Letzten Dienstag stand ich kurz davor, die Scheidung einzureichen.

Letzten Dienstag war ich kurz davor, die Scheidung einzureichen.
Ich saß im Auto, die Unterlagen auf dem Schoß, und war felsenfest überzeugt: Da ist nichts mehr. Keine Funken, keine Gefühle nur noch Leere.
Statt nach Hause zu fahren, bin ich dann erst mal zu meinen Eltern nach Hannover gefahren. Ich brauchte einen sicheren Hafen oder einfach nur einen Vorwand, das Unvermeidliche noch etwas aufzuschieben.

Meine Eltern sind jetzt seit 54 Jahren verheiratet. So ein typisch deutsches Paar auf alten Schwarzweißfotos: Er, früher Schlosser bei VW ein Mann weniger Worte; sie, pensionierte Schwester, die irgendwie den Laden am Laufen hält, ganz still und unauffällig.

Während Papa draußen in der Garage am alten Golf geschraubt hat, saß ich mit Mama in der Küche. Es hat in mir gebrannt, also hab ich sie gefragt:
Mama hab ich geflüstert, während ich ihr zusah, wie sie frisch gewaschene Handtücher faltete. Sag ehrlich nach über 50 Jahren liebst du Papa eigentlich noch? Oder ist das einfach nur Gewohnheit?

Sie hat aufgehört, die Handtücher zu stapeln. Mich angeschaut mit so einem undefinierbaren Blick, irgendwo zwischen Mitgefühl und diesem leisen Lächeln. Sie hat nicht sofort geantwortet. Sie hat einfach mal ganz fest meine Hand gedrückt, ihre warmen Finger ganz ruhig, hat mich müde und gleichzeitig klug angelächelt. Dann hat sie still weiter Handtücher gefaltet.

Nach einer Stunde bin ich gefahren, irgendwie genervt. Ich hatte das Gefühl, sie versteht unser heutiges Gerede von emotionaler Verbundenheit und tiefer Liebe nicht.

Aber kaum stand ich vor meiner Haustür in Bremen, da hat mein Handy gebrummt. Auf WhatsApp kam eine ewig lange Nachricht von Mama an. Dass ausgerechnet sie mir so einen Roman tippt das war schon schräg.

Ich saß noch im Auto, hab die Nachricht gelesen. Und am Ende liefen mir die Tränen.
Meine liebe Tochter,

heute hast du gefragt, ob ich Papa noch liebe. Weißt du, ich habe nicht direkt geantwortet, weil Liebe nicht das ist, was sich in fünf Minuten erklären lässt, während man das Frottee sortiert. Aber ich will dir die Wahrheit sagen.

Deine Frage hat mich schmunzeln lassen. Nicht, weil sie albern ist sondern weil die Antwort einfach alles andere als leicht ist.

Ob ich ihn noch so liebe wie damals 1972? Nein. Wenn du nach Schmetterlingen im Bauch suchst, nach dem Herzklopfen vorm ersten Date oder Hollywood-Feuerwerk dann hab ich das heute nicht mehr.

Doch das ist nicht Liebe. Das ist Adrenalin.

Liebe nach so vielen Jahren ist kein Sturm, sondern Wurzeln. Es ist nicht mehr das Gefühl, das dir den Boden unter den Füßen wegreißt. Im Gegenteil es gibt dir Halt, wenn alles andere dich umpustet.

Dieses Gefühl lässt mein Herz nicht mehr rasen es beruhigt mich. Es sorgt dafür, dass ich trotz Rheuma morgens aufstehen kann. Unser Alltag besteht aus Ritualen, nicht aus großen Überraschungen: Die Kaffeemaschine springt um punkt sechs an, weil er weiß, wie wichtig das für mich ist. Diese kleinen, albernen Streitereien, wie das Geschirr nun in die Spülmaschine gehört oder wer schon wieder Licht angelassen hat.

Und nachts, wenn ich huste, legt er mir im Halbschlaf automatisch die Decke über die Schultern.

Für euch wird das alles vielleicht langweilig oder spießig wirken. Aber genau das ist alles.

Ich brauche keinen Mann, der mir Diamanten kauft oder mich nach Paris bringt. Ich brauche den, der merkt, wenn mir der Rücken wehtut. Der einfach kommentarlos ein Taschentuch reicht, wenn ich bei der Tagesschau weine. Der nicht einfach aufsteht, wenn ich in einer Laune bin, in der ich mich selbst nicht leiden kann.

Und Papa? Der macht genau das. Ohne Tamtam, ohne Erwartungen, einfach weil er da ist.

Fünfzig Jahre jemanden zu lieben, ist nicht wie in den Romanen. Das ist, als ob man eine Geheimsprache spricht, die sonst niemand versteht. Ein Blick über den Tisch reicht, und man weiß, was im anderen vorgeht. Weil man die gleichen Sorgen um die Kinder teilt, das gleiche Konto, die gleichen Verluste und die gleiche Sturheit, einfach immer weiterzumachen.

Um deine Frage zu beantworten: Ja, ich liebe ihn noch immer.
Aber nicht mehr den jungen Mann aus dem Café von 72. Sondern das Leben, das wir zusammen gebaut haben. Und die Ruhe, die es mir gibt, wenn ich weiß: Egal, wie wild der Sturm draußen wird, er bleibt mein Zuhause.

Such nicht nach Feuerwerk, meine Süße. Such nach jemandem, der dein Zuhause ist.

Ich hab den Motor abgestellt. Die Scheidungspapiere auf dem Beifahrersitz zerrissen. Bin in die Wohnung rein zu meinem Mann, der so erschöpft auf der Couch hing wie ich.

Willst du einen Kaffee? hat er gefragt.
Ja. Unbedingt, hab ich gesagt.

Am Anfang flattern immer die Schmetterlinge. Was am Ende bleibt sind die Wurzeln.

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Homy
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