Du, stell dir vor, wie das war: Das Flugzeug tauchte aus den Wolken auf, schaute sich fast schüchtern um, drehte eine große Schleife und setzte so sanft auf, als wollte ein Bräutigam seine Liebste am Altar küssen.
Alle im Flieger klatschten, aber die Piloten hörten das gar nicht.
Und auch unser Karl Kappl, der sich im Flug die Ohren verstopft hatte, bekam davon nichts mit.
Karl drückte und blies stundenlang alles an Luft kam irgendwie raus, nur nicht da, wos sollte, und in seinem Kopf rauschte es weiß wie ein Fernseher ohne Empfang.
Er war gerade früh morgens von seiner Mutter aus München zurück, damit er sich noch schnell für die Arbeit vorbereiten konnte.
Seine Frau Hildegard war wach und wirbelte gestresst durch die Wohnung, räumte alles wild hin und her.
Karl schlich sich in die Küche und machte sich sein Mittagessen fertig.
Der Gehörsinn kehrte einfach nicht zurück.
Ich bin weg!
Ich habs satt!
Alles einfach alles ist mir zu viel!
Dein Lohn reicht kaum fürs Brötchen, unsere Wohnung ist irgendwo am Rand von Berlin, und ich dachte, ich wäre einfach verrückt nach dir, aber scheinbar hab ich nur irgendeine Grippe erwischt! Sie schmiss ihm die Wahrheit wie Dartpfeile in den Rücken, während er seelenruhig Kartoffeln aus dem Topf in seine Thermoskanne füllte.
Ich geh zu Ludwig du kennst ihn nicht, er dich auch nicht, aber er ist klasse!
Genau die Gefühle, die man haben soll, hab ich jetzt.
Mach dir keine Sorgen, ich bin dir treu geblieben, wir haben noch nichts miteinander gehabt.
Ich gehe also wie eine anständige Frau, damit du später keinem Mist über mich erzählst.
Schon gar nicht deiner Mutter!
Karl packte sein Essen zusammen und ließ die Kaffeemaschine laufen.
Sagst du denn gar nichts?
Ich stell mich hier total bloß!
Hilde, kannst du bitte meine Jeans noch bügeln? rief Karl durch die Wohnung.
Was?
Meine Gefühle, und du willst, dass ich deine Hosen bügle?!
Ich dachte, vielleicht hältst du mich zurück…
Aber weißt du was lass mal!
Kaum hatte sie den Satz zu Ende gebracht, schnappte sie sich eine Tasche, verwechselte in ihrer Rage die eigene mit Karls Arbeitstasche und stürmte raus.
Erst als die Tür vibrierte vom Knall, begriff Karl: Sie war wirklich weg.
Wo geht sie denn jetzt hin?
Und meine Jeans?
Mist, wo ist überhaupt mein Mittagessen? dachte er.
So verarbeitete Karl seinen morgendlichen Beziehungscrash.
Da er seine beiden Thermoskannen nicht fand die waren ja in der Tasche, die Hildegard hatte , zog Karl mit zerknitterten Hosen los zur Arbeit.
Im Aufzug nickte er der Hausverwalterin Frau Migut eine, die nach dem monatlichen Hausgeld immer aussah, als hätte sie das Geld noch direkt zur Hanse getragen.
Man munkelte, ihre Parfüm-Clouds seien stark genug gewesen, Pferde zu beleben und ungeliebte Nachbarn aus ihren Wohnungen zu jagen.
Karl hielt die Luft an, stieg ein, und schaute Richtung Ausgang.
Der Aufzug wirkte wie eine Gaskammer, die sich ins Erdgeschoss schlich.
Sie haben noch nicht für die Schädlingsbekämpfung gezahlt!
Heute kommen die vorbei und machen alle Wohnungen sauber Schabenbekämpfung.
Zahlen Sie bitte bis heute Abend, am besten per Überweisung, drängte sie ihn.
Karl schwieg.
Da beugte sie sich ganz nah an sein Ohr und brüllte: Bis heute Abend will ich das Geld sehen!
Herzlichen Glückwunsch und wohin werden Sie denn überwiesen?
Zurück nach Hamburg? Karl konnte sich das Lachen kaum verkneifen.
Er glaubte wirklich, die Frau sei eine Urenkelin von Barbarossa.
Sie schimpfte ihn noch ordentlich aus, aber durch das Parfüm und Rauschen in den Ohren verstand Karl nur Bruchstücke: -er, -dorf, -ung, -echt klang eher wie Altdeutsch, und er nickte, als wäre er auf einer Kunstausstellung.
Endlich öffnete der Aufzug und Karl atmete knisternden Berliner Morgenluft, während Frau Migut ihre Runde durch den Flur drehte, um das Geld einzusammeln.
Karl arbeitete als Elektriker.
Seit letzter Woche war er in einer Baustelle, bei einem Kunden, der sowohl finanziell als auch kreativ komplett überfordert war, aber unbedingt sein Traumschloss wollte.
Die Materialien und dabei gelieferten Pläne entsprachen dem Charakter mit ziemlicher Eigenwilligkeit.
Karl war dabei nicht alleine.
Zeitgleich steckte ein Klempner und die Bauarbeiter mit ihm im Dilemma.
Während Karl die Wände fürs Kabel legt, schwitzten die anderen irgendwo anders.
Dann kommt der Kunde hatte die Nacht auf einer Geburtstagsparty komplett durchgemacht und kam mit sehr künstlerischer Laune zur Baustelle.
