Oxana wuchs als „Halbwaise“ mit lebenden Eltern auf: Während sie ihre Mutter nur von Fotos und Video…

Mein Name ist Martin, und dies ist die Geschichte meiner Tochter Emilia.

Emilia wuchs praktisch als Waise auf, obwohl beide Eltern am Leben waren. Ihre Mutter, Claudia, sah sie nur auf Fotos und in seltenen Videotelefonaten, während ihr Vater, Thomas, zwar direkt im Nachbarhaus lebte, sich aber nie an der Erziehung seiner Tochter beteiligte.

Es erschien mir oft, als hätte Thomas Angst davor, auch nur in Emilias Richtung zu schauen, um bloß nicht in Verlegenheit zu geraten, ihr etwas geben zu müssen.

Früher war Emilia ihrer Mutter böse, weil sie in ihrem Streben nach eigenem Glück ihre Tochter nahezu vergessen hatte. Doch inzwischen verstand sie Claudia besser. Es war sicherlich schwer, mit sechzehn ein Kind zu bekommen, zumal der Vater des Kindes nicht nur ihr Mitschüler, sondern auch noch der Nachbarsjunge war.

Zumindest hatte Claudia den Mut, Emilia auszutragen, anstatt sie wegzugeben. Auch wenn ihre Mutter ihr das Neugeborene gleich nach der Geburt den eigenen Eltern überließ Emilia war ihr trotzdem dankbar. Wer weiß, wie ihr Leben verlaufen wäre, wäre sie bei einer Mutter aufgewachsen, die offensichtlich keine Gefühle für Mutterliebe besaß.

Dafür hatte Emilia bei meinen Eltern, ihren Großeltern, eine wundervolle Kindheit voller Liebe und Geborgenheit.

Meine Mutter und mein Vater vergötterten das Mädchen. Claudia schickte aus München immer mal wieder schicke Kleider und Spielzeug.

Als Claudia später einen Portugiesen heiratete, erhöhte sich der Strom an Paketen und Überweisungen nur noch mehr.

Emilia hatte manchmal das Gefühl, ihre Mutter wollte damit ihre Schuldgefühle etwas ausgleichen.

Zu ihrem achtzehnten Geburtstag überwies Claudia sogar Geld, damit ich Emilia eine kleine Wohnung in Nürnberg kaufen konnte.

Das war nicht selbstverständlich, doch Emilia war mittlerweile erwachsen und stand vor dem Beginn ihres Studiums. Eine eigene Wohnung wäre da allemal besser als ein Zimmer im Studentenwohnheim.

So versuchte Claudia, Schritt für Schritt, Emilia wenn auch mit Abstand zu vermitteln, dass alles, was sie tat, zu Emilias Wohl geschah.

Überraschenderweise hegte Emilia ihrer Mutter gegenüber keinen Groll, wenngleich tiefe Zuneigung auch nicht ihre Emotion war.

In jenen seltenen Momenten, wenn Claudia heimkehrte, hielten viele die beiden für Schwestern sie sahen sich ungemein ähnlich. Claudia pflegte sich hervorragend und sah mit vierunddreißig höchstens wie Mitte zwanzig aus.

Na, Emilia, möchtest du vielleicht doch mit mir zurück nach Lissabon kommen?

Nein, ich will erst mein Studium abschließen.

Na dann, studier fleißig Du bist so klug. Hier, meine neue Nummer. Falls du Geld brauchst oder irgendetwas anderes, ruf jederzeit an.

Danke, Mama. Du hast mir schon so viel gekauft und genügend Geld gegeben, das reicht sicher eine Weile.

Emilia bemerkte nicht, wie Claudia beim Wort Mama zusammenzuckte.

Sie hatte nie wirkliche Muttergefühle entwickelt und ihrem portugiesischen Mann sogar verschwiegen, dass sie in Deutschland eine erwachsene Tochter hatte er glaubte, sie unterstütze Eltern und ihre kleine Schwester.

Claudia liebte Emilia sicherlich, aber eher auf eine distanzierte, verwandtenähnliche Weise.

Als ihr Mann sie jedoch verließ für eine Landsfrau , suchte Claudia als Erstes Unterschlupf bei ihrer Tochter.

Emilia, hast du etwas dagegen, wenn ich eine Weile bei dir wohne?

