe zwei Kinder. Ich dachte immer, ich hätte mit allem, was Liebe angeht, abgeschlossen, alle Kapitel endgültig zugemacht. Aber dann sehe ich ihn wieder, und merke plötzlich, dass manche Geschichten eben nie ganz zu Ende erzählt sind.
Damals war ich 17, als wir zusammen waren. Er war meine erste richtige Liebe. Dieser Typ Liebe, der einem schwer auf der Brust liegt, für den man Liebesbriefe schreibt und von einem gemeinsamen Leben träumt. Aber meine Eltern konnten ihn nie akzeptieren. Sie meinten, er hätte ja noch nicht mal das Abitur gemacht, sei halt ein Mechaniker, hätte keine Perspektive und ich hätte doch etwas Besseres verdient. Der Druck war irgendwann unerträglich, also habe ich Schluss gemacht. Nicht, weil ich ihn nicht mehr geliebt hätte ich fühlte mich regelrecht gezwungen. Kurz darauf haben meine Eltern mich zum Studium nach München geschickt, und damit begann ein ganz neues Kapitel für mich.
Die Jahre sind vergangen. Ich habe mein Studium abgeschlossen, habe geheiratet, Kinder bekommen, eine Familie gegründet. Von außen hat alles gepasst, aber die Ehe ging dann doch schief und wir haben uns scheiden lassen. Vor einer Weile bin ich mit meinen Kindern zurück in mein altes Dorf in der Nähe von Augsburg gezogen. Habe wieder Kontakt mit Leuten aus der Schulzeit, mit Nachbarn, alten Bekannten aber eben nicht mit ihm. Ich habe nie nach ihm gefragt. Vielleicht aus Angst, vielleicht aus Respekt, oder weil ich spürte: In dieser Geschichte zu bohren, könnte wehtun.
Bis letzte Woche. Eine alte Bekannte hat mir geschrieben: Hast du von ihm gehört? Erst habe ich gar nicht verstanden, worum es geht. Dann hat sie erzählt, dass seine Frau gestorben ist und dass Kollegen und Freunde Blumen und einen kleinen Chor für die Beerdigung organisieren. Sie fragte, ob ich dabei sein will, ob ich komme. Ich habe minutenlang auf mein Handy gestarrt, ohne zu antworten.
Am Ende bin ich wirklich hingegangen frag mich nicht wieso, es ging einfach nicht anders. Als ich ihn dann vor dem Sarg gesehen habe, mit so einem erschöpften Gesicht und roten Augen, hat es mir direkt ins Herz geknallt. Er war natürlich kein 17-jähriger Junge mehr, aber trotzdem er war er selbst. Wir haben uns aus der Entfernung angeschaut nicht umarmt, nicht gesprochen, nur einfach diesen einen Blick. Und dieser Blick hat gereicht, um in mir alles auf den Kopf zu stellen.
Seitdem kann ich nicht aufhören, an ihn zu denken. An das, was wir mal waren. An das, was wir nie sein durften. Daran, wie mein Leben wohl ausgesehen hätte, wenn ich damals nicht so brav gewesen wäre. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass ich ausgerechnet jetzt, in seiner Trauer, so empfange für ihn habe. Ich will ihn nicht bedrängen, ihm keine zusätzliche Last sein, nichts durcheinanderbringen. Wir sind nicht mal auf Social Media miteinander vernetzt. Wir haben nicht gesprochen. Alles passiert nur in meinem Kopf und Herzen.
Und da stehe ich nun mit 40, mit zwei Kindern und einem einigermaßen geregelten Alltag und fühle mich auf einmal wieder wie das 17-jährige Mädchen, das sich das erste Mal verliebt hat. Ich weiß nicht, ob das einfach nur Sehnsucht ist, Traurigkeit über das, was nie war, oder ob es ganz normal ist, dass die erste Liebe Dinge in einem wachruft, die man längst begraben glaubte.
Sag ehrlich, was meinst du was soll ich machen? Irgendwie brauche ich mal einen guten RatVielleicht ist es manchmal gar nicht wichtig, sofort eine Antwort zu haben. Vielleicht reicht es, zuzuhören, was das Herz flüstert, wenn alles still ist. In den Tagen nach der Beerdigung habe ich jeden Morgen gewartet, ob er sich meldet ein Anruf, ein kleines Hallo, ein Zeichen. Aber es kam nichts. Also habe ich einen Brief geschrieben. Handschriftlich, wie früher, auf diesem schweren, hellblauen Papier, das ich einmal so geliebt habe. Kein Liebesbrief, aber ehrlich und sanft. Ich habe geschrieben, dass ich da bin, dass ich oft an ihn denken muss und dass ich hoffe, es geht ihm gut so gut es eben gehen kann.
Ich bin zum Briefkasten gelaufen mit Herzklopfen, als würde ich ein Geheimnis vergraben. Tage später lag ein Umschlag in meinem eigenen Kasten, Handschrift, die ich wiedererkannt habe, obwohl sie älter geworden ist. Fünf kurze Zeilen nur. “Danke, dass du da warst. Danke, dass du geschrieben hast. Mir geht es nicht gut, aber du hast mir ein bisschen Licht geschickt. Vielleicht trinken wir irgendwann einen Kaffee? Ohne Erwartungen, einfach so.”
Ich musste lächeln. Dieser Moment, mit diesem kleinen Brief in der Hand, fühlte sich ganz warm an. Vielleicht gibt es kein richtiges Ende, kein endgültiges Schließen der Kapitel. Vielleicht ist Liebe wie ein leiser Faden, der alles irgendwo wieder verbindet. Nicht immer so, wie man es sich vorstellt manchmal einfach anders, aber nicht weniger schön.
Am Abend habe ich leise das Küchenlicht gelöscht, bin noch einmal zu meinen Kindern ins Zimmer gegangen, habe leise Mäntel und Schultaschen vorbereitet. Das Leben bleibt chaotisch, laut, voll von Terminen aber irgendwo darin ist ein Platz für Hoffnung. Für ein spätes Gespräch, vielleicht für einen Kaffee zu zweit. Vor allem aber für all das, was ich noch fühlen kann.
Manche Geschichten sind nie zu Ende erzählt. Und manchmal fängt das Beste genau dann an, wenn man es am wenigsten erwartet.