Alles falsch!, schrie er und stampfte mit dem Fuß.
Die Steckdosen müssen wie auf dem Schachbrett angeordnet sein, und der Kronleuchter ist drei Grad zu weit rechts von der Erdachse genau so, oder ihr kriegt keinen Cent!
Mit solchen extravaganten Wünschen und Drohungen besuchte er jedes Zimmer, dann verschwand er in Kinderzimmer und schlief auf einem Gips-Sack ein.
Sieben Stunden später steht er wieder auf, öffnet die Tür und sieht das Ergebnis: Die Handwerker hatten Wohnzimmer und Küche neu verbunden und es gab jetzt ein Gäste-WC im Bad.
Der Kunde war voller weißem Staub und hatte ein Gesicht voller Panik.
Er wollte alles bestreiten, doch die Handwerker zeigten ihm das Video, auf dem er alles selbst angeordnet hatte.
Nur Karl hatte nichts geändert die Ohren waren ja taub.
Ob aus Resignation oder Ehrlichkeit, Karl bekam eine kleine Prämie für Standhaftigkeit gegen besoffene Kreativität, die anderen wurden entlassen aber immerhin wurde am Schluss alles bezahlt.
Abends, hungrig und völlig durch, wusste Karl ohne Ohren schafft er es nicht mehr und ging zum Arzt, damit der ihn wieder in die Hör-Welt zurück holt.
Unterwegs jagte ihn ein wütender Schäferhund.
Der bellte lautstark, aber im stummen Film von Karl war alles ohne Text Mensch und Hund spielten ihre Rollen, aber was der von Karl wollte, blieb ein Rätsel.
Also ging er einfach weiter, ganz souverän.
Irgendwann verlor der Hund die Lust.
Möge Sie der Klang wieder erreichen!, sagte der Arzt und reinigte Karls Ohrkanäle.
Zurück im Leben, machte sich Karl auf Richtung Zuhause.
Auf dem Weg zählte er die Prämie: 50 Euro und kaufte eine Bockwurst im Teig sowie einen bescheidenen Blumenstrauß für Hildegard.
Vor dem Haus traf er seinen bedrückt schauenden Nachbarn.
Hast dus schon gehört? fragte der.
Heute?
Nee, ich hab den ganzen Tag nichts gehört, sagte Karl und steckte sich den kleinen Finger ins Ohr.
Frau Migut die Hanse-Dame hat von allen das Hausgeld gesammelt und sich dann abgesetzt.
Sie ist in eine andere Stadt gezogen und hat alles im Voraus geplant.
Die ist fies!
Sie hat alle sieben Eingänge abgeklappert.
Hast du gezahlt?
Nee, hab ich nicht, schüttelte Karl den Kopf.
Sie hat heute Morgen was gesagt, aber ich habs nicht verstanden.
Glück gehabt.
Ich, Idiot, hab gezahlt.
Aber immerhin: Während sie durchs Haus lief, sind die Schaben von ihrem Parfüm schon gestorben, grinste der Nachbar.
Ist gar nicht so schlimm.
Karl kam in die Wohnung, und ihn empfingen die Düfte von Frikadellen und eine überraschend liebevolle Hildegard.
Du, verzeih mir bitte, ich war total durch den Wind, irgendwas hat mich überrollt.
Keine Ahnung, was mit mir los war Sonnenflecken wahrscheinlich!
Ich nehm alles zurück, was ich gesagt habe, und bitte dich, mir zu glauben, dass ich nichts Dummes getan habe.
Ludwig gibts gar nicht.
Ich war bei meiner Schwester, hab den Dampf abgelassen, jetzt ist der Kopf wieder frei.
Deine Reaktion heute Morgen war echt.
Das hat mich wachgerüttelt.
Verzeihst du mir, Dummchen?
Sie überschüttete Karls Gesicht mit Küssen und lud ihn an einen festlich gedeckten Tisch.
Ich hab wirklich nichts gehört heute, gestand Karl, und fühlte sich, als bekäme er einen Preis für nichts.
Danke!, drückte Hildegard ihn fest.
Krass, dachte Karl, der heute gar nichts Besonderes gemacht hatte.
Vielleicht sollte ich öfter mal die Ohren zumachen dann wär das Leben womöglich leichter.Später, als Karl satt und selig im Wohnzimmer lag, hörte er erstmals wieder das Knistern der Luft und das leise Lachen von Hildegard, das wie ein Herzschlag durch die Wohnung trieb.
Sie schnappte seine zerknitterten Jeans, strich lachend drüber und meinte: Die wirst du nie los, das weißt du, oder?
Karl grinste und dachte, dass das Leben mit all seinem Rauschen und Schleifen manchmal dann am besten klingt, wenn man einfach nichts versteht.
Als draußen die ersten Sonnenstrahlen den Berliner Randstreifen vergoldeten, stand Karl auf, zog seine frisch gebügelte Jeans an und war plötzlich sicher, dass eines garantiert war: Wenn irgendwer noch was hören wollte, dann würden sie es gemeinsam hören.
Egal, ob Fernsehrauschen, Schaben-Geschichte, verrückte Kunden oder einfach nur einen Tag, der beginnt.
Denn manchmal reicht ein Ohr voll Liebe und ein bisschen Kartoffelsalat im Bauch für einen vollen, leisen Neubeginn.