Natürlich habe ich nichts dagegen. Ich werde ohnehin bald heiraten, und nach der Hochzeit werde ich mit Markus zusammenziehen.

Heiraten? Ist das nicht ein wenig früh? Du bist doch erst zwanzig geworden.

Zu früh?fragte Emilia, hielt sich aber zurück. Sie wollte ihrer Mutter nicht vorwerfen, selbst mit sechzehn Mutter geworden zu sein.

Emilia war erwachsen geworden und entschied für sich selbst, wann und mit wem sie ihr Leben teilen möchte.

Sie verglich die Eltern von Markus oft mit ihrer eigenen Mutter. Die beiden hatten sie wie eine Tochter aufgenommen, während Claudia sich kaum dafür interessierte, wen Emilia heiraten wollte.

Ich komme zur Hochzeit, aber jetzt brauche ich etwas Ruhe und fliege erst mal nach Griechenland.

Mmh Griechenland Da soll es schön sein. Markus ist auch manchmal beruflich dort, er ist sogar gestern für Verhandlungen hingeflogen

Es waren nur noch wenige Tage bis zur Hochzeit. Emilia war erschöpft von den ganzen Vorbereitungen.

Markus hatte geschäftlich zu tun und verspätete sich, und Claudia war seit ihrer Abreise aus Nürnberg nicht mehr erreichbar. Emilia wusste kaum, was sie denken sollte.

Aber sie wusste genau, wie sehr sich Markus freuen würde, wenn er hörte, dass Emilia schwanger war!

Geplant hatte sie es nicht, aber die Hochzeit stand ja bevor, also würde niemand annehmen, sie habe das Kind unüberlegt bekommen.

Endlich bist du da! Ich dachte schon, du seist in eine Griechin verliebt und willst mich nicht mehr heiraten.

Quatsch, Emilia. Du weißt doch, dass ich keine Affären habe.

Obwohl da tat Markus nicht ganz die Wahrheit. Eine Affäre hatte er durchaus während der letzten Griechenlandreisen.

Kurz vor der Hochzeit stand plötzlich eine fremde Frau im Türrahmen Sophia, eine Griechin.

Emilia wusste nicht, wie ihr geschah.

Welches Geheimnis soll ich verheimlichen? Ich bin von Markus schwanger, ich habe ihm lange gesagt, er solle dich informieren

Wie bitte? Du bist schwanger von meinem Verlobten? Das kann doch nur ein Witz sein?

Habe ich den Anschein, zu scherzen? Wir haben uns in Griechenland kennengelernt, uns ein paar heiße Nächte gemacht und dann, mitten in den Hochzeitsvorbereitungen Markus, sag ihr, wie wunderbar wir zusammen waren!

Haut ab! Verschwindet! Ich will euch beide nicht mehr sehen!

Emilia, verzeih mir. Das war ein schrecklicher Fehler, es tut mir leid!

Der Fehler war, einen Menschen zu heiraten, der zu so einer Gemeinheit fähig ist!

Emilia beantragte die Scheidung und sprach weder mit Markus noch mit ihrer Mutter je wieder.

Sie kehrte in ihr Heimatdorf zurück, zu ihren Großeltern auf den Bauernhof. Sie brachte dort einen gesunden Jungen zur Welt.

Über Claudia oder Markus hörten wir nichts mehr. Wir wollten es auch nicht.

Doch einen Monat nach der Geburt rief das städtische Krankenhaus in Nürnberg an:

Sind Sie die Tochter von Claudia Bergmann?

Ja, ist etwas passiert?

Ihre Mutter ist bei der Geburt eines Mädchens verstorben. Unser Beileid. Vielleicht möchten Sie das Kind zu sich nehmen? Oder sollen wir das kleine Mädchen ins Kinderheim bringen?

Ich ich komme, ich hole sie ab!

Emilia holte das Kind. Sie konnte es einfach nicht anders machen.

Markus hätte sich ohnehin nie um das Kind gekümmert, in seinen Augen war nur Claudia schuld an allem.

Für Emilia jedoch waren sie beide verantwortlich, und überhaupt sollten Kinder keine Fehler ihrer Eltern ausbaden.

Kinder sind ein Glück ihr Glück. Und Glück kann man nie genug haben

Heute weiß ich: Wichtig ist, was wir unseren Kindern geben können Liebe, Geborgenheit und Vergebung. Das ist das, was am Lebensende zählt.

Rate article
Homy
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: